Meine vorerst letzte Amtshandlung als Student ist das Anfertigen einer fesselnden Bachelorarbeit. Ich habe mich dafür entschieden, die Arbeit über jemanden zu schreiben, mit dem ich mich in den letzten Jahren schon öfter auseinandersetzen durfte und der mir deshalb intellektuell nahesteht(1): Der römische Kaiser Valerian, seines Zeichens hochnäsiger Vertreter der aussterbenden Klasse von römischen Aristokraten, der das Glück hatte (oder das Pech, je nach Perspektive), von 253 bis etwa 260 Imperator und Obermufti des Römischen Reiches sein zu dürfen. Sein Sohn Gallienus hat mich im Laufe meines Studiums mehrfach belästigt, wie man hier und hier nachlesen kann. Vom Clan der Licinier, so heißen die nämlich mit Nachnamen, komme ich also gerade nicht los.
Ähnlich wie ich hatte auch jemand anders ein Faible für Licinier: Schapur, der Großkönig von Persien. Seiner Vorliebe für tattrige Römer ging der Perser nach, indem er den ältesten und dämlichsten Licinier, den Valerian nämlich, gefangennahm und nie wieder herausließ. Und das kam so:
Im Jahr 253 rief der amtierende Kaiser Trebonianus Gallus den Valerian zur Hilfe. Kaiser Gallus musste sich nämlich gegen einen Aemilianus wehren, der selber Kaiser werden wollte. Bevor nun die Truppen von Gallus und Aemilianus gegeneinander kämpfen konnten, um herauszufinden, welcher von beiden der tollere Kaiser ist, haben sich Gallus’ Truppen entschlossen, der Schlacht aus dem Weg zu gehen, indem sie ihren Chef umbringen. Valerian stand nun mit seinen Truppen belämmert in der Gegend umher, denn das mit dem Kaiser-Helfen hatte irgendwie nicht so recht hingehauen. Um sich selbst etwas aufzubauen und die Sache interessanter zu gestalten, riefen Valerians Truppen nun ihren eigenen Chef zum Kaiser aus. Jetzt hätten Valerians und Aemilianus’ Truppen gegeneinander kämpfen müssen, aber diesmal hatten Aemilianus’ Truppen keine Lust und machten ihren Chef kalt, so dass Valerian aus dem turbulenten Jahr 253 als Kaiser hervorging, ohne es wirklich gewollt zu haben. Er hatte halt einfach zu lange überlebt.
Kaiser war damals ein beschissener Job, weil an allen Ecken und Kanten irgendwelche anderen Leute Kaiser werden wollten(2), und außerdem kamen von überall Barbarenhorden angelaufen und wollten Nahrung, Geld, Land und Frauen.
Auf der anderen Seite des Mittelmeers gab es jemanden mit dem unhandlichen mittelpersischen Namen Šhpwhry. So ein Konsonantenhaufen klingt für neuzeitliche Ohren etwas befremdlich, weswegen man das Männlein gemeinhin Schapur nennt. Der Herr war Großkönig von Persien und hatte ein ziemlich großes Reich, das dem des Valerian in rein gar nichts nachstand, fand er.
Schapur selbst war leider gar nicht so groß, wie sein Titel vermuten lässt. Deswegen hat er stets einen witzigen Hut aufgesetzt, der ihn größer wirken ließ. Der Hut hatte dafür aber den entscheidenden Nachteil, dass er ein bisschen bescheuert aussah, nämlich so, als hätte der Perser eine gigantische Shampoo-Flasche auf seinen Kopf geschnallt, die beständig und tröpfchenweise die Haarpracht des Herrschers mit herrlichen Haarpflegemittel benetzt. Das verlieh unter Persern augenscheinlich eine unvergleichliche Autorität.
Dass Valerian nun in seinem Römischen Reich Problemchen mit grausamen Goten, gemeinen Germanen und belämmerten boranischen Barbarenhorden hatte, hat Shampoo-Schapur auch gemerkt. Deswegen nahm er ein paar Tausend potente Perser und eine Menge Reserveshampoo mit und zog nach Westen.
Dieser antike Aktionismus stellt die moderne Geschichtsforschung vor einige wirklich schwerwiegende Probleme. Leider sind aus dieser Zeit unglaublich wenige Sachverhalte sicher überliefert – den Ablauf der Ereignisse zu rekonstruieren, ist manchmal nicht und meistens nur ungenau möglich.(3) Und da Historiker unglaublich aggressiv sind, streiten sie sich schon seit Jahrzehnten darum, was denn Schapur nun wann gemacht hat und wieso.
Schapur hat sich sowas wohl schon gedacht und war so nett, der Nachwelt im Iran ein gigantisches Relief und eine Inschrift in der Ich-Form zu hinterlassen, in der er haarklein(4) auflistet, was er gemacht hat. Da steht dann: “Ich, Schapur, Großkönig von Persien und auch von diesem und jenem Gebiet, habe den Kaiser Valerian mit eigenen Händen gefangen genommen, als ich gerade die Städte Carrhae und Edessa belagerte…”
Diese total ausführliche Inschrift reicht den modernen Historikern nicht. Die zweifeln immer. Weil sie es können. Die fragen dann zum Beispiel:
- Mit eigenen Händen? Das kann ja wohl nicht stimmen. Das ist doch eine Metapher. Oder nicht?
- Wann war denn das überhaupt?
- Wieso hat er Carrhae und Edessa belagert?
- Sind die Städte denn eingenommen worden? Davon steht da nämlich nichts.
- Warum macht er denn eigentlich eine Inschrift? Und warum in dieser Sprache? Und ist die überhaupt echt?
- Außerdem stimmt ja die mittelpersische Grammatik in dem Text gar nicht.
- Und die Liste der eroberten Städte in dieser Inschrift kann so auch nicht stimmen, nein nein, das ist ganz ausgeschlossen…!
Und über all diese Punkte wird dann ausführlichst gestritten. Da werden Bücher und Aufsätze geschrieben, als gäbe es kein Morgen(5).
Schapur wusste noch nicht, dass sich 1800 Jahre später Menschen darüber den Kopf zerbrechen, ob er beispielsweise die Stadt Antiochia eingenommen hat oder nicht. Er machte sich darüber vermutlich wenig Gedanken, nahm die Stadt einfach ein, tötete ein paar Tausend Menschen und ließ den Rest ins sonnige Persien deportieren.
Valerian (der depperte römische Kaiser) fand das nicht so toll und zog ihm mit einigen Leuten entgegen. Auf irgendeine Weise haben sich Schapur und Valerian dann einige Jahre lang bekämpft(6), bis Schapur dann den in Würde ergrauten Valerian gefangen nahm. Wie das nun genau vonstatten gegangen ist, weiß nur der Geier. Deswegen werden wir es wohl nie erfahren, denn der Geier ist vermutlich tot. Schließlich ist das alles ja schon über 1500 Jahre her.
Meine unterhaltsame Bachelorarbeit widmet sich nun außerdem der Frage, was denn mit Valerian geschehen ist, nachdem Shampoo-Schapur ihn gefangen genommen hat. Erfrischenderweise gibt es darüber eigentlich gar keine Quellen, so dass ich schreiben kann, was ich will, ohne dass mich jemals irgendjemand wird widerlegen können. Das ist ein bisschen wie hier beim Unwort. Nur langweiliger.
Unwort des Tages: Šhpwhry.
- Was für ein Ausdruck! [↩]
- Die wussten nämlich noch nicht, was für ein beschissener Job das Kaisersein so ist [↩]
- Ein Problem, das Neuzeit-Historiker nicht haben – im Zweifel findet sich immer irgendwo ein Brief von Napoleon an irgendeine Frau, in dem er dann zum Beispiel schreibt: “Frau, ich gehe heut, am 17.9.1807, mit meiner Armee nach Preußen und werde dort dies und jenes tun!” Und schon braucht sich niemand mehr darum streiten, wann Napoleon denn nun nach Preußen ging und was er dort wollte. Leider sind die Briefe von Schapur und Valerian nicht erhalten. [↩]
- Und es sind viele Haare! [↩]
- Unter berufsmäßig rückwärtsgewandten Historikern ist diese Ansicht verzeihlich [↩]
- Nur die zwei wissen, wer wirklich wann wohin gezogen ist und welche Stadt wann wem gehörte – ich gehe davon aus, dass auch die Zeitgenossen niemals einen Überblick hatten [↩]



Beitrags-Feed
Chapeau!, kann ich dazu nur sagen. :) Und dir viel Erfolg bei deiner Bachelorarbeit wünschen.
Wenn du bei der Bachelorarbeit schon schreiben kannst, was du willst, solltest du zu einem späteren Zeitpunkt vll noch darüber promovieren :D :D :D
@cimddwc (Das Abtippen dieses Nicks ist immer wieder eine Herausforderung!): Danke. Ich sollte demnächst irgendwann mal mit der Niederschrift anfangen. Allein, es mangelt an Motivation.
@Karry: Ich bin vom Promovieren in etwa so weit entfernt wie von einer Mondlandung :-)
Na das freut mich doch wenn ich nächste woche mein Geschichtswissenschafts studium beginne;)
Wird wohl der letzte so lustig text sein den ich zum lesen bekomme;)
Ach, manche Sekundärliteratur ist auch ziemlich witzig. Oft unfreiwillig.
endlich mal eine leicht verständliche art der geschichtsbetrachtung. das versteht auch “was guckst du, eh!” gleich dem nächsten schulbuchverlag vorstellen.
alles gute für die arbeit wünscht
hendrik