Stuttgart 21: Totale Verwirrung in Baden-Württemberg

Stuttgart 21 - Foto: Jens Zehnder / pixelio.de

Wir können alles, außer PR: Stuttgart 21 - Foto: Jens Zehnder / pixelio.de

Eigentlich war das Thema schon tot. Stuttgart 21 – vom Parlament beschlossen, von der Bahn gewollt, vom Volk ignoriert. Von solchen Projekten werden im Jahr einige Dutzend auf den Weg gebracht. Niemand interessiert sich dafür. Dass das Land Baden-Württemberg und die Deutsche Bahn Hand in Hand für einige Milliarden Euro das halbe Land umgraben wollen, war den Leuten herzlich egal. Kaum rollten aber die Bagger an und bedrohten den unglaublich hässlichen Stuttgarter Sackbahnhof, da regte sich plötzlich des Volkes Zorn. Die Menschen erkannten, dass der Bebauungsplan zwar recht hübsch, weil bunt, ist, er aber gleichzeitig vorsieht, dass 282 Bäume im pittoresken Stuttgarter Schlossgarten gefällt werden sollen. Und der ganze Bahnhof gleich mit. Seitdem kocht die Stimmung in Stuttgart. Die Menschen sind dagegen. Die Regierung ist dafür. Die SPD ist erst das eine und dann das andere.

Bei einer ziemlich hitzigen Demonstration letzte Woche kam dann irgendein wildgewordener Polizistenchef auf die Idee, seinen armen Untergebenen die Räumung des Schlossgartens zu befehlen. Aber doch bitte mit Wasserwerfern, Pfefferspray und Schlagstöcken, wie denn auch sonst. Dass dabei mehr als einhundert Menschen verletzt wurden, ist nicht nur rein menschlich bedauerlich(1), sondern auch ein PR-Gau erster Güte. Stuttgart 21 war in der letzten Woche erstaunlich präsent in den Medien. Und zwar ausschließlich negativ. Das Bild vom älteren Herrn, der aus den Augen blutet und weggetragen wird, geisterte durch die Medien. Dagegen kann auch der strahlendste Pressesprecher nichts mehr tun. Die Folge: Die munteren Baden-Württemberger zeigten ihrer Regierung den Stinkefinger. Bei der nächsten Landtagswahl hätten die Grünen gefühlte 80 Prozent. Das weckt dann tatsächlich auch noch den schläfrigsten Mappus aus dem Dornröschenschlaf.

Heiner Geißler soll es nun richten. Der Mann tatterte sich heute in sein neues Amt als Vermittler, und es ging gut los. Zunächst hatten die Gegner des Projektes gesagt, dass sie die Vermittlung akzeptieren. Ja, sogar auf die Forderung nach einem Baustopp während der Gespräche wollten sie verzichten, meldete die französische Nachrichtenagentur AFP. Dann, um 17 Uhr, tritt Geißler in Stuttgart vor die Presse. In den bunten Strauß von Mikrofonen spricht er, dass es während der Verhandlungen doch einen Baustopp gibt. Das sei mit den Konfliktparteien so abgesprochen. Die Welt staunt.

Nun ist es ja aber so, dass das Stadium der totalen Verwirrung per definitionem immer dann eintritt, wenn man es nicht erwartet. Zum Beispiel jetzt: Dass Mappus und Grube einen Baustopp im Grunde ihres Herzens nicht wollen, ist klar. Wie Geißler sie dazu gekriegt hat, dem zuzustimmen, weiß nur der Geier. Und Geier sind sehr schweigsame Tiere. Besonders in Baden-Württemberg.

Die Lösung des Problems kommt in diesem Falle von selbst und vervollständigt die Verwirrung: Einen Baustopp, sagen Mappus und Grube heute Abend unisono, werde es nicht geben. Grube sagt sogar, man habe noch gar nicht über Inhalte gesprochen. Mappus sagt, das Projekt werde wie geplant fortgesetzt. Da fragt sich der handelsübliche Bürger nun: Ja, ist derGei ßler denn schon greis im Gehirn oder wie kommt er auf die Idee eines Baustopps?

Man möge sich das einmal verdeutlichen: Das Land Baden-Württemberg, der Bund und die Bahn geben mindestens vier Milliarden Euro für ein Projekt aus und sind offenbar nicht fähig, eine gescheite Krisen-PR auf die Beine zu stellen. In Stuttgart scheint niemand mehr zu wissen, was Sache ist. Die Verwirrung ist komplett. Und die Presse wird immer schlechter, so das denn noch möglich ist.

Es ist zwar unterhaltsam zu sehen, wie viele neue Facetten die Akteure dieses Dramas an ihrer Geschichte noch finden. Langweilig wurde es nämlich bisher nie. Gleichzeitig packt mich aber auch das Mitleid. Freilich nicht mit den Bäumen im Schlossgarten, sondern mit dem armen Herrn Geißler, der offenbar in Rekordzeit gescheitert ist. Und mit Herrn Mappus, den nur noch ein erfolgreicher Krieg gegen Frankreich, ein Hochwasser oder ein plötzlicher Tod aller Grünenpolitiker vor der Abwahl retten kann. Und mit Herrn Grube und seiner Bahn, auf die die Menschen, mich eingeschlossen, nun noch schlimmer schimpfen als je zuvor.

Aber irgendwie sind sie ja auch selber Schuld.

Unwort des Tages: Baustopp.



  1. Und auch für die Krankenkassen ein ziemlicher Schlag – man sollte umgehend die Beiträge erhöhen! []
Geschrieben am 7. Oktober 2010 in Unseriös, Unübersehbar

12 Kommentare zu „ Stuttgart 21: Totale Verwirrung in Baden-Württemberg

  1. Timo :

    Da muss ich kurz korrigierend eingreifen: Die SPD ist nicht “erst das eine und dann das andere” gewesen, sondern konstant für den Neubau, aber gegen das (wörtliche) Durchknüppeln der Entscheidung, d.h. für mehr Bürgerbeteiligung, d.h. einen Volksentscheid.

  2. Basti :

    Die SPD hat gestern in der Bundestags-Debatte über S21 einen Baustopp und eine Volksabstimmung gefordert (http://www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2010/31725263_kw40_de_stuttgart21/); ähnlich äußerte sich BaWüs SPD-Chef vor zwei Tagen im MoMa. Das, finde ich, ist schon eine ziemliche Kurskorrektur vom einen (“Ja zu Stuttgart 21!”) zum anderen (“Ähm – Stoppt Stuttgart 21 und lasst das Volk darüber entscheiden, das wahrscheinlich nein sagen wird!”).

  3. caro :

    ganz ehrlich? Ich weiß nicht, was ich von diesem ganzen Durcheinander halten soll.
    Aber eins ist klar für mich, es ist ein komisches Gefühl zig mal nach Stuttgart gefahren zu sein und nun zu wissen, dass wenn man es tatsächlich noch mal tun wird, alles anders sein und aussehen wird.
    Das Leben ist Veränderung, dies ist klar. Aber ein komisches Gefühl bleibt dennoch.

  4. Basti :

    Der Witz ist: Die Köpfinnen und Köpfe hinter Stuttgart 21 scheinen auch nicht zu wissen, was sie davon halten sollen. Und wie es aussehen soll, scheint auch unklar. Südflügel bleibt erstmal stehen, Bäume auch, es gibt einen halben Baustopp und einen viertel Volksentscheid…

  5. Aro :

    Für all die, die einen Überblick haben wollen:
    http://is.gd/fQrbZ

  6. Der Polizeieinsatz hatte so sicher seinen Sinn auch wenn es schlechte Bilder sind.

    Aber vielleicht waren gerade diese Bilder genau die PR die gewollt wurde, denn so kommen vielleicht in Zukunft weniger Demonstranten weil sie Angst haben.

    Vll ist das auch nur schon mal ein Vorgeschack für Wendland und die Castor Demos.

    Warum das Volk dort aber nun aufwacht und plötzlich nach zig Jahren Planung ist weiß ich auch nicht.

    In anderen Städten (Düsseldorf) wurde es bei zwei solchen Projekten (Kö Bogen und erweiterung einer Versicherung auf einem historischen Friedhofsgelände)zwar Bürgerbegehren erreicht, doch zu diesen ist kaum einer hingegangen, dem Volk war es egal was in ihrer Stadt passiert.

  7. Irina :

    Ich kann die Aufregung um S21 zwar schon ein Stück nachvollziehen, insbesondere in Bezug auf die harte Art und Weise, wie auf die Demo reagiert wurde. Jedoch das Ausmaß dieser Aufregung, besonders im Kontext dessen, was sonst alles so passiert (ist) die Tage, erschließt sich mir nicht ganz. Die Menschen gehen wegen Bäumen auf die Straße, aber nach Verkünden der Gesundheitsreform, die Millionen von Menschen betrifft, passiert nichts? Die Setzung dieser Prioritäten verstehe ich nicht ganz.

    Mitleid? Für die Bäume, ja, für verletzte (friedliche) Demonstranten, ja. Für Politik und Bahn? Nope :)

  8. Basti :

    @Aro: Was für eine schöne Seite! Und so satirisch! Sowas möchte ich auch mal machen irgendwann.

    @Sebastian: Die Bilder waren mit Sicherheit nicht gewollt – einen Tag nach der Donnerstags-Demo gab es noch eine Aktion. Und es kamen sogar noch mehr Demonstranten, so nach dem Motto “Jetzt erst recht.” Und die Polizei trug auffällige pinke Samthandschuhe und lächelte nur debil in die Runde. Das beweist doch, dass die Bilder vom Donnerstag nicht gewollt waren ;-)

    @Irina: Ich fasse mir an die eigene Nase: Wenn das Thema in den Medien ständig durchgekaut wird, fällt es den Leuten natürlich auch schwer, es wieder zu vergessen…

  9. Aro :

    Satirisch? Ups, das hab ich dann wohl falsch verstanden. Muss ich wohl nochmal alles von vorn lesen :-(

  10. Irina :

    @Basti: Oh, ich bezog mich gar nicht auf diejenigen, die darüber schreiben oder reden. Ein Thema, das überall so präsent ist, wird logischerweise – ist auch gut so – diskutiert (außerdem hatte ich ja ohnehin auf einen neuen Text von Dir gewartet, passt also ;). Mir ging es eher darum, dass S21 es schafft, Leute überhaupt mal auf die Straßen zu bringen, die Gesundheitsreform (z.B.) hingegen nicht.

  11. Basti :

    @Irina: Ich finde es eigentlich gut, dass Stuttgart 21 die Leute mobilisiert, wenn auch ungewollt… es ist, finde ich, ein interessantes Thema. Und vielleicht führt es ja dazu, dass die Leute in Zukunft früher erkennen, was ihre Regierung da vorhat und dann zum richtigen, weil früheren Zeitpunkt widersprechen.
    Utopisch, ich weiß.^^

  12. gezeitenfeder :

    @Irina: Ich denke das hat etwas mit der Sichtbarkeit der Veränderungen zu tun und wie schnell nach einer Entscheidung sie sichtbar werden. Die Umsetzung eines Bauvorhabens ist sichtbarer, als die von so etwas abstraktem wie einer Gesundheitsreform. Aber ja, es ist die Frage was ist eigentlich wichtiger? Oder sollte man so etwas in solch einem Zusammenhang gar nicht fragen? Es sind ja auch zwei verschiedene Lebensbereiche… (obwohl bei Demos verletzte Demonstranten schon wieder etwas mit dem Gesundheitssystem zutun haben…uhu! Es hängt alles zusammen… :) )

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