Zwei Euro siebzehn für Gott

Die Scheinwerfer waren bestimmt teuer / Foto: Jan Christian Schneider, aboutpixel.de

Die Scheinwerfer waren bestimmt teuer / Foto: Jan Christian Schneider, aboutpixel.de

Ungläubigkeit ist wie ein Virus. Oder noch schlimmer: Es ist ein Gedanke, der, einmal ins Hirn eingepflanzt, wächst und wächst und den man nicht wieder los wird. Der sagt: Gott, Der Auf Alles Aufpasst Und Es Übrigens Auch Vorher Geschaffen Hat, ist gar nicht wirklich existent. Oder zumindest nicht mehr an seiner Schöpfung interessiert. Vielleicht erschafft er auch gerade eine Parallel-Welt im Beta-Quadranten – mit Grottenolmen als vorherrschender Spezies(1). Oder er ist in Rente.

Diese geradezu blasphemische Haltung hat mein verirrter Geist schon vor einer ganzen Weile eingenommen. Bisher hatte das keinerlei Folgen, denn in unserer westlichen Zivilisation von Popstars und Radiomoderatoren kann man ganz gut leben, ohne ständig auf eine Gottheit zu stoßen.(2) Da ich nun aber in die Reihen der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer(3) aufgenommen werde und demzufolge Gehaltsabrechnungen bekomme, drängt sich Gott, Der Alles Zusammenhält Und Es Übrigens Auch Vorher Geschaffen Hat, in den Vordergrund: Auf meiner Gehaltsabrechnung steht nämlich, dass ich Gott, Dessen Güte Und Finanzbedarf Unermesslich Ist,  Geld gegeben habe. Und zwar bisher 2,17 Euro Kirchensteuer.

Ich möchte nicht geizig erscheinen – ich gebe gerne, und zwei Euro ist ja nicht viel. Und ich meine, man sollte Gott auch ruhig dankbar dafür sein, dass er das alles gemacht hat damals mit der Installation des Universums und dem Licht und dem magischen Hauch(4) und so. Das ist mir auch gut und gern zwei Euro wert. Aber erstens hat mich niemand um Erlaubnis gefragt, sich das Geld unter den göttlichen Nagel zu reißen und zweitens ist dann bei zwei Euro siebzehn auch bald mal Schluss.

Zudem muss man sich ja fragen, was Gott mit dem Geld anstellt, wo er doch nicht mal einen festen Wohnsitz hat, demzufolge auch keine Tapeten oder Möbelstücke kaufen muss, keine Miete zahlt und vermutlich, wenn er denn mal einkaufen geht, überall satte Rabatte bekommt. Ich wage also zu behaupten: Eigentlich braucht Gott gar kein Geld. Und sein selbsternanntes Bodenpersonal, also diese lustig gekleideten Menschen, die nur dann in den Schlagzeilen sind, wenn entweder Weihnachten oder Ostern ist oder sie schlimme Dinge mit Kindern anstellen, die will ich eigentlich nicht finanzieren. Zumindest nicht pauschal. Und nicht mit zwei Euro siebzehn.

Deswegen möchte ich aus der Kirche austreten. Weil es Gott, Der Alles, Also Auch Die Kirche, Geschaffen Hat, ja ohnehin nicht gibt. Und wenn doch, dann versteht er bestimmt, dass ich in dem Verein da nicht mehr mitmachen will. Wenn es Gott gibt, ist er vermutlich ohnehin schon lange selbst aus der Kirche ausgetreten.

Mein Problem ist meine Faulheit. Denn um die lustig gekleideten Menschen loszuwerden und mein Geld vor göttlichen Nägeln zu schützen, muss ich meine Lohnsteuerkarte aus den Fängen meines Arbeitgebers befreien, mit 10 Euro bewaffnet ins Standesamt gehen und dort eine Schwarze Messe zelebrieren oder sonstwie meine Gottlosigkeit unter Beweis stellen. Wobei mich nicht die Schwarze Messe stört, sondern eher die Öffnungszeiten des Standesamtes.

In den letzten Monaten wollte ich diesen wichtigen Schritt wirklich jede Woche unternehmen, aber ich bin bisher nicht dazu gekommen. Ob das wohl ein göttliches Zeichen ist?

Vermutlich nicht.

Unwort des Tages: Halleluja.



  1. Grottenolme zweifeln nicht. Grottenolme klagen nicht. Sie beten nicht und denken kaum. Sie sind sehr genügsam und demzufolge für eine Gottheit quasi perfekte Kunden, weil sie so pflegeleicht sind. Und sie brauchen auch kein Licht, weswegen sich die Gottheit jenen dämlichen Spruch sparen kann, der nach einigen Tausend Jahren ohnehin nur noch für Flachwitze missbraucht wird, von wegen “Haha, er fand den Schalter nicht… []
  2. Es sei denn, man hält Dieter Bohlen für eine Gottheit, und ja, es soll Menschen geben, die das tun []
  3. sowie derjenigen Arbeitnehmerinnen, die zwar biologisch Arbeitnehmerinnen sind, sich jedoch wie Arbeitnehmer fühlen und andersrum []
  4. Oder war das bei Final Fantasy?! []
Geschrieben am 19. August 2010 in Ungläubig, Unseriös

20 Kommentare zu „ Zwei Euro siebzehn für Gott

  1. Aro :

    Und jetzt ein Witz: “In Deutschland herrscht eine Trennung von Staat und Kirche.”
    Etwa genauso wie im Iran.

  2. Basti :

    Im Iran gibt es nicht mal eine Kirchensteuer. So siehts nämlich aus.

    Ich packe gleich morgen meine Koffer und wandere nach Teheran aus. Ganz bezaubernde Gegend soll das ja sein!

  3. Aro :

    Vergiss die Burka nicht!
    Es wird bald wieder kälter.

  4. cabrow :

    Es gibt in Deutschland nicht nur die Trennung zwischen Kirche und Staat, sondern auch die Trennung zwischen Staat und Banken, trotzdem finanziert der Staat sowohl Kirche als auch Banken. Im Iran finanziert das Öl übrigens Kirche, Staat und Banken, wir sollten also lieber uns vom Öl trennen ;).
    Warum du 10 Euro für den Austritt aus der Kirche blechen musst ist mir übrigens schleierhaft. Ist es nicht viel eher so, dass der Staat dir dankbar sein müsste, weil du ihm Verwaltungsaufwand sparst?

  5. Basti :

    @Aro: Habe ich ohnehin immer dabei, ich finde die Dinger verdammt kleidsam.

    @cabrow: Ich finde ja auch, dass es kostenlos sein sollte. Aber auch mich hört da ja keiner. Und die Hürde ist ja auch mehr der Verwaltungsaufwand als das Geld…

  6. André :

    Schön das Deine “Religionsfreiheit” nur 10 Euro kostet, bei mir war das wesentlich teurer. Erinnert ein an eine Geiselnahme… Einpacken kostenfrei, raus nur gegen Gebühr.

  7. Irina :

    10 Euro? Das ist ein Schnäppchen! Bei mir hat das damals ganze 50 DM gekostet, als ich einen Tag nach meinem 18. Geburtstag der Kirche Bye-Bye gesagt habe.

    (Dass ich später mal mit meinen Steuern zwangsweise dennoch zur Finanzierung der Kirche beitragen würde – Atheist hin oder her -, wusste ich damals noch nicht…)

  8. Basti :

    @André: Das ist anscheinend von Gemeinde zu Gemeinde unterschiedlich. Gerüchten zufolge soll es in BaWü tendenziell deutlich teurer sein… ;-)

    @Irina: Soweit ich weiß, zahlt man Kirchensteuer nur dann, wenn man Mitglied ist. Oder nicht? Das wäre ja gemein…

  9. Irina :

    Kirchensteuer zahlt man nur, wenn man Mitglied ist (und in Deutschland wohnt), das stimmt. Aber leider zahlt ja der Staat auch kräftig an die Kirche: http://bitURL.net/ahqt (Spiegel Online)

    (Und wegen der Kosten: Die erwähnten 50 DM habe ich in der Tat in BaWü bezahlt; spricht also für Deine These ;)

  10. André :

    @ Basti: Die Gerüchte sind wahr und ich hab das mal auf die Nähe zu Bayern geschoben ;-)

    Es ist zudem in der Tat so gemein. Denn so ganz kann man aus der Finanzierung der Kirchen nicht aussteigen.

  11. Karry :

    zählt man als mann in burka eigentlich als transvestit? oder nicht, weil man es von außen nicht sieht? gibt es im iran überhaupt kirchen?

    irgendwas stand doch auch wieder an zahlen gerade vor zwei tagen in der zeitung was ein- und austritte in der kirche angeht…ich krieg nur nicht ganz zusammen, was von beidem mehr war :D

  12. Shredhead :

    Übrigens zahlt man auch Kirchensteuer, wenn man in keiner Sekte drinhängt. Allerdings nur in dem Fall, dass man einen 400 Euro Job hat. Solchen Arbeitnehmern wird eine sogenannte “Pauschsteuer” von 2% erhoben, die neben dem Soli eine Kirchensteuerpauschale beinhaltet.
    So muss ich, lebenslanger Atheist, einen Teil meines sauer verdienten Geldes den Sekten in den Rachen werfen. Säkularer Staat ftw…

  13. Basti :

    @Karry: Interessante Frage, die man einer Burkaträgerin ja mal stellen könnte. Es fallen mir dazu aber gleich mehrere Probleme ein, weswegen ich diese Aufgabe gerne an dieser Stelle ausschreibe und darauf harre, dass jemand anders das tut…

    @Shredhead: Wieder was gelernt, vielen Dank ;-)

  14. haweka :

    du hast ja so recht basti! was soll gott mit all dem geld? das ist doch nur für diese lustige pädophile trachtengruppe und deren paläste…und die haben sooooo viel geld, ist erst letztens gerade wieder herausgekommen. im gegesatz zu dir wollten die damals von mir von meinem ersten verdienst sage und schreibe 50 DM ! da habe ich gott sofort den rücken gekehrt, und zwar für immer. der war da sowiso schon aus der kirche ausgetreten nach all dem mist, der in seinem namen veranstaltet worden ist…
    grüßi
    haweka

  15. lula :

    Hm,
    in BaWü darf man zur Zeit sogar 60 Euro dafür zahlen, nichts zahlen zu müssen. In welchen Kirchen kann ich eigentlich sein und muss dafür steuern zahlen und in welchen Religionen nicht? Wenn ich jetzt mal Shintoismus beim Standesamt angebe, muss ich dann was zahlen?

  16. Basti :

    Ich glaube nicht, dass man für irgendeine andere Glaubenszugehörigkeit als Standard-Christentum bei uns zahlen muss… nicht mal dann, wenn man ein Zeuge Jehovas ist. Da kassiert dann jemand anders^^

  17. Karry :

    wie vorhin die im Zug, die der jungen Dame, die ihr den Koffer aus dem Gepäcknetz wuchtete, zum Dank so einen Info-Wisch gab, offenbar sind die Seelen hilfsbereiter Menschen der Errettung würdig …darf ich in so einem Fall eigentlich auch die kostenlose Rufnummer der Bundespolizei wählen? :D

  18. Das tut mir leid, dass Du als Atheist so sehr viel für “die Kirche” bezahlen musst. Um welche Kirche handelt es sich denn? Denn wenn es in den USA deren 296 gibt, so wären es in Germany etwa 29,6, und Du bezahlst also 2,17 geteilt duch 29, 6 = 7 cents pro “Kirche”, falls, indeed, mit “Kirche” eine Glaubensgemeinschaft gemeint ist.

    Kommt mir in der Schweiz, wo wir bekanntlich etwas geizig sind, doch eher gering vor. 7 cents.

  19. Basti :

    Zum Glück widmen wir unsere zwei Euro siebzehn ja nur einer Kirche – irgendwann entscheidet man sich einfach für eine Religion, der man nahesteht, und trägt sie in die Lohnsteuerkarte ein, nech. Bei mir stand da bisher immer ein “EV”, jetzt ist es pompös durchgestrichen, überstempelt und sonstwie ungültig gemacht worden. Ich war nämlich schon beim Amt. Bin jetzt offiziell gottlos.

    Oh mein Gott.

    Ach ne! Jetzt ist es ja eher: Oh, euer Gott! Aber das klingt ja auch doof…

  20. Stefan :

    Jetzt bist du frei… für die Zeugen. Du hast es so gewollt.

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