Ringvorlesungen sind stets ein Risiko. Gewissermaßen eine Art Überraschungsei für Studenten. Nur halt ohne Schokolade. Und ohne Spielzeug.
Bei einer Ringvorlesung lädt irgendein angesehener Professor Koryphäen seines Fachs – oder die, die er dafür halt – aus dem In- und Ausland(1) dazu ein, einen Vortrag zu irgendeinem Thema zu halten. Und so präsentiert sich den Studierenden jede Woche ein neuer Dozent mit einem neuen Thema. Für Nerds: Das ist ein bisschen so wie Chatroulette, nur langsamer und mit weniger Genitalien. Der Vorteil ist, dass man jede Woche einen neuen Typus Dozent vorgesetzt bekommt. Was gibt es da nicht alles zu sehen: Kirchennahe Leisesprecher, Powerpoint-Fetischisten in Anzügen, überforderte Frischlinge, nerdige Jungprofs und monotone Schnarchnasen. Zugegeben, diese Art der Abwechslung muss nicht unbedingt ein Vorteil sein.
Dieses Mal ist ein besonderes Wesen zu Gast – nennen wir es Prof. Dr. Wieselbert Wabbel. Professor Wabbel spricht zum Thema “Pakistan” – ein sehr raumgreifendes Thema, aber das stört nicht weiter, denn dem ist er ganz offensichtlich in jeder Hinsicht gewachsen. Seine Erscheinung ist geprägt von einer Nase, die beachtlich schmal und lang zugleich ist; außerdem hat er grau melierte dunkle Haare mit einer angedeuteten Elvistolle. Und einen immensen Bauch. Ein Bauch, in dem Achtlinge bequem Platz fänden(2) Doch damit nicht genug: Irgendwie hat Herr Wabbel es zustande gebracht, ein sogar für ihn zu großes zelthaftes, blau-weiß gestreiftes Hemd anzuziehen. Als Herr Wabbel überraschend wendig zum Rednerpult schleicht, sieht es aus, als würde ein Heißluftballon zum Start vorbereitet.
Das Wesen in dem blauen Zelt bedankt sich nur kurz für die freundliche Begrüßung durch die Gastgeberin und legt ohne ein weiteres Wort sofort los(3). Herr Wabbel hat zwar Notizen dabei, schaut aber während seines einstündigen Vortrages nicht ein einziges Mal hin. Vielmehr fokussiert er sofort und beständig die erste Sitzreihe, in der an Universitäten traditionell niemand sitzt.(4)
Mit monotoner Stimme beginnt Herr Wabbel seinen Vortrag. Schon nach dem ersten Wort steigen zwei kurze Ärmchen wie kleine Ersatzballons in die Luft auf und fuchteln in zwei kleinen Kreisen links und rechts vom gigantischen Bauch umher. In den nächsten 60 Minuten haben sie dann genügend Gelegenheit, jede Art von Kreisen auszuprobieren: Links ein großer, langsamer Kreis, rechts ein kleiner, schneller und umgekehrt; zwei kleine, schnelle, hektische Kreise wahlweise links- oder rechts herum; eine Fallende-Axt-Geste mit links und ein Miniaturkreis mit rechts und so weiter. Der Kreativität von Wabbels Händen sind keine Grenzen gesetzt. Beeindruckenderweise bewegen sich seine Gliedmaßen total unabhängig vom Inhalt seines Vortrages. Als es dann aber um das pakistanische Militär geht, verfallen die Hände in gemeinsame ruckartige Bewegungen vor und zurück, mal nach links und mal nach rechts. Es sieht aus, als ob Herr Wabbel Basketball spielt und gelegentlich antäuscht.
Ich bin auf der einen Seite beeindruckt von der inhaltlichen Qualität des Vortrages, andererseits aber etwas irritiert durch diese äußere Erscheinung des Gastes: Ein raumgreifender Herr in einem gigantischen hellblauen Hemd mit Elvistolle und kurzen Ärmchen, die in der Luft herumkreisen, der – beständig und ohne Pause redend – die leeren Stühle der ersten Reihe anschaut. Es wirkt fast surreal.
Immerhin habe ich viel über Pakistan erfahren.
Unwort des Tages: Heißluftballon.
- In Wissenschafts- und Bildungsfragen zählen übrigens andere Bundesländer schon als Ausland [↩]
- Vermutlich dächten die sogar noch über Nachwuchs nach, so viel Platz hätten sie. [↩]
- Andere Gastdozenten haben die Angewohnheit, anfangs wortreich zu begründen, warum sie von dem ihnen eigentlich zugedachten Thema so stark abweichen und warum das – wie schade! – so viel länger dauern wird als eigentlich geplant, “und daher bitte ich um Nachsicht” [↩]
- Egal, wie voll es ist. [↩]


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Tja, Ringvorlesung sind was schönes wobei Ringe doch kein Ende haben, Vorlesungen aber schon, könnte man jetzt drüber philosophieren wie Heißluftballons in Ringen über Unis schweben. Dabei sind Heißluftballons viel schöner als Hörsäle und mein Unwort des Tages wäre eigentlich eher “kreisen” gewesen aber gut nun heißt es also Heißluftballon und ich frage mich ehrlich woher du immer wieder diese gute Sprache bekommst…
Ringe haben kein Ende, Vorlesungen aber schon… Ach, das klingt wirklich schön. Dabei studierst du doch gar kein Philosophie… aber sowas Ähnliches, nä? ;-)
Hallo!
Mir gefällt Deine Art zu schreiben!
Ich werde jetzt öfter hier vorbeischauen. :-)
Herzlich,
Coralita
Freut mich sehr, Coralita. Fühle dich wie zuhause.. ;-)
@ Basti
Wie Zuhause? *maul*
Ich dachte hier könnte ich es geniessen mich als Gast zu fühlen. Aber gut. Wo steht der Staubsauger? Wo das Spülmittel? Soll ich die Fenster auch putzen?
Nein, wenn ihr lesen wollt, dann müsst ihr auch putzen. Wer nicht putzen will, muss zahlen – dafür werde ich dann noch ein Bezahlsystem entwickeln… Das ist endlich mal eine Möglichkeit, mit Onlineschreiben Geld zu verdienen! Ich habe das Problem gelöst! Her mit dem Pulitzer-Preis, oder nein – her mit dem Bundesverdienstkreuz!
Staubsauger: Da hinten. Spülmittel: dahinter. Fenster: Ja, bitte.
sehr unterhaltsam…aber mir ist völlig schleierhaft, wie du bei dem gefuchtel überhaupt noch was vom inhalt mitgekriegt haben willst Oo…
noch viel schöner als ringvorlesungen sind probevorlesungen mit lehrproben…wo man unentgeltlich als studentisches versuchskaninchen gleich mehreren unbekannten mehr oder weniger selbsternannten koryphäen (schönes griechisches wort übrigens…mit dem unvermeidlichen ä-laut…heißt übrigens “gipfel”) herhalten muss und den salbungsvollen kommentaren der natürlich VÖLLIG unvoreingenommenen berufungskommission lauschen darf, die versuchen ihre nicht-favoriten reinzureiten und ihren lieblingen brücke um brücke zu bauen…
aber schön ist auch, wenn dein eigener dozent so mehr im vorbeigehen anfängt das mobiliar im hörsaal zu zerlegen oder so…
Ja, ja, die Ringvorlesungen. Immer wieder ein traumhaftes Erlebnis, bei dem man regelmäßig auf allerlei illustre Gestalten trifft. Ich selbst hatte vor zwei Semestern eine Ringvorlesungen mit einer etwas älteren (o.k. … sehr viel älteren Dame), die mich ein wenig an eine Hexe erinnert hat. Warte immer noch drauf, sie mal mit ihrem Raben zu sehen…
Was ich allerdings wesentlich störender finde ist das in den Ringvorlesungen permanent schwankende Vorlesungsniveau. Manchmal hat man einen Dozenten der was taugt, tags darauf wieder nicht. Ein wenig nervig…
P.s.: Sehr unterhaltsamer Artikel :)
Das ist ein bisschen wie Lotto, stimmt schon… und die Gewinnchancen sind vergleichbar.^^
nja…aber wenn man bedenkt, dass es wahrscheinlicher ist vom blitz getroffen zu werden oder eine menge geld beim lotto zu verlieren, sehe ich in einer ringvorlesung ein vergleichsweise geringes risiko…es sei denn es kommt mir gleich einer mit zahlen von leuten, die zu tode gelangweilt wurden :D :D :D
“Aber gut. Wo steht der Staubsauger? Wo das Spülmittel? Soll ich die Fenster auch putzen?”
Wann hast Du Zeit?
Ich erinnere mich noch an meine Studentenzeit. Wir hatten auch die eine oder andere Ringvorlesung. Wobie die bei uns ziemlich spannend waren. Auch wurden die Studenten mehr in den Vortrag mit einbezogen, als ich anfangs gedacht hätte. Schade, dass die Ringvorlesungen immer so schnell vorbei waren. Aber es gab im Anschluss immer noch heiße Diskussionen zu den Themen. Deine Beschreibung eurer Ringvorlesung lässt sich aber auch gut lesen.