Fahrkarte für den Autobot

Autobot vor der Verwandlung / Foto Siegfried Fries, pixelio.de
Auf der Suche nach einem Verkehrsmittel, das gerade nicht von Aschewolken oder Streiks betroffen ist, stößt der handelsübliche Zentraleuropäer schnell auf die Eisenbahn. Doch vor das ach so genüsslich-stressfreie Fahrvergnügen hat der liebe Gott den Erwerb eines Tickets gestellt. Das kostet erstens Geld und ist zweitens gar nicht so einfach, da sich die Deutsche Bahn äußerst effizient davor drückt, dem Kunden seine Fahrkarte in einem persönlichen Gespräch zu verkaufen. Vielmehr möge der Kunde bitte eines dieser roten Monstren aufsuchen, die die Bahnhofsgebäude bevölkern und ein ganz klein wenig an schlecht designte Autobots erinnern.
Ich stehe gerade von einem Autobot herum, da tippt es mich auf die Schulter. Ich drehe mich um.
Ein kleines, weißhaariges Männlein in preiswerter Kleidung steht mit leicht derangiertem Blick vor mir und schaut mich mit weit aufgerissenen Augen an. Neben das Männlein drapiert sich eine genau so kleine, blonde Frau mit einer schwarzen Brille. Sie steckt in einer irritierenden, übergroßen signalroten Jacke. Heute haben Autobots anscheinend Ausgang.
“Könn’n Sie uns wohl helfn? Wir wolln ne Karte lösen”, sagt das Männlein in so breitem Norddeutsch, dass ich sogar hier im geschäftigen Kieler Hauptbahnhof die endlose Weite der Tieflandschaft zu spüren glaube.
Akrobat, der ich bin, wische ich in Sekundenschnelle den entgeisterten Ausdruck von meinem Gesicht. Ich bin überzeugt, pfadfinderlich freundlich dreinzuschaun, als ich sage:
“Ja, gern.”
“Also sie ” – er zeigt auf die signalrote Jacke – “will nach Eggernförde. Aber nich von hiä aus, nä, sonnern von Suchsdorf! Also sie brauch nur von Suchsdorf zahln. Weil is billigä, nä.”
“Ich verstehe.” Das tue ich wirklich. “Schauen Sie, drücken Sie hier auf die gelbe Schaltfläche, dann wählen Sie hier aus, dass Sie einen alternativen Abreiseort eingeben wollen, und da geben Sie dann ein…”
“Wäs? Moment…”
Ich komme mir vor wie der hyperintelligente Android Data, der einem ahnungslosen Klingonen den Schiffscomputer der Enterprise erklärt. Ich tue es noch einmal, und diesmal langsam. Das Männlein nickt zwar, aber ich glaube nicht, dass meine Erläuterungen bis in sein Innerstes vordringen, denn er sagt, just als ich als Abfahrtsort “Suchsdorf” eingebe:
“Ja aber sie zahlt ja nich von hiä, nä, sonnern von Suchsdorf…”
“Das steht ja auch da, sehen Sie, da steht’s.”
“Ah.”
“So, das kostet jetzt sieben Euro zehn.”
“Wäs, das kann abä nich sein, nä, weil die Hinfahrt hat ja nuä viä gekosset.”
“Haben Sie vielleicht eine Bahncard?”
Das Männlein schaut die signalrote Jacke an. Die schüttelt mit dem Kopf.
“Nä”, übersetzt das Männlein und schaut mich misstrauisch an. Das Vertrauen in meine Fähigkeiten als Autobot-Flüsterer scheint aus ihm zu weichen.
“Dann müssen Sie wohl leider die sieben Euro bezahlen”, stelle ich fest.
“Abä sie zahlt ja nuä von Suchsdorf, nä!”, beharrt das Männlein.
“Ja, das habe ich auch so eingegeben…”
“Abä dann kannas ja nich so teuä sein!”
“Ähh.” Auf mehr habe ich keine Lust.
“Nä…”, spricht es und schüttelt mit dem Kopf, nimmt seine Signaljacke unter den Arm und entschwindet.
Entgeisterung kehrt für einen kurzen Moment auf mein Gesicht zurück. Doch dann erinnere ich mich an eines meiner Erlebnisse im Zusammenhang mit der Bahn und weiß: Es liegt nicht an mir. Die Bahn ist schuld.
Unwort des Tages: Eggernförde.
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25. Mai 2010 um 07:57 Uhr
super artikel bastian. in gewohntem stil. und die moral von der geschicht: kämpfe mit dem autobot nicht!
sollten uns mal androiden vom schlage datas heimsuchen, sie wären chancenlos gegenüber eggernförde und signalrot.
25. Mai 2010 um 14:43 Uhr
Liest sich sehr amüsant. :D
25. Mai 2010 um 17:26 Uhr
Sehr amüsante Geschichte :) Aber so ist das bei der Bahn: Wenn man keine Ahnung von deren System hat, weiß man erstens nicht, wie genau die Automaten zu bedienen sind und zweitens (wenn man dann sich irgendwie erfolgreich durchgedrückt hat) zahlt man immer drauf. Was habe ich vor zwei Jahren noch wie ein Blödi davor gestanden und immer freudig gestrahlt, wenn ich endlich an dem Punkt ankam, wo ich Geldscheine in den Schlitz schieben konnte. Wie ich jetzt weiß, habe ich damals immer viel zu viel bezahlt.
26. Mai 2010 um 16:47 Uhr
lustig – bahnfahren sorgt zumindest immer noch für blogstoff ;)! und da ich gebürtig aus [dem niedersachsener, also 'dem richtigen' ;)] oldenburg komme, mag ich norddeutsch ^^.
LaRocca, automat ist aber schon billiger als schalter – oder liege ich da falsch? .. ich hab’ beruflich ‘ne bahncard50, die ich auch privat nutzen darf und buche immer online, also hab’ ich da heute eh keine probleme mehr..
27. Mai 2010 um 12:35 Uhr
viel besser sind noch diese fahrkarten, die erst ab einer bestimmten uhrzeit gelten, was dann im kleingedruckten steht, die leutchen aber nicht lesen, weil sie nach erfolgreicher entlockung ihres tickets aus dem automaten, in wilder hast ihren zug noch erwischen wollen…um dann natürlichgemäß zum überteuerten preis eine fahrkarte nachlösen zu müssen :D
27. Mai 2010 um 22:22 Uhr
Sehr nett! :)
Die beiden Heinis müssten übrigens recht haben. Von Kiel nach “Eggernförde” (meine Heimat) kostet`s 7,10, von Suchsdorf muss es billiger sein. ;)Also nur gut, dass sie dir “Autubot-Flüsterer” gegenüber misstrauisch waren. :D
27. Mai 2010 um 22:33 Uhr
@LaRocca: Du kannst ja mal ausrechnen, wie viel du zu viel bezahlt hast und das dann von der Bahn zurückfordern. Dann hast du gleich ein prima Blogthema… :-D
@rebhuhn: Ja, ich sollte glaube ich öfter bahnfahren. Dann hab ich mehr zu bloggen…
@Karry: Da steigt ja ohnehin keiner mehr durch, wann diese Zeitkarten gelten… irgendjemand hat mich neulich auch gefragt, wie das denn mit dem Wochenendticket ist, ob das dann nicht auch nur von Dings Uhr bis Dongs Uhr gilt. (Warum auch immer er/sie gerade MICH gefragt hat…)
@Lucie: Uh, ein Eckernförde-Wesen. Willkommen auf diesem Blog ;-) Ich fände es auch logisch, wenn es günstiger wäre, aber ich kann ja auch nicht ändern, dass der Autobot 7,10 Euro haben wollte! Vielleicht war das auch einfach ein besonders raffgieriges Exemplar…
28. Mai 2010 um 20:13 Uhr
@ basti gehörst du auch zu dieser bemitleidenswerten sorte menschen, die von anderen immer für das mobile auskunftsbüro der bahn gehalten werden?
ich hab immer das gefühl, der ganze bahnsteig steht voller menschen, aber gerade mich fragen sie dann…ich muss sehr vertrauenswürdig aussehen :D
30. Mai 2010 um 21:59 Uhr
@Karry: Vielleicht sehen auch einfach alle anderen noch inkompetenter aus… uhh…