Der Kampf um die Gesundheit

Foto: Matthias Balzer, pixelio.de

Foto: Matthias Balzer, pixelio.de

Ich gebe zu, es war eine schlechte Idee, mit Halsschmerzen am Sonntag um 4.30 Uhr zur Frühschicht zu gehen. Paracetamol sei Dank habe ich es zwar überstanden, wurde aber mit 40 Grad Fieber belohnt.

40 Grad ist im Grunde eine total tolle Temperatur: Alles ist so erfrischend egal. Dringende Dinge, die noch gemacht werden müssen – egal! Die Bachelor-Arbeit – egal! Hausputz, Telefonanrufe, Rechnungen – egal! 40 Grad fühlt sich an wie eine Herde Hummeln. Und zwar überall.

Jeder hat seine eigene Methode, um mit solcherlei Temperaturen umzugehen. Ich neige dazu, plötzlich unmotiviert loszulachen. Oder mit hochrotem Kopf durch die Wohnung zu hüpfen.

Nach dem Fieber kommen die Halsschmerzen zweiten Grades. Das sind die, die das Drehen das Halses unmöglich machen. Auf einmal kann ich nur noch geradeaus starren. Leider steht da der Fernseher. Und das Nachmittagsprogramm in der deutschen Fernsehlandschaft ist wirklich grauenvoll. Wenn ich nicht schon krank wäre, würde ich es spätestens jetzt.

Ich ringe mich dazu durch, der Apotheke einen Besuch abzustatten. Ich stolziere durch die Stadt wie Robocop – Blicke nach links und rechts kann ich mir gar nicht leisten. Das Volk schaut mich bewundernd an und jubelt mir mit Blicken zu.(1)

Meine erste Frage an die gutaussehende Apothekerin – denn ich weiß, es wird teuer – lautet: “Kann man hier mit Karte bezahlen?” Man kann. Ich schildere Chantal, so nenne ich sie in Gedanken, meine Gebrechen. Sie schaut mich bewundernd an(2) und fragt:

“Aber sie haben nicht mal daran gedacht, zum Arzt zu gehen, nein?!” Ich würde den Kopf schütteln, müsste dazu aber den ganzen Oberkörper mitdrehen. Ich entscheide mich deshalb für ein einfaches

“Nein.”

Ich gebe Chantal 40 Euro für Nasentropfen, Taschentücher und ein Wundermittel gegen Halsschmerzen und gehe. Jetzt habe ich auch noch Schmerzen im Geldbeutel.

Im Literaturseminar ist es heiß. Schwitzende Studenten sollen über ein Thema diskutieren, das die meisten von ihnen nicht interessiert und von dem sie keine Ahnung haben. Trotzdem kommt ein angeregtes Gespräch auf der Basis von Nicht- und Halbwissen zustande. Ich leide still, aber effektiv.

Ein Kommilitone kommt in einem philosophischen Monolog zu der Erkenntnis: “Ich bin viel zu sehr in mir, ich hab gar nicht die Objektivität, um mich selbst zu verstehen!” Alles nickt beifällig. Ich bin in der Hölle.

Ich putze strafend laut meine Nase – und beschließe, doch zum Arzt zu gehen. Er soll mich gesund machen. Ich halte das hier nur aus, wenn ich mich auf andere Dinge konzentrieren kann und nicht gezwungen bin, bewegungslos dazusitzen und zuzuhören.

“Herr Kruse, was kann ich für Sie tun”, sagt der Herr Doktor und würdigt mich dabei keines Blickes. Ich frage mich, ob er bemerkt hätte, wenn ich anstatt auf dem Patientenstuhl auf der Fensterbank sitzen und meine Beine hinter dem Kopf verknoten würde.

Als Herr Doktor durch sein Diagnosegespräch erfährt, dass ich als Nachrichtensprecher beim Radiosender BlankoFM arbeite, erwacht sein Interesse. Doktor ist leidenschaftlicher BlankoFM-Hörer, erfahre ich, und auch der Sohn. Und wie ist denn das da überhaupt mit Praktikumsmöglichkeiten?

Gegen meine Unpässlichkeit gibt’s übrigens ein prima Antibiotikum. Ganz was Feines. “Funktioniert in 80 bis 85% der Fälle.”

Und ob ich eigentlich schon mal eine Nasenspülung ausprobiert hätte?

Ich unterdrücke meinen Weinreflex.

Ja, habe ich. Es war… durchwachsen.”

“Warten Sie mal kurz.” Sprach’s und stürmt aus dem Behandlungszimmer.

Er kehrt zurück. In seinen Händen: Eine 1A-Nasendusche.

Ich lächle schicksalsergeben.

“Schauen Sie mal”, sagt er, und erklärt mir die Nasendusche in wohlklingenden Worten. “Probieren Sie das mal aus. Mach’ ich auch immer.”

“Ja, Herr Doktor”, sage ich, lächle und gehe.

Immerhin hilft das prima Antibiotikum.

Unwort des Tages: Nase.



  1. Manche sagen, die Leute gaffen mich an und töten mich mit Blicken – aber die verstehen das nur nicht. []
  2. Manche sagen… naja… []
Geschrieben am 30. April 2010 in Unistress, Unseriös

9 Kommentare zu „ Der Kampf um die Gesundheit

  1. Atemwege scheinen gerade VOLL trendy zu sein. Nachdem ich meine 40° Fieber (inkl. Antibiotikum und allem was dazu gehört) vor ein paar Tagen hinter mich gebracht habe, liegt jetzt – während ich diese Zeilen schreibe – die Prinzessin hinter mir und ernährt sich von Antibiotikum und Paracetamol.

    Gute Besserung! Allen!

  2. Basti :

    Auch von mir gute Besserung und gute Grüße an die Gattin. Glückauf!

  3. haweka :

    Lieber basti,
    was für ein herzerfrischender artikel. ich kann zwar 40 grad fieber nicht nachempfinden, aber schon 38,5 grad bringen mich dazu, ziemlich blöde drein zu gucken.
    40 € für 40 grad, da komme ich ja billiger weg. noch billiger ist es bestimmt, das unwort zu lesen. gesund durch lachen. danke bastian!
    haweka

  4. Basti :

    Das Unwort als Medizin – das ist ja mal ganz was Neues. Danke für diesen Gedanken. Ich werde ihn in meine nächste bundesweiter Werbekampagne mit aufnehmen… ;-)

  5. Konna :

    Basti, du solltest Geld nehmen, wenn das Unwort schon als Medizin gilt. Ist das Unwort eigentlich verschreibungspflichtig? ;)

  6. Karry :

    Ist die Schweinegrippe etwa wieder da?

  7. catch22 :

    Vielen Dank für die tolle Ablenkung!
    Statt fürs ABI zu lernen und mir den Kopf zu zermartern habe ich schallend gelacht. Das mit dem Kopf zermartern kann warten…

  8. Basti :

    @Konna: Wenn Das Unwort verschreibungspflichtig wäre, dann müsste ich ja auch Geld von den Krankenkassen bekommen oder? Das wäre mal ‘ne Idee…

    @Karry: Ja. *grunz*

    @catch22: Ja, lies lieber hier anstatt fürs Abi zu lernen :-) Das bringt auch mehr… so rein erkenntnistheoretisch…^^

  9. Karry :

    Könntest ja Heilpraktiker werden…das is nich ganz so aufwendig, als würdest du Medizin studieren…

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