Wer hat hier Gold im Mund?!

Die Morgenstund mag ja vieles in ihrem metaphorischen Mund haben; mit Sicherheit ist es aber nichts Wertvolles. Und erst recht kein Gold.

Morgen ist eine Frage der Definition. Unter normalen Umständen würde ich behaupten, 3 Uhr sei Nacht. Wenn ich aber aus beruflichen Gründen gezwungen bin, um 3:30 Uhr aufzustehen, bezeichne ich es als frühen Morgen, um nicht depressiv zu werden.
Ein Bestandteil der Definition von Morgen ist auch, wann man am Tag davor zu Bett ging. Normalerweise gehe ich zu einem Zeitpunkt schlafen, den ich eben schon als Morgen bezeichnet habe. Vor einem Tag aber, an dem ich die normale Schlafenszeit schon als Morgen bezeichnen muss, bin ich natürlich gezwungen, früher schlafen zu gehen, damit ich am Morgen überlebensfähig bin. Klar soweit?
Deswegen kam es dazu, dass ich am Samstag um 22 Uhr schlafen ging. Just in jenem Moment, in dem Mehrzad Marashi auf RTL inmitten einer Horde wildgewordener Hintergrundtänzer “She’s Fresh” von Kool & The Gang zum Besten gab. Das war mein Abschalt-Moment. Und das lag mehr an Marco Schreyls vergeblicher Suche nach immer mehr Superlativen, um die Geilheit der DSDS-Finalshow zu beschreiben, denn an Mehrzads Sangeskünsten. Hammermäßig.

Sonntag, 3:30 Uhr. Der Wecker klingelt.
Das erste Wort des Tages ist immer ein Schimpfwort. Je früher der Tag, desto wüster das Wort. 3:30 Uhr ist sehr früh. Um diese Zeit aufzustehen, ist wie Realitätsverlust ohne Einfluss starker Drogen. Es ist, als ob ich mir selber beim Schlafwandeln zusehe. Ich sehe mir also dabei zu, wie ich als erste Amtshandlung den RTL-Teletext aufmache, um zu sehen, wer gewonnen hat. Mein Gewissen ist zu abwesend, um mir Vorwürfe zu machen.

Mehrzad. Gut.

Und die Mega-Monster-Aschewolke über Europa ist immer noch da. Jo, läuft. Meine Fähigkeit zur Empathie ist eingeschränkt.

Nach dem Duschen erkläre ich mich selbst für wach, ohne dafür einen angemessenen Grund zu haben. Ich erkläre mich sogar für so wach, dass ich um 3:55 Uhr frühstücke. Dabei schaue ich eine N24-Dokumentation über das Oktoberfest. Denn es ist zu früh für Frühstücksfernsehen. Und es ist Sonntag.

Ich entschließe mich dazu, meine Vorhänge erst aufzumachen, wenn ich von der Arbeit wiederkomme. Das ist so gegen 13 Uhr. Ich bin deprimiert. Normalerweise ziehe ich die Vorhänge nämlich tatsächlich um jene Zeit auf – aber ohne vorher zu arbeiten.

Draußen ist es kalt und dunkel und langweilig. Außer mir ist in dieser Stadt mit über 200 000 Einwohnern noch keiner unterwegs. Die Ampeln sind aus. Dafür sind die Amseln an – anscheinend Frühaufsteher. Piepen wie mein Antivirus-Programm bei einem besonders ernstzunehmenden Virus. Vielleicht Vogelgrippe?

Auf dem Weg in die Redaktion stelle ich mir um 4:15 Uhr die Frage aller Fragen: “Warum denn eigentlich?” Da der Weg so angenehm kurz ist, komme ich nicht mehr zum Antworten. Es hat aber was mit Geld zu tun. Und Karriere. Und Spaß. Aber für sowas ist es vielleicht noch ein bisschen früh.

Unwort des Tages: Mein Name ist Bastian Kruse, guten Morgen.

Geschrieben am 20. April 2010 in Unseriös, Unübersehbar

13 Kommentare zu „ Wer hat hier Gold im Mund?!

  1. Timo :

    Ach Basti, jetzt weiß ich wieder, wie sich das Unwort den Ehrenplatz ganz links auf meiner Lesezeichenleiste verdient hat. Schön, auch noch beim dritten Lesen :-)
    Allein: Das Früchtücksfernsehen verwirrt mich, es erinnert ausgesprochen ganz leicht an einen Arbeiterführer der käuflicheren Sorte, aber da erkenne ich den Zusammenhang nicht.^^

  2. Moritz :

    Aufstehen ist eine Krankheit, solange es Vormittags zelebriert werden muss. Punkt.

  3. Basti :

    @Timo: Danke. ;-) Und ich habe das Früchtück mal korrgiert, nech. Auch, wenn es ganz interessant klingt.

    @Moritz: Richtig.

  4. KOK :

    Öhm – 3:30? Hilfe! Wenn’s bei Euch 3:30 Uhr ist, schlafe selbst ich hier am anderen Ende der Welt noch :) Gute Besserung ;)

    Und BTW, Du und ich haben nicht viel verpasst beim DSDS-Finale – 11-Minuten Schreyel-Monolog hätte ich nicht ausgehalten: http://faz-community.faz.net/blogs/fernsehblog/archive/2010/04/19/der-verlierer-steht-fuer-immer-im-schatten-das-weltbild-von-dsds.aspx

  5. Basti :

    Du armes Wesen sitzt in Peking fest, nicht wahr?! Schicksal…

    Danke für den FAZ-Link. Erschreckend. Und es wird immer schlimmer, von Staffel zu Staffel. Am Anfang hab ich das ja noch gesehen – und da hat es mich schon genervt.
    Ich habe es schon öfter gesagt: Nehmt dem Schreyl die Moderationskarten weg. Dann wird er nämlich witzig ;-)

  6. KOK :

    Hihi, der Schreyl hat sich aber schon ein wenig gemausert. So peinlich wie am Anfang, als er “Guten Abend” von den Moderationskarten ablesen musste (und zwischen “Guten” und “Abend” lieber noch mal nachguckte auf seinen Karten) ist’s echt nicht mehr – siehe auch hier das Fernsehblog: http://faz-community.faz.net/blogs/fernsehblog/archive/2009/03/01/der-neuste-schreyl.aspx – oder auch http://www.medienpiraten.tv/blog/?p=110 – hihi :).

  7. Basti :

    Der ist gar nicht so schlecht, wie man vermuten müsste, weil er ja DSDS moderiert. Sobald er seine Karten mal vergisst, wird er geistreich, spontan und witzig. Manchmal. Manchmal auch nicht. Aber DSDS geht ja ein paar Stunden, da hat man dann genug Zeit, um auf so einen Schreyl-Moment zu warten.

    Da fällt mir ein: Ich habe da vor zwei Jahren sogar mal einen Mini-Artikel drüber geschrieben: http://www.das-unwort.de/2008/04/05/schreyls-gag-am-abend/ ;-)

  8. Pingback: Zitate aus der Blogosphäre IX

  9. Karry :

    Ach ja…das kenn ich…ich stehe zwar nur um 5 uhr morgens aufn Bahnhof…und bin dann die einzige Seele, die in diesem Riesenzug sitzt, ernte mitleidige Blicke von Schaffner und dem Snack-Personal, während ich denke, Schicksal, meine Lieben, ich will nicht wissen, wann IHR aufgestanden seid, dass IHR schon tipptopp hier steht und munter euren Job macht, obgleich ich genau weiß, dass ihr gestern Abend auch schon in diesem Zug wart…
    das sind die Momente an denen man sich fragt, warum man nicht als Monarch oder sonstiger Alleinherrscher auf die Welt gekommen ist…aber dann wollten sie einem permanent ans Leder, das ist ja auch nichts…dann lieber Student mit Universalzugticket :D

  10. Basti :

    Wo gibt’s denn noch ein Universalzugticket, wenn man Student ist? Hier nicht…! ;-) Ich will auch so eins! Aber bitte für kostenlos, ist ja klar.

  11. Karry :

    Also die Uni Marburg hat da einen erstklassigen Deal mit der Bahn und den Nahverkehrsbetrieben in Hessen geschlossen…und man kommt an manchen Ecken sogar über die Ländergrenzen mit dem IC hinaus…und wenn man das auf die Semestergebühren umrechnet ist das sogar ganz günstig…
    aber erstmal sehen, dass wir zu unseren 5 Millionen Euro kommen, die sie uns wegkürzen wollen…sollen sie lieber auf den bekloppten Flughafen in Nordhessen verzichten…braucht echt kein Schwein

  12. Basti :

    Ach, die Hessen… die wissen auch nicht, was sie wollen, nech? Aber nen Flughafen wollen se. Darin sind se groß… Reicht euch euer Monsterflughafen noch nicht, den ihr da unten habt?^^ Denkt mal an UNS hier oben!! Wir haben nur einen halben funktionierenden Flughafen in Schleswig-Holstein, und selbst den wollen se abreißen…

  13. Karry :

    genau genommen, sind die einzigen, die diesen flughafen wollen…irgendwelche politiker, die sich von irgendwelchen beratern und experten ham beschwatzen lassen…meiner meinung nach wird das genau so ein schwachsinn, wie das projekt beverbeck…unsere luxusoase für ölscheichs mitten in nordhessen…da legen sie sich wieder ein ei…

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