Ich (w, 21, schlank) suche Verstand (Aussehen egal)
Lesen Sie nun einen Gastbeitrag des Kleinods auf Odyssee, der aus Konnas kreativer Idee eines Blogjulklapps resultiert.
Man kennt es ja. Jedes Jahr, selbe Zeit, schmeißt irgendeine Einkaufskette eingeschmolzene Osterhasen in Form des buckligen Santa in den Raum. Startschuss. Von heute auf morgen Unruhe in den Straßen; wegen eines einzigen braunen Batzens in roter Aluminiumfolie. Fest der Liebe, ja, es ist nah, es ist schön, es blinkt und funkelt – who cares? Als hätte das Kind aus den Ravensburger-Puzzle-Werbungen auf sein gigantisches Becken gehauen und mit seinem diabolischem Kinderschokolade-Grinsen jedem klar gemacht:
Hey, du Pisser – Auch du musst lieben!
Geschenkekram, verquollene Straßen, okay, kennen wir, wissen wir, haben wir uns im Leben bereits 3000 Stunden die Ohren von bejammern lassen. Aber was geht eigentlich mit den Liebesdudes? Denen, die – oh, diese Abartigen, diese Unwürdigen! – keinen Partner beim Weihnachtshuddelduddelzeremoniell besitzen? Lasst uns hypen, weinen, verlachen und fiese Salzprisen in die Wunden streuen! Herrgott, die stehen alleine da! Tiefsinnige Sprüche wie „Na Micha, jetzt wird’s aber langsam höchste Zeit, was?“ sind Standardausrüstung, „Weihnachten wieder solo, Alter?“ schon Fickdich-Niveau für Fortgeschrittene. Ein ganz reizender Spruch, so liebenswert, dass man demjenigen, der ihn abballert, gern den Kandisapfel direkt in sein verfluchtes Maul stopfen will. Weihnachten ist Druck. Aber verdammt harter Druck. Die Welt wird ein kuscheliges blaues Schmusekissen und du stehst daneben. Ein bisschen mitschmusen wär schon geil, klar, aber es sind eben alle so blöde Schweine – und du so zart und allein. Meine Fresse. Von mir aus gäb’s Kloppe für alle Seiten: Für die hypende Partnerschaftsgesellschaft mit ihrem schwulen Sheepworld-Kissen und für den zittrigen Jammersingle mit seinem Drall zum Verzweiflungsakt. Am besten gleichzeitig, mit Schmackes. Aber auf mich hört ja keiner. Sitze ich doch gestern im Café, nippe unschuldig am Latte und verschlucke mich auf einmal mirnichtsdirnichts an einigen ganz reizenden Exemplaren in der Spalte für Kontaktanzeigen meiner Lektüre:
„Hallo Single Mädels. Ich suche für meinen schüchternen Kumpel ein nettes Mädchen. Er ist Chemiestudent, 25 Jahre ju…“
Halt! Lassen wir uns das einmal auf der Zunge zergehen: Ein 25-jähriger Chemiestudent ist zu schüchtern, um eine anonyme Kontaktanzeige in einem Campusanzeiger selbst zu veröffentlichen. Applaus! Verdammt!
„Architektin der Liebe gesucht! Der Aufbau einer festen Beziehung benötigt ein starkes Fundament. Hast du Lust und Kraft, mit mir (m, 27) den Weg zu ebnen? ;-)“
Pseudo-intellektuelle Metaphern sind ja sowas von uncool.
„NachtWolf (m, 23, stubenrein) sucht sie (17 bis 26) für blind date (alles kann, nichts muss) zum gemeinsamen Vollmond-anheulen im Kerzenschein und evtl. Kuscheleinheiten austauschen.“
Welch hochexplosive Bombe erotischer und romantischer Kunst. „NachtWolf“ (what) möchte den Vollmond anheulen (the). Im, wir halten uns fest, Kerzenschein (fuck). Ein Text, so frei von jeglichen Klischees, dass man ihn umarmen will. Schlüssig. Immerhin ist er stubenrein.
Den Latte wieder zur Hand genommen, sinnierte ich über Gott und die Welt. Lässt Weihnachten junge, partnerlose Menschen zu Weichmuttis verkommen? Suhlt sich jede Sau im Dreck niedrigsten Niveaus, weil standardisierte Weihnachtsbilder zum Partnercatch drängeln? Erleben wir ein Winterwonderland voller Schwachmaten („Ich, m, 25, suche Kuschelmaus für knuddelige Momente“), umhüllt von zarter Alpenmilchschokolade?
Glotzt nicht so romantisch, hat einmal der Godfather allen Theaters – Bertold Brecht – gepfiffen. Macht nicht so ein Theater, pfeife ich. Fest der Liebe, das ist ungleich Fest des Partners. Das ist Familie. Das ist Freundschaft. Feiern wir doch auch mal Michi und nicht nur Schatzi. Weil er so loyal ist, so liebenswert, so genau richtig für uns. In einer Zeit fieser Partnerfindungsmöglichkeiten können wir uns doch mal an den Händen nehmen. Ganz ohne Schmalz, ganz ohne Favoriten, ganz selbstverständlich. Platz im Herzen schaffen, neben Schatz. Einfach feiern, was kein oller Spruch, keine wirre Krampfigkeit, keine aufgesetzte Weichspülerphrase uns geben kann. Einfach Loyalität. Einfach wahre Liebe. Romantikfrei.
Beitrags-Feed



9. Dezember 2009 um 18:32 Uhr
Vielen Dank für diesen erhellenden Beitrag, Kleinod! Und frohes Fest. Und so. ;-)
9. Dezember 2009 um 18:39 Uhr
[...] bei Lordy. Mary Malloy schrieb “Eine Freude machen” bei Sonja. Kleinod schrieb “Ich (w, 21, schlank) suche Verstand (Aussehen egal)” bei [...]
9. Dezember 2009 um 21:03 Uhr
[...] Dieser Eintrag wurde auf Twitter von Bastian Kruse, Guido Grigat erwähnt. Guido Grigat sagte: Das Unwort: Ich (w, 21, schlank) suche Verstand (Aussehen egal): Lesen Sie nun einen Gastbeitrag des Kleinods auf O… http://bit.ly/5LBnZ5 [...]
9. Dezember 2009 um 21:09 Uhr
Danke Danke Danke – es war mir ein Vergnügen, das lesen zu dürfen ! Wunderbar :)
9. Dezember 2009 um 21:14 Uhr
Sehr schön! :D
Aber wieso sind da bitte nur komische Männer in den Kontaktanzeigen? Bei den Frauen findet sich doch sicher auch was Skurriles, oder? Ich hoffs doch…
Und man kann auch ganz leicht auf Romantik verzichten und sich einfach selbst lieben.
Auch wenn das der Weihnachtsmann sicher nicht gern sieht…
9. Dezember 2009 um 21:16 Uhr
Weihnachten wird ja auch überschätzt…es verkrachen sich eh alle nur an Weihnachten :D
Dann lieber nochn paar Tage warten und es an Sylvester krachen lassen, hehe.
Das ist wenigstens nicht so spießig, wie der ganze Tannen-Lametta-Mist mit Gänseambiente…
Außerdem war früher eh mehr Lametta…
10. Dezember 2009 um 00:30 Uhr
Herzlich gelacht und an einigen stellen heftig mit dem Kopf genickt =) – vielen Dank für diesen tollen Beitrag.
10. Dezember 2009 um 12:22 Uhr
sehr schöner und angenehm zu lesener Beitrag. Weihnachten und Zweisamkeit war gestern auch bei ner Freundin und mir das Thema aufm Weihnachtsmarkt, denn warum um Gottes-willen müssen sich dort immer alle ablecken?
Frohe Weihnachtszeit
10. Dezember 2009 um 14:20 Uhr
[...] …” bei Lordy. Mary Malloy schrieb “Eine Freude machen” bei Sonja. Kleinod schrieb “Ich (w, 21, schlank)…” bei [...]
10. Dezember 2009 um 18:47 Uhr
@zitrone
da bezahlt man nur für einmal Alkoholika was und kann sie gleichzeitig genießen (oh, das war jetzt aber böse von mir)
Liegt wahrscheinlich daran, dass ich momentan ziemlich genervt bin, von den Weihnachtsmarktwachteln, die jeden morgen mit im Zug sitzen. Zur Erklärung Weihnachtsmarktwachteln sind Frauen im Alter von mitte 30 bis 50, die entweder Singles oder mehrfach oder unzufrieden verheiratet sind, die zusammen mit der Belegschaft ihrer Büroabteilung einen freien Tag auf einem entfernt von der Heimatstadt gelegenen Weihnachtsmarkt zubringen und es schaffen eine unglaubliche Geräuschkulisse in Nahverkehrszügen aufzubauen, wenn der arme Student doch eigentlich gern lernen oder schlafen möchte…aber als Student ist man eh BkmbR(Bahnkunde mit beschränkten Rechten).
19. Dezember 2009 um 17:03 Uhr
hallo basti!
was für ein fucking dammned guter artikel. willst du henry miller konkurenz machen? oder hast du bißchen bukowski gelesen? danke für diesen beitrag.
gruß
haweka
19. Dezember 2009 um 21:49 Uhr
@haweka: Nur zur Klarstellung – es handelt sich um einen Gastbeitrag; das Lob gebührt also nicht mir, sondern dem Kleinod auf Odyssee –> ich leite es hiermit offiziell weiter…
29. Dezember 2009 um 22:05 Uhr
[...] bei Lordy. Mary Malloy schrieb “Eine Freude machen” bei Sonja. Kleinod schrieb “Ich (w, 21, schlank) suche Verstand (Aussehen egal)” bei [...]
10. Januar 2010 um 12:00 Uhr
Da sollte man sich doch glatt überlegen, ob man nicht selbst auch Gastbeiträge zulegt, denn das scheint sich echt zu lohnen. Weihnachten auf den Punkt gebracht XD.