Ich habe die Artikelserie “Herzlichen Glückwunsch”, in der längst vergessene oder auch gänzlich unbekannte Jahrestage zelebriert werden, in letzter Zeit sträflich vernachlässigt. Welcher Tag wäre geeigneter, um dies zu ändern, als dieser 9. November. Selbst der Hinterwäldlerischste von Ihnen(1) weiß durch den medialen Terror dieser Tage, dass vor zwanzig Jahren die Mauer fiel. Aber damit nicht genug – Sie werden sehen, am 9. November ist im Grunde alles passiert, was für die deutsche Geschichte irgendwie von Bedeutung ist.(2)
Die Idee eines deutschen Nationalstaates ist ja nicht so sonderlich neu; die gab es schon im Jahre 1848. Damals gab’s nicht nur ein Deutschland, sondern ganz viele kleine. Das fanden einige Leute total doof und haben ein Parlament wählen lassen, das in Frankfurt tagte. Einer der Parlamentarier war Robert Blum. Den haben die, die das Parlament ihrerseits doof fanden, am 9. November 1848 in Wien erschossen. Das ist wichtig, weil das Parlament 1849 aufgelöst wurde und es zunächst Essig war mit einem (mehr oder weniger) demokratischen deutschen Gesamtstaat. Wenn der Blum noch gelebt hätte, wäre das garantiert anders gewesen, ist klar. Muss ja so sein, sonst wäre der 9. November 1848 ja kein wichtiges Datum.(3)
Im November 1918 geht es dem inzwischen vereinten Deutschland ziemlich schlecht, weil sein Kaiser Willi so blöd war, den Österreichern zu erlauben, einen Krieg gegen die Serben anzufangen. Willi hat leider nicht ganz begriffen, dass er damit einen Weltkrieg auslöst – das darf er nun ausbaden. Passenderweise verkündet dann auch Prinz Max von Baden, seines Zeichens Reichskanzler, am 9. November 1918, dass der Kaiser abdankt. Und im Übrigen solle doch jetzt der Ebert von der SPD lieber Reichskanzler sein, auf Wiedersehen.

Scheidemann rufend im Fenster / Foto: Bundesarchiv
Ebert ist erstmal schockiert, da ergreift sein Parteifreund Philipp Scheidemann – ja, er heißt so- die Gelegenheit, steigt ins Fenster des Reichstagsgebäudes und ruft die Republik aus. Was auch immer es bedeutet, jedenfalls ist das Deutsche Reich, denn so heißt es ja noch, von dem Zeitpunkt an ganz offiziell Republik. Schade, dass Scheidemann mit der Idee nicht so allein ist, denn auch ein Kommunist namens Karl Liebknecht will eine Republik, aber bitte eine Räterepublik. Er hat allerdings gerade kein bequemes Fenster zur Verfügung, deswegen stellt er sich in den Tiergarten. Zwei Leute wollen die Republik, aber welche Art von Republik, darauf können sie sich partout nicht einigen. Also schießen sie erstmal ein wenig herum und killen ein paar Zivilisten. Das bringt sie der Lösung zwar nicht näher, aber macht einen guten und geschichtlichen Eindruck – der 9. November 1918. Geschichte zum Anfassen. Und Deutschland ist eine Republik, Hurra.
Am 9. November 1923 will ein kleiner schnauzbärtiger Mann mit großen Plänen und einem mächtigen Knacks im Hirn die Republik, inzwischen gab man ihr den wohlklingenden Namen “Weimarer Republik”, wieder abschaffen. Denn er mag sie nicht. Und er hat ein paar Leute um sich geschart, die die Weimarer Republik auch nicht mögen. Adolf Hitler möchte gern von München nach Berlin marschieren – möglichst schnell und möglichst im Triumph. Und natürlich werden sich ihm ganz viele Leute ganz schnell anschließen, ist ja klar.
Adolf kommt doch nicht ganz so weit wie geplant und wird mit seinen Kumpanen mitten in München von der Polizei zusammengeschossen. Er will sich, vor Heldenmut strotzend, schnell aus dem Staub machen, wird aber trotzdem verhaftet. Und zu einer witzigen, weil lachhaft kurzen “Haftstrafe” verurteilt.
Nicht nur, aber auch deswegen können Adolfs Helfer am 9. November 1938 die Reichspogromnacht anzetteln. Denn irgendwer, man weiß bis heute nicht, wer, hat den kleinen Österreicher mit den großen Plänen 1933 zum Reichskanzler gemacht.
Nun hat Deutschland ein Problem, ist irgendwie aber trotzdem der Meinung, die Lösung für alle Probleme gefunden zu haben, und die Schuldigen übrigens auch: die Juden. Und zwar alle. Logo. Deswegen werden am 9. November 1938 Synagogen, Wohnungen und Geschäfte zerstört; dem Ganzen fallen mehrere Hundert Menschen zum Opfer.
Nach diesem dunklen Kapitel gibt es mal wieder mehrere Staaten auf deutschem Boden. Diesmal nicht 287, sondern nur zwei. Aber die meisten finden, dass auch das schon ein bisschen viel ist. Und es sind so verdächtig viele Russen da – nein, das kann nicht gut sein. Und dann kommen die SEDler auch noch irgendwie auf die Idee, eine Mauer zu bauen, obwohl doch niemand die Absicht hatte, eine Mauer zu errichten. Mitten durch Berlin. Die Idee ist so beschissen und absurd, der Plan so beknackt, dass er auf Dauer nicht funktionieren kann – trotzdem macht man’s. Und der Hinweis sei erlaubt: Die Idee, Mauern zu bauen und dadurch Frieden und Sicherheit herzustellen, ist auch heute noch nicht so ganz überwunden. Natürlich ist es schwierig, aus der Geschichte zu lernen, wenn man nicht hinhört, wenn die Geschichte schreit. Und die Geschichte schreit am 9. November 1989 ziemlich laut, und zwar in Gestalt eines stammelnden Günter Schabowski, der auf der berüchtigten Pressekonferenz vom 9. November auf die Frage, wann es denn nun zu den Reiseerleichterungen komme, blubbert: “Nach meiner Kenntnis… ist das sofort, unverzüglich.” Und sich wundert, das alles aufspringt, um die Meldung über den Ticker zu geben.
Es war also ‘ne Menge los am 9. November. Und so wie’s aussieht, war es heute etwas ruhiger. Ist ja auch mal ganz nett.
Unwort des Tages: Schutzwall.
- Ich möchte demjenigen nicht zu nahe treten, denn zweifelsohne hat es auch was Gutes, in Hinterwald zu wohnen. Fragen Sie mich nicht, was, aber irgendwas gibt es immer. [↩]
- Ich übertreibe an dieser Stelle ein wenig, aber ich finde, das macht den Text lebendiger. [↩]
- Schon Nostradamus hatte ja gesagt, dass der 9. November 1848 ein wichtiges Datum sein wird, weil ein Robertus Bluoml hingerichtet werden wird. Wissenschaftler erklären sich den Schreibfehler im Nachnamen durch Überlieferungsfehler oder dadurch, dass sich Nostradamus mit dem Hammer auf den Finger gehauen hat. Jedenfalls muss ja der 9. November 1848 ein wichtiges Datum gewesen sein, weil das ja Nostradamus schon gesagt hatte. [↩]

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Warum steht so ein Text nicht in meinem Geschi-Buch? Würde auf jeden Fall ein bisschen zur Auflockerung beitragen!
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@A,my: Schreib doch mal dem Geschichtsbuch-Verlag! Ich bin da sehr offen… Ich bin sozusagen total auf.
Basti,
deine mangelnde Geschichtskenntnis macht mir Sorgen. Vielleicht hat der Liebknecht die Republik ja auch im Tiergarten ausgerufen – das hat dann aber keine mitgekriegt, deshalb ist er dann nochmal zum Schloss und das das wiederholt. Das gab schonb mehr Rummel.
Aber die wirklich wichtigen Daten hast du vergessen, aber wenigstens die Kollegen der Titanic haben sie gefunden:
9.11.1313: Friedrich der Schöne wird von seinem eigenen Cousin in der Schlacht von Gammelsdorf geschlagen.
9.11.1953: Eröffnung der Fußgängerzone in Kassel.
Bitte in Zukunft mehr Sorgfalt bei der Recherche ;-)
P.S.
Was sagt Nostradamus eigentlich zum Wetter am kommenden Samstag, da wollen wir eigentlich ins Grüne fahren?
@Aro: Liebknecht hat zuerst im Tiergarten gerufen und ging dann zum Schloss, eben weil ihm im Tiergarten keiner zugehört hat, komischerweise. Und wir wissen ja, die Kommunisten zieht es früher oder später immer zum Schloss. Insgeheim wollen sie rein, aber offiziell wollen sie es niederbrennen…
Ich danke dir für die bemerkenswerten Ergänzungen! Besonders die Fußgängerzone in Kassel ist total der Knaller… da sollte man unbedingt mal hin ;-)
Bezüglich des Wetters stehe ich gerade mit Nostradamus in Mail-Kontakt, er hat aber noch nichts geantwortet (er hat sich ja mit dem Hammer geschlagen und kann deswegen erstmal nicht mehr tippen).
Und als sie dann endlich drin waren (im Schloss) hatten sie kein Geld zur Sanierung. Und dann haben sie es doch niedergebrannt.
Oh, oh, mittlerweile sind sie ja auch im Reichstag. Was da wohl noch kommt? Aber das ist ja eine andere Geschichte…
Was haben denn eigentlich immer alle gegen Kassel?
So schlimm ist die Stadt gar net…außerdem konnten sie die Fußgängerzone erst so spät wiedereröffnen, weil die Innenstadt ja freundlicherweise in Schutt und Asche gelegt worden ist…
Ach ja…und Scheidemann ist übrigens gebürtiger Kasseler, da schließt sich der Kreis wieder :D
@Karry: Ach wat – wieder was gelernt. Ja, dann kann Kassel ja gar nicht so schlimm sein!
Und ist es ja auch nicht. Nur dieses komplexe System aus Einbahnstraßen, das sich die Kasseler ausgedacht haben, ist mir etwas suspekt. Ich hätte da mal fast mit Jennis kleinem roten Auto eine Frau in einem großen BMW umgenietet, als ich mit Schwung falschrum in eine Einbahnstraße fuhr… Die hat vielleicht geguckt :-)
…und am 9.11.2009 verfasste ein blonder Kerl namens Basti diesen Beitrag…
Leider habe ich das selbe genau vor einem Jahr bemerkt, als ich ein Referat (für alle Baden-Württembergler: GFS) über den Hitler-Putsch gemacht habe. Definitiv einer der schicksalstächtigsten Tage der deutschen Geschichte. Und definitiv interessanter als in den Geschichtsbüchern…
Was hast du für die GFS denn gekriegt? Hmm?^^
oh jeee, das weiß ich jetzt natürlich nicht mehr. War nicht so gut, wie es hätte sein können, habe ja auch erst sehr knapp (ein paar Tage) vorher erfahren, dass ich das dumme Referat an dem Tag halten musste, habe dann die Nacht vorher mehr mit dem Referat als mit Schlafen verbracht und war dementsprechend lebendig im Vortrag. Dazu kam noch, dass der Lehrer mich unbedingt in dieser Woche drannehmen wollte, obwohl er nicht mehr alle Grundlagen des Themas gelegt hatte, wie er mir vorher gesagt hatte. Das hat dann erstmal zu 5min Improvisation geführt, um das kurz anzureißen – Zeit, die mir natürlich nachher gefehlt hat, weil er mich auch erst 20min vor dem Klingeln anfangen ließ und beim Klingeln natürlich alle (auch er) sehr dringend weg mussten. Im Endeffekt war es so wie alle von diesen GFS, dass sie mir gerade so nicht geschadet haben – aber eben auch nichts gebracht. Schade um die schöne Zeit…
Ach das ist natürlich schade. Obwohl das Thema doch im Grunde ganz dankbar ist, nech? Aber wir einigen uns darauf: Die Lehrkraft ist schuld!! Die Politik in BaWü sollte da dringend eingreifen…