Das Unwort

Unseriöse, unerhört unpolitische Ungereimtheiten

 
 
 
 

Willkommen in der EU! Eine Wien-Expedition. Teil 1

Wirres Wiehern in Wien / Foto: Günter Hommes, pixelio.de

Wirres Wiehern in Wien / Foto: Günter Hommes, pixelio.de

Wien! Berühmt und schön, zwar, doch manchmal schwierig zu erreichen, wie ich an anderer Stelle beschrieb.

Einmal gelandet, suche ich im Flughafen die S-Bahn. Ich folge dem internationalen Symbol für Züge, das man auch in Österreich zu verwenden scheint. Es lotst mich aus dem Flughafengebäude heraus  in menschenleere Hallen und Gänge. Beklemmend sauber, das alles – geradezu geleckt! – aber trotzdem unheimlich. Außer mir ist nämlich niemand da. Nur zwei Kampfroboter, die sich als Fahrkartenautomaten verkleidet haben. Leise summend fristen sie ihr Dasein in einer gut ausgeleuchteten Ecke. Sie sehen aus, als ob sie jedem, der keine Karte kauft, sofort an die Gurgel gehen.

Überhaupt lässt sich das Selbstbewusstsein einer Stadt an der Komplexität ihrer Ticketsysteme erkennen. Je verwinkelter die Benutzerführung, desto größer der (imaginäre) Phallus der Metropole. Wien birst geradezu vor Potenz: Ah, eine Fahrkarte also, gell? Wien und Außenbezirke? Und wenn ja, welche? Oder nur in die Stadtmitte? Tageskarte? Oder einfach? Oder nur von der Bezirksgrenze in die Stadt? Oder andersherum? Oder beides? Hin und zurück? Oder wie?

Ich bin im Fahrkartenlösen inzwischen ein echter Profi und entlocke der Maschine ein Ticket für 3,60 Euro, das mir erlaubt, die schnarchige S-Bahn in die Innenstadt zu nehmen. Die wenigen Passagiere sprechen entweder eigentümliches Deutsch oder Türkisch. Oder ein Gemisch aus beidem.

Von jetzt an wird mich das österreichische Handynetz ONE jeden Tag mit einer SMS begrüßen, deren erster Satz lautet: “Willkommen in der EU!” Ist das nun das Zeichen eines gewachsenen österreichischen Selbstbewusstseins gegenüber den unziviliserten Deutschen oder simples technisches Unvermögen des Netzbetreibers? Die Kollegen vor Ort mögen dies recherchieren.

In Wien pflegen die Leute eine gar eigentümliche Sprache. Es handelt sich zweifelsohne um Deutsch, meistens jedenfalls, aber man pflegt hier und da bewusste, nun ja, kreative Ausbrüche einzustreuen, damit es nur nicht gar zu deutsch klingt. Der Wiener nennt das lustige, matschige, runde rote Ding aus Amerika Paradeiser, nicht Tomate. Die Aprikosen heißen Marillen. Und manche Hinterwäldler nennen Erdbeeren tatsächlich Ananas, und das ist kein Scherz. Die Ananas-Ananas heißt bei denen dann Hawaii-Ananas.

Hauptsache, die blicken da noch durch… Aber es scheint ja zu funktionieren. Schließlich gibt es lebende Österreicher. Und sie kommunizieren miteinander. Irgendwie.

Unwort des Tages: Ananas.

Und im nächsten Teil der Wien-Expedition: Das Dingens,  der Waldschrat und das Klo.

4 Kommentare zu “Willkommen in der EU! Eine Wien-Expedition. Teil 1”

  1. 1
    haweka:

    Hallo Bastian,
    bei uns heißen die garnelen Krabben, die brötchen nennen wir rundstück usw. der fahrkartenautomat heißt auch ganz schnöde fahrkartenautomat und sieht aus wie ein gehbehinderter roboter, der sich seiner identität noch nicht so ganz bewußt ist. man lernt nie aus.
    gruß
    haweka

  2. 2
    :

    Dass die Wiener (die eingeborenen Wiener – und “eingeboren” im Sinn der Anthropologie, nicht des apostolischen Glaubensbekenntnisses) eine komische Sprache haben, würden dir die meisten Provinz-Österreicher sogar bestätigen – die sind nämlich überzeugt, dass die Wiener keinen (ordentlichen) Dialekt haben. Paradeiser und Marillen gibt es allerdings in ganz Österreich, die Erdbeere heißt jedenfalls bei mir daheim aber “Eadbea” (wer zuerst ein deutliches R sagt, verliert) und nicht Ananas. :D

    Dass dir ONE SMS sendet, ist schon deshalb höchst seltsam, weil die Firma eigentlich seit einem Jahr Orange heißt und den Franzosen gehört… jedenfalls tippe ich auf technisches Unvermögen, Handys aus dem EU-Ausland von Handys aus dem Nicht-EU-Ausland zu unterscheiden, wenn man deren Besitzer mit den wunderbaren Möglichkeiten des Roamings bekanntmacht. (Wenn man sich öfters z.B. im Grenzgebiet zu Tschechien bewegt, wird man täglich ein paar Mal darauf hingewiesen, dass man jetzt ja sooo günstig im Ausland telefoniert und SMSt).

    Schließlich: Du hast das Tarifsystem der Wiener Linien oder gar des gesamten Verkehrsverbundes Wien-NÖ-Burgenland geknackt?! Falls ja, Gratulation, ich habe das bis heute nicht geschafft und freue mich, wenn ich mit Semester- oder Jahreskarte unterwegs sein kann. Immerhin kann man hier Bahntickets aus dem Schalter drücken, zu denen man im Zug der ÖBB dann die Belehrung kriegt, dass die nicht gültig sind, weil da ÖBB draufsteht…

    Bin schon gespannt auf den zweiten Teil deines Berichtes. :)

  3. 3
    Basti:

    @Jü: Ich habe tatsächlich von ONE SMS bekommen, und mein Handy war auch der Überzeugung, dass das Netz derzeit so heißt. Ich wurde in Wien auch über Orange und die Besitzverhältnisse aufgeklärt, aber mein Handy hat da wohl nicht zugehört oder es richtig sich nicht danach…

    Das Tarifsystem habe ich nicht geknackt, aber ich hatte jemanden dabei, der das total gut versteht, nicht wahr, Christine? (Christine waschechte Wienerin und liest immer fleißig mit, bleibt aber meist inkognito…)

    Oh, Christine, hätte ich dich bei deinem Decknamen nennen sollen? ;-)

    Der zweite Teil ist übrigens seit eben online…

  4. 4
    Christine (Deckname zensuriert ;-)):

    @Jü: Ich sag auch “Eadbeea” – dass das nicht dem Schriftbild von “Erdbeere” enspricht, ist mir bis zu Deinem Diskurs gar nicht aufgefallen ;)
    Und die Ur-Wiener haben sehr wohl einen eigenen urtümlichen Dialekt – nur ist der kaum mehr irgendwo zu vernehmen, weil sich in Wien ja so viele Nicht-Wiener (sogenannte “Zuagroaßte” [= Hinzugereiste]) tümmeln….

    @Basti: Mist, jetzt muss ich mir einen anderen Decknamen überlegen ;)

    Ich habe übrigens eine Idee, woher es rühren könnte, dass One – ähm Orange – sich dazugenötigt fühlt, alle mit “Willkommen in der EU” zu begrüßen. Die Namensgebung der One – ähm Orange – Tarife ist nämlich zumeist mit dem Wort “Europa” gesegnet: Team Europa, Team Europa 30, Team Europa 35, Team Europa 39, Team Europa Young. – Damit gibt es dann immer Freiminuten in die EU.
    Gleich zum Start von Orange gab es eine innovative Tarifregelung, mit der man zu Inlandspreisen in die EU telefonieren konnte. Und wie hieß dieser Tarif? – “Hallo Europa” (http://www.orange.at/Content.Node/presse/pressemitteilungen/de/200809191.de.php).

    So far, so good…

Kommentieren