Schlagergestampfe bei der Air Berlin

Der Himmel ist grenzenlos und lädt uns ein / Foto und Text: Air Berlin

Der Himmel ist grenzenlos und lädt uns ein / Foto und Text: Air Berlin

Akutes Fernweh.

Kennen Sie das? Sie sitzen irgendwo, auf einer Parkbank, im Theater, bei der Maniküre, auf Klo, in einem Sexkino – und Sie wollen auf einmal weg? Ja?

Und jetzt stellen Sie sich vor, Sie hätten Geld zur Verfügung. Unendlich viel Geld. Was machen Sie dann also?

Richtig, Sie gehen ins Internet und buchen einen Flug nach, sagen wir, Kuala Lumpur.

Genau das ist mir gestern widerfahren.

Naja, sagen wir, die Umstände waren ein klein wenig anders. Und ich wollte nach Wien und nicht nach Südostasien. Aber ich wollte buchen. Viel buchen.

Klarer Fall, sagt da der internetaffine Mensch: Gehst du auf airberlin.com.

Gesagt, getan – Kruse stöbert nach den richtigen Flügen. Übrigens fühle ich mich wie ein richtiger Globetrotter, seit ich den IATA-Code für den Hamburger Flughafen kenne, aber das nur nebenbei.

Gerade will ich der Air Berlin mein Geld in den Rachen stopfen, da bekomme ich plötzlich eine schmucklose weiße Seite zu Gesicht: Wartungsarbeiten. Zum Buchen rufen Sie bitte an: 01805 – …

Weil ich gerade guter Laune bin, mache ich das auch tatsächlich. Der erste Schock ereilt mich in der Warteschleife der Air Berlin-Hotline: Man spielt ein eigens für die Firma produziertes Lied – den Air Berlin-Song. Eine piepsige Sängerin singt zu Synthesizern und Schlagergestampfe Marketing-Plattitüden. Der Refrain geht so:

Flugzeuge im Bauch, im Blut Kerosin, kein Sturm hält sie auf, uns’re Air Berlin. Die Nase im Wind, den Kunden im Sinn und ein Lächeln stets mit drin: Air Berlin.

Von der Kreativität der Songproduzenten zeugen nicht nur die an dieser Stelle obligatorischen Metaphern vom grenzenlosem Himmel, sondern auch folgende Textpassage:

Wir fliegen für Service für wenig Geld, haben ihre Wünsche im Blick. Auf Shopping und Business eingestellt, fliegen sie mit uns pünktlich hin. Beim Urlaub sind wir erste Wahl, da der schon an Bord beginnt! (…)

Immer pünktlich und schnell, dass ist unsere Philosophie,
Wir heben immer gut ab, doch abgehoben sind wir nie!(1)

Aufkommende Mordgelüste ignorierend, kämpfe ich mich bis zur Call-Center-Mitarbeiterin vor. Im nun folgenden Gespräch finde ich (!) heraus, dass eine Buchung bei Sabine, der Call-Center-Frau, 10 Euro mehr kostet als eine Internet-Buchung. Wenn ich das nicht bezahlen wolle, solle ich doch Internet buchen.

“Das würde ich ja gern tun, aber Ihre Seite ist gerade offline. Da macht irgendwer Wartungsarbeiten.”

“Ja, dann müssen Sie wohl die 10 Euro bezahlen…”

“Ach, wissen Sie, ich werde einfach bei den Kollegen von Germanwings buchen.”

Sabine schwieg ein wenig länger als notwendig. Schon bald war das Gespräch zuende. Und ich um ein Ticket reicher. Aber von Germanwings.

Unwort des Tages: Die Nase im Wind, den Kunden im Sinn.



  1. Wer’s sich geben will: Der Air Berlin-Song bei Youtube. Keine Haftung bei Gesundheitsschäden. []
Geschrieben am 5. September 2009 in Unseriös

15 Kommentare zu „ Schlagergestampfe bei der Air Berlin

  1. Also ich flieg ja auch am Montag in einer Woche mal wieder gen Österreich und normalerweise nehmen wir auch immer Air Berlin. Mal sehen, ob’s meiner buchenden Kollegin ähnlich ergehen wird und diesmal doch zur Abwechslung mal wieder Germanwings auf dem Ticket steht… Wäre nur ein wenig doof, da wir immer den frühesten Flug um 5 nehmen und bei Germanwings nicht mal ein Frühstück dabei ist… Ob Germanwings wohl auch so einen “schönen” Song in Petto hat?

  2. Moritz :

    Ich sage jetzt nichts zum Lied, sonst werd ich verklagt^^

    Ich flieg ja nie nicht nach Österreich. Lohnt sich nicht. Wenn ich zum Flughafen fahr, brauch ich noch eine Stunde zum einchecken – in der Zeit bin ich ja schon in Salzburg^^

    Aber ihr Nordnasen, ihr habt das ja nötig. Im Flieger die Luft verpesten, diese affengeile Musik hören und das alles tut ihr doch nur, damit ihr Bayern nicht betreten müsst :-D (recht so^^)

  3. Basti :

    @beetFreeQ: Ich habe bei der Germanwings-Hotline extra nicht angerufen, weil die 99ct pro Minute aus dem Festnetz kostet. Das war mir zu teuer für Recherche…^^

    @Moritz: Ja du hast es gut, du wohnst direkt da unten… irgendwo… mittendrin…
    Aber: SICHER, dass das ein Vorteil ist? Hehe…

  4. @Moritz: Och, ich hab auch schon mit meinem Chef und drei weiteren Kollegen 12 Stunden zusammen in einem Auto gesessen, um von unserem Österreichischen Kunden wieder nach hause zu kommen. Auch wenn der Flieger ja schon die Luft verpestet – bei der Strecke ist mir fliegen doch eindeutig lieber.

    Kürzere Strecken würde ich aber auch nicht mehr fliegen wollen – erstens kommt das Flugzeug ja gar nicht aus Start- und Landeanflug heraus und letztendlich ist man dank der Wartezeiten etc. mit dem Auto dann doch nicht so viel langsamer. Da spare ich mir gern die Luftverschmutzung.

  5. Gottverdammt, warum hab ich doofe Kuh auch auf den Link klicken müssen…

  6. Na, ob da nicht mal der Herbert textliche Urheberansprüche stellt? Und wenn AirBerlin blechen muss, dann wird das wieder an den Kunden weitergereicht…

    Ein kleiner ernst gemeinter Tipp: swoodoo. Das ist eine Suchmaschine für Flüge und das geniale ist die Powersuche, bei der man die Gegend des Abflugs immer weiter eingrenzen kann und über mehrere Tage die Preise angesagt bekommt. So kann man oft ne Menge sparen.

    Ich bin übrigens trotz einiger Verarschungen bzgl. der Preise (Gepäckgebühren etc) ein Verfechter von Billigfliegern (ich hab mir aber noch nicht die jeweiligen Songs angehört) und fliege schon seit sieben Jahren glücklich mit EasyJet, Go, Buzz, Ryanair, GermanWings und Co (noch nie mit AirBerlin).

  7. :

    Du fliegst nach Wien? (Wobei du ja eigentlich in Schwechat ankommst, wie dir jeder Niederösterreicher stolz mitteilen würde). Wann und wie lang?

    Und was das Lied betrifft: “Kerosin im Blut” – ja, das kommt mir auch so vor, wenn ich Frau Piepsstimmchen zuhöre. o.O

  8. Basti :

    @juliaL49: Danke für den swoodoo-Tipp. Sieht ganz nett aus! Was die Billigflieger angeht, geht es mir wie dir – trotz plötzlich auftauchender Zuschläge und Gebühren sind die meist doch noch günstiger als die herkömmlichen Fluglinien. Warum also für dieselbe Strecke deutlich mehr bezahlen?

    @Jü: Jup, ich fliege nach Wien. Und ja, ich komme in Schwechat an. Dieses Wochenende bin ich da ;-)

  9. haweka :

    was kann man/ frau von einer fluggesellschaft erwarten, die solche zeilen verbricht, die schon fast den tatbestand einer straftat erfüllen.
    grüssi

  10. Pingback: Sockenblog » Links To The Past #2

  11. Mica :

    Wien, Wien….. na da freu ich mich ja umso mehr, dass du trotz aller Widrigkeiten den Weg nach Wien gefunden hast, lieber Basti.

    Oh Graus, ist der Song schlecht….
    Und: Ich konnte ja nicht widerstehen zu googeln, wer den verbrochen hat – und habe noch viel mehr hübsche Versionen davon gefunden :)
    Viel Spaß damit
    http://www.ladagemedia.de/air-berlin-song-tonstudio-veranstaltung.phtml

  12. Basti :

    Ohgott, Mica… man denkt fast, dass es gefaked ist. Das wäre ja schon schlimm, aber ich fürchte: Das ist alles wahr…

    An dieser Stelle mal ‘nen Dank an die Isländer: Die Air Berlin hat einen ordentlichen Dämpfer augenscheinlich nötig gehabt. :-)

  13. Mica :

    Misstrauisch macht mich ja schon der Satz “Schon bei der Uraufführung waren die Angestellten begeistert und sangen den kompletten Song mit allen Strophen und Refrain ein.”

    Wurden die Angestellten unter Androhung der Kündigung zur “Begeisterung” und Sangeseinsatz gezwungen? Waren es Mitläufer, die sonst eher Metallica hören? Oder sind die gar wirklich begeistert gewesen und hören auch gerne Ballermann Hits Vol. 1- 99 in ihrer Freizeit? Äußerst suspekt, das Ganze.

    Ich bleib sicherheitshalber bei Germanwings :)
    Oder fahre Bahn, wenn das nur nicht immer so teuer wäre.
    Bus fahr ich sicher nicht, als regelmäßiger Unwort-Leser weiß man ja, wo das endet.

  14. Mica :

    Nachtrag – den Leuten von Warsteiner ist es aber noch schlimmer ergangen!
    http://www.ladagemedia.de/warsteiner-teamparty-singen-besucherzentrum-hymne.phtml

  15. Basti :

    Warten wir auf ein Dokument von wikileaks.org, das irgendwann offenlegen wird, dass die Mitarbeiter allesamt gezwungen wurden. Zum Teil unter Androhung von Folter. Freie Wirtschaft macht mutiges Mogeln möglich.

    Ja, Warsteiner macht auch mit. Auf demselben Niveau wie AirBerlin – wie schön. Ohrenkrebs…!! ^^

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