… und jetzt beugen … sehr gut! … noch etwas tiefer… !

(Foto: Ugo Cei)
Deutsch ist zwar eine schöne, aber auch eine ziemlich schwere Sprache. Das merkt man zum Beispiel daran, dass es bei zwei anscheinend ähnlichen Wörtern wie schwer und schwierig immer wieder Probleme in der Verwendung gibt, wie ich eben unglaublich anschaulich demonstriert habe. Und bei anscheinend und scheinbar übrigens auch.
Wenden wir uns mit Grausen von Adjektiven und Adverbien ab und den Verben zu. Wie Sie wahrscheinlich wissen, gibt’s im Deutschen zwei Grüppchen von Verben: Ost und West starke und schwache. Die werden verschieden gebeugt. Ich demonstriere Ihnen das jetzt mal:
Ein schüchternes, zurückhaltendes, unterdrücktes, leicht zu beeinflussendes schwaches Verb ist zum Beispiel kacken. Setzt man dies ins Präteritum, so heißt es: Er kackte.
Ein aggressives, unterdrückendes, mächtiges, gewaltbehaftetes starkes Verb ist zum Beispiel vertragen. Setzt man dies ins Präteritum, so heißt es: Er vertrug.
Nachdem wir uns dies noch ein mal genau betrachtet haben, stellen wir ernüchtert fest: Es gibt einen Unterschied. Sehen Sie selber, nä? Fragen Sie aber nicht nach dem Grund des Unterschieds. Fragen Sie bei Sprache sowieso nie nach dem Grund. Sprache ist grundlos grundlos. Und zwar gründlich.
Ebenso ernüchtert stellen wir fest: Das Vorhandensein dieser beiden Verbgrüppchen hat nicht nur keinen Grund, sondern es ist auch noch in sich erschreckend unlogisch: Verklagen klingt wie vertragen, denkt man(1) und müsste doch nach demselben Prinzip gebeugt werden. Dementsprechend müsste es doch er verklug heißen, richtig?
Für die Legastheniker unter Ihnen: Er verklug ist aber nicht korrekt.
Ich habe somit nachgewiesen, dass das alles überhaupt keinen Sinn hat. Warum, könnten wir uns nun fragen, warum beugen wir unsere Verben gerade so und nicht anders? Die Antwort darauf ist einfach: Beugten wir anders, klänge es beschissen.
Stellen Sie sich vor, es gäbe nur starke Verben.(2) Was das für Folgen hätte! Ich habe da mal eine kleine Tabelle der erschreckendsten Veränderungen vorbereitet:
| Präsens | Präteritum |
|---|---|
| schmecken | er schmock |
| weiterleiten | er litt weiter |
| reifen | er riff |
| streben | er stribb |
| speisen | er sposs |
| wischen | er wosch |
| vergilben | er vergolb |
| erleuchten | er erlauch |
| spucken | er spock |
| schniefen | er schnoff |
Bei drehen und flehen müssten wir uns entscheiden: Beugen wir es wie gehen oder wie sehen? Oder gar wie verstehen? Die Resultate sind gleich bescheiden: Er dring, er flah, er drand.
Fazit: Seien wir froh, dass wir so beugen, wie wir beugen. Das ist zwar nicht logisch und auch für Fremdsprachler kaum nachvollziehbar, aber immerhin klingt es gut.
Unwort des Tages: Weitergelitten.
- Rein sprachlich natürlich. Nicht vom Inhalt her. [↩]
- Das klingt leicht rechtsradikal, ist aber im Grunde gar nicht so gemeint. [↩]
Beitrags-Feed



22. Juli 2009 um 20:58 Uhr
Ein Kuss, zwei Küsse.
Ein Bus, zwei Büsse^^
Und sowieso und überhaupt: wieso schreibt man “Bus” nicht mit Doppel-S?
22. Juli 2009 um 21:26 Uhr
Wenn leiten zu litt wird, wieso wird speisen dann zu sposs und nicht zu spiss? Das habe ich nicht versteht.
22. Juli 2009 um 21:58 Uhr
Deutsche Sprache, schwere Sprache, hm? ;D
Ziemlich interessant. Da macht man sich sonst nicht so viele Gedanken drüber… ôo
Wie ist denn das nun bei schwer und schwierig? o__O Da steh ich grad irgendwie auf dem Schlauch und versteh da das Problem nicht (oder ich kennes es, aber sehe es nicht als solches?).
22. Juli 2009 um 22:28 Uhr
@Moritz und Guido: Weil es sowieso alles unlogisch ist und keinen Sinn hat. ;-)
@Mausz: Aaaalso der Unterschied bei schwer und schwierig ist folgender: Schwer ist etwas, wenn es großes Gewicht hat. Zum Beispiel ein Sack Kartoffeln.
Schwierig ist etwas, wenn etwas kompliziert/kaum nachvollziehbar/… ist. Zum Beispiel ein Problem.
Wir neigen dazu, das durchzumixen. Und sogar Zwiebelfisch meint, dass schwer und schwierig manchmal (aber nur manchmal!) gleichbedeutend seien.
Ich finde aber, “ein schweres Problem” klingt komisch. Und “ein schwieriger Sack Kartoffeln” auch.
22. Juli 2009 um 22:42 Uhr
Hehe, da bug aber einer sehr schön seine Verben! Und schwer und schwierig wird glaub ich eh nur in Richtung schwierig vertauscht, oder? Also statt schwierig oft schwer geschrieben. Bin mir aber nicht bewusst, dass mir das mal als Fehler angekreidet wurde. Und der Unterschied zwischen anscheinend und scheinbar ist der, dass anscheinend mit Lichtspielereien zu tun hat? ;)
22. Juli 2009 um 23:04 Uhr
Also schmock und spock finde ich super, das sollte sofort in den Duden aufgenommen werden. Da ist ja auch ganz neu “twittern” drin. Kannst du mir davon bitte das starke Präteritum sagen? ;)
22. Juli 2009 um 23:18 Uhr
Das blugst und (für Konna:) twatest du aber schön, finde ich. :)
23. Juli 2009 um 04:17 Uhr
Danke für die erhällenden Erkönntnisse!
Mein Favorit: Weiterleiten > Er litt weiter
Das kling so schön verzweifelt :-)
23. Juli 2009 um 09:37 Uhr
So, nachdem ich mir die Tränen aus den Augenwinkeln geweicht habe, muss ich zu diesem herrlich geschreibteten Beitrag gratulieren!
Dass es zwischen anscheinend und scheinbar einen großen Unterschied gibt, hat mir seinerzeit der Zwiebelfisch erzielt, doch gemirkt habe ich mir das nicht.
23. Juli 2009 um 14:40 Uhr
@cimddwc: Ich mag “du twatest”. Das klingt nett….
@beetFreeQ und Julia: Der Unterschied zwischen anscheinend und scheinbar wird drüben beim Zwiebelfisch erklärt.
23. Juli 2009 um 15:02 Uhr
Ein sehr interessanter Artikel, der wieder einmal zeigt, dass Deutsch wirklich eine schwere (!) Sprache ist. Manchmal trotz aller Logik oder gerade aufgrund jener ein wenig unlogisch – das Ganze.
28. Juli 2009 um 08:40 Uhr
Ich habe hier einen Kommentar geschrieben; das tat ich aber nur, weil ich dafür bezahlt werde. Ich bin nämlich eine professionelle Spammerin.
Leider hatte ich gar keine Zeit, mir etwas wirklich Kreatives zu überlegen, was ich hier hinschreiben könnte. Deswegen ist es auch redundanter Unsinn geworden. So redundant, dass der Webmaster ihn einfach gelöscht hat. So ein Pech aber auch.
28. August 2009 um 15:58 Uhr
Und so schrub, schrieb oder schreibte Herr Un seinen köstlich lustischen Artikel und genießte, genuss, genaß oder gar genas die Kommentationen der Kommentatoristen.