Vom 1. bis 3. April trafen sich in Berlin rund 1400 Blogger, Twitterer und Podcaster zur “Re:publica 2009″. Unter dem Motto “Shift happens” diskutierten die Teilnehmer die Veränderungen im und durch das Web 2.0.
Völlig zweifellos findet nicht erst seit der Finanzkrise eine Veränderung in der Medienlandschaft statt. Die Nutzung des Internets nimmt zu, die Auflagen der Printmedien und die Anzeigenpreise nehmen ab. Es stellen sich daher folgende Fragen:
- Wer übernimmt die Aufgaben der sterbenden Printmedien, sowohl, was die Arbeitsplätze als auch und besonders was die Funktion in der Gesellschaft angeht?
- Noch rentiert sich Onlinejournalismus in akzeptabler Qualität nicht – welche Geschäftsmodelle sind denkbar?
- Wer soll Onlinejournalismus betreiben und wie?
Dass die Re:publica auf keine dieser Fragen eine befriedigende Antwort findet, ist die Folge eines grundlegenden Irrtums, dem die meisten der Teilnehmer und Referenten der Veranstaltung unterliegen: “Blogs sind 2009 zum Mainstream geworden”, sagte Mitveranstalter Markus Beckedahl der dpa.
Es ist gleichgültig, wie hoch man die Zahl der aktiven deutschen Blogs ansetzt (125.000? Oder 500.000? Oder irgendwo dazwischen?) und welche Definition man für Mainstream akzeptiert. Fest steht jedoch: Blogs sind in Deutschland definitiv nicht Mainstream.
Verständlich, dass Blogger gerne annehmen, dass sie wichtig sind – da aber die überwältigende Mehrheit der Deutschen (noch) keine Ahnung hat, was Blogs sind, ist es unsinnig, schon jetzt in Hybris zu verfallen und großspurig hinauszuposaunen, wie verwerflich und rückständig doch die Arbeit der etablierten Medien sei. Das geschah erstaunlich häufig während der Re:publica.
Dies spiegelt sehr deutlich die Tendenz der deutschen Blogosphäre wieder, sich selbst zu wichtig zu nehmen. “Journalismus” ist auf der Re:publica ein Schimpfwort, und wenn nicht das, dann ist es doch zumindest negativ konnotiert. Es scheint wichtig zu sein, die etablierten Medien abzulösen – nur wie, das ist hier keinem klar. Journalismus, so scheint es, will irgendwie keiner. “Fangt einfach an zu bloggen”, ertönt ein Ratschlag vom Podium bei der Frage nach dem “Wie” beim politischen Bloggen. Das Ziel, die deutsche Medienlandschaft verändern zu wollen, während man gleichzeitig nicht weiß, wie man journalistisch arbeitet, erscheint dann doch etwas zu hoch gesteckt. Selbstzweifel aber tauchen auf der Re:publica nicht auf.
Für die Meinungsbildung der großen Mehrheit der Bevölkerung spielen Blogs nach wie vor keine Rolle. Das wird sich auch nicht ändern, solange sich selbst A-Blogger in selbstreferenziellem Laberkram ergehen oder sich damit begnügen, mal eben schnell auf dieses oder jenes hinzuweisen, sei es nun ein tolles Video bei Youtube oder ein umwerfendes neues technisches Gerät. Um eine wirkliche Veränderung in der Medienlandschaft erzeugen zu können, müssen Blogs ihre Belanglosigkeit hinter sich lassen und selbst Inhalte erstellen. Selbst recherchieren und kritisch nachfragen. Selbst aktiv werden. Denn wenn sie Inhalte erzeugen, die es noch nicht bei Medien wie Spiegel und Co – ob nun online oder offline – gibt, werden sie interessant für diejenigen, die bisher noch nichts mit Blogs zu tun hatten. Und darum sollte es gehen, wenn man sich Gedanken über die Zukunft des Web 2.0 machen will. Es ist nicht von Bedeutung, ob und wie es mit Twitter oder Video-Microblogging weitergeht. Es interessiert außerhalb der Re:publica niemanden, welche Chancen und Herausforderungen sich durch Open-Source-Filme ergeben. Es muss darum gehen, das neue Medium Blog – denn für Millionen Menschen ist es neu! – für den ganz normalen Internetbenutzer interessant zu machen.
Blogs werden erst dann relevant und somit wichtig, wenn sie nicht nur für Menschen interessant sind, die sich ohnehin viel im Internet bewegen. Wie in den USA – dort genießen Blogs eine deutlich höhere Aufmerksamkeit sowohl in den Medien als auch in der Politik. Das liegt daran, dass die amerikanischen Blogger mehr Mut, Zeit und Geld für eigenen Content haben. Die eigentliche Frage ist also mal wieder die nach dem Geld – eine Antwort darauf gibt es bislang nicht. Auch und besonders nicht auf der Re:publica.
Von amerikanischen Zuständen ist die deutsche Blogosphäre aber noch weit entfernt. Das will auf der Re:publica aber niemand so recht wissen. Hier werden die üblichen A-Blogger gefeiert und als Paradebeispiel hochgehalten. Man sieht sich mitten im Zentrum einer Entwicklung, die ja unbestreitbar stattfindet – die aber eben nicht Mainstream ist, die noch nicht fähig ist, Gesellschaft und Medienlandschaft zu verändern. Das sollte sich auch im Selbstverständnis der Blogger widerspiegeln.

Beitrags-Feed
Finanzkrise hat den 11. September wohl mittlerweile als Satzeinleitung abgelöst :-)
Das mit der Relevanz ist teilweise einfach auch ein Teufelskreis. Es lässt sich als Blogger zum Beispiel schwer jenseits von offiziellen Veranstaltungen recherchieren. Du kannst ja mal irgendwo anrufen und sagen “Guten Tag, ich Basti vom Unwort, ich hätte mal eine Frage” und die Ergebnisse vergleichen mit jemanden, der von einer Zeitung anruft. Ärgerlich ist das.
Ich halte es übrigens für einen Irrtum, dass Blogs im Ausland viel erfolgreicher oder relevanter sind. Vielmehr denke ich, dass das auch nur durch die dortigen “A-Blogger” so kommuniziert wird und es hier eben so ankommt. Dort sagen sie wahrscheinlich, dass deutsche Blogs extrem ernstgenommen werden, die machen sogar Riesenkonferenzen und so :-)
Das erinnert mich, wie wir immer Pressemitteilungen rausgegeben haben, wenn wir unsere jährliche Juso-Hauptversammlung durchgeführt haben mit Wahl des Vorstands etc. und es immer so riesig klang. Letztendlich saßen wir halt zu viert darum und haben Bier getrunken :-)
Entschuldige die fehlen Ausdrucksfehler, ich bin noch nicht ganz wach.
Doch, schon. Für mich zeichnet sich eine eindeutige Mainstream-Blogger-Bewegung ab ABER man muss ganz deutlich differenzieren. Spezialisierte, recherchierte, durchdachte Blogs (Wie natürlich auch deiner, lieber Basti) sind rar. Die Mehrzahl der Blogs befasst sich mit dem schnell hingekritzelten persönlichen Befinden des Verfassers. Schöne Sache so ein Onlinetagebuch – aber eine ganz andere Seite des Bloggens.
Lg, Sina
Danke, Basti. Gut und richtig gebrüllt, Löwe, sozusagen :-)
Ich frage mich aber zugegeben auch oft, warum das Thema Relevanz überhaupt ein Thema ist. Wollen “wir” unbedingt relevant sein? Ich nicht. Nicht in dem Sinne. Die meisten Blogger haben doch ihre kleine, gemütliche Nische im Netz und ich glaube sie sind auch ganz froh, dass es diese Nische ist. Denn wenn man “relevant” ist, hat man auch Verantwortung. Das sieht nur glaube ich kaum jemand.
Dann kann man nämlich nicht mehr “einfach so” seine Gedanken aufschreiben und die Informationen, die man eben hat, herausposaunen.
Und nur weil viele “klassische” Journalisten fehler machen, heißt es nicht, dass die eigentliche Systematik dahinter falsch ist.
Ich dachte, gelöwter Leopard ^^
Finde deine Position richtig.
Zur Illustration empfehle ich auch noch die Tatsache, dass sich in fast jeder Diskussion zum Thema “Blogs / Journalismus” ein Mensch meldet, der beklagt, dass er als “Blogger” keinen Presseausweis hat (wahrscheinlich ohne sich genauer erkundigt zu haben, was hierfür für Voraussetzungen gelten).
@Sebastian: Ich habe mit diesem Satz gehadert, aber es war spät und ich hatte keine Lust auf treffende Formulierungen.
Ich stimme dir zu, dass das Recherchieren als Blogger schwierig ist. Das kann auch erst anders werden, wenn denn Blogs irgendwann mal wichtig und beachtet sind. Aber bis dahin gilt, was im Journalismus ohnehin gilt: Frechheit siegt… ein erhöhtes Maß an Dreistigkeit steigert die Erfolgsaussichten. Ich meine das übrigens nur aufs Berufsleben bezogen. Natürlich.
Zum Thema A-Blogger im Ausland: Ich meine da insbesondere das Beispiel USA. Da ist es doch zum Beispiel so, dass irgendein Technikblog gerade herausgekriegt hat, dass Google vielleicht eventuell Twitter kaufen will oder so ähnlich.. Unabhängig davon, ob es stimmt oder nicht: Das ist doch mal ne Geschichte. Das geht ohne Recherche gar nicht…
@sinahawk: Es geht mir ja darum, dass eben jene recherchierten Blogs, die du ansprichst (und ob das Unwort nun dazugehört, ist eine interessante Frage… würde ich gar nicht mal unbedingt sagen), noch nicht bekannt sind. Die gibts bestimmt irgendwo, keine Frage. Irgendwo unter 125000 steckt bestimmt was gutes Recherchiertes. Aber es merkt keiner. Das, was die meisten merken, sind die üblichen Laberblogger. Und das sind auch die mit dem meisten Traffic.
@Curious: Gute Frage! Auf der Re:publica hatte ich das Gefühl, dass viele Blogger nicht nur relevant sein wollen, sondern sogar schon das Gefühl haben, relevant zu sein. Letzteres stimmt nicht und mit ersterem geht eben jene Verantwortung einher, die ich im Artikel auch ansprach und die du im Kommentar erwähntest. Ich bezweifle, dass es dafür ein Bewusstsein gibt in der Blogosphäre. Es scheint nur darum zu gehen, die etablierten Medien abzulösen und alles besser und anders zu machen…
@Julia: Ha, dich kenn ich! Zumindest vom Sehen. Weißte Bescheid.
Und auf der Re:publica gab es tatsächlich am ersten Tag irgendwo in einer der großen Veranstaltungen im Friedrichstadtpalast die Frage, wie man denn einen Presseausweis bekommt. Und dass das für Blogger ja auch gehen müsse.
Für interessierte Blogger: Könnt ihr getrost vergessen. Dann lieber selber malen, das Ding. Das sorgt zumindest für Erheiterung bei der Security.
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Full Ack! Bis Blogs in Deutschland das sind, was z.B. die Huffington Post in den USA ist (z.B. von Focus Online mit einer eigenen Kolumne bedacht), muss noch viel passieren. Bis dahin trinke ich auf unsere deutschen Überblogs. Prost!