Von Günther, seinen Hähern und kollernden Eicheln
In letzter Zeit häufen sich bei mir die Suchanfragen nach “Tage mit Hähern Interpretation”. Ich habe bisher immer gedacht, es handele sich dabei um Spam – nach einer kurzen Recherche überwältigte mich aber nun die Erkenntnis: Es handelt sich bei “Tage mit Hähern” tatsächlich um ein Gedicht. Und zwar um einen, hm, naturverbundenen Worthaufen aus der Feder eines gewissen Günther Eich.
Günther weilt zwar nicht mehr unter uns, jedoch ist sein Verscheiden noch nicht lange genug her, als dass ich Ihr Verlangen nach dem ganzen Gesicht – Verzeihung, Gedicht hier befriedigen könnte.
Aber lassen Sie mich Ihnen ganz im Vertrauen sagen: Das ist auch nicht so schlimm. Denn dieses Gedicht ist wirklich eines der dämlichsten, das ich kenne. Es geht, soviel sei verraten, um Tage mit Hähern. Wobei die Häher natürlich Symbol sind für die Natur als Ganzes, die Suche nach der Erkenntnis, das Scheitern, die Welt und auch die Nicht-Welt, die Unterwelt oder die Scheibenwelt. Oder zumindest einiges davon.
Es schreibt Günther in seinem grandiosen Gedicht, ganz ungelogen:
Der Häher wirft mir
die blaue Feder nicht zu.
Wie soll er denn auch?! Häher haben keine blauen Federn, Günther, und werfen können sie auch nicht. Aber, achja, es ist ja ein Gedicht. Nur kein Realismus, denn dieser ist gar grauslig verpönt. Es wird interessanter:
In die Morgendämmerung kollern
die Eicheln seiner Schreie.
Ich kollere auch gleich. Da hat Günther-Baby ein neues Verb erfunden. Oder er stammt aus einer sehr eigentümlichen Region Deutschlands, wo man dieses Verb kennt. Kennt jemand dieses Verb? Wenn ja, woher kommt dieser jemand?
Die Eicheln des Verstehens jedenfalls kollern noch nicht in mein Gehirn. Aber immerhin klingt das alles ja hochlyrisch. Ob es nun einen Sinn hat, ist ja eigentlich auch egal.
Günther schwadroniert nun noch ein bisschen metaphorisch-esoterisch über den Häher (“Sein Flug gleicht dem Herzschlag…” man ergänze an dieser Stelle ein orgastisches Stöhnen…) und kommt schließlich hochdramatisch zum Schluss:
Ungesehen liegt in der Finsternis
die Feder vor meinen Schuh.
Wer nach der Lektüre dieses bahnbrechenden Satzes nicht sofort von der finalen Erkenntnis vergewaltigt wird, der hat Günther einfach nicht verstanden. Aber ach, das ist ja ohnehin das Los des Künstlers… dieses ewige Unverstanden-Sein, die damit einhergehende Unvollkommenheit, aber auch gleichzeitig die Katharsis, die der Künstler durch diesen seinen Abstand zur unverstehenden, unverzeihlichen, unnahbaren, unardigburgen Gesellschaft erreicht… ja, Günther, ich fühle mich dir verbunden…
Ähem.
Und jetzt stellen Sie sich mal vor, Sie wären Schüler und müssten sich mit Günthers Häherfetischtext herumschlagen. Müssten womöglich gar herausfinden, was uns der Autor mit seinem Text sagen will. Und stellen Sie sich mal vor, Sie dürften nicht schreiben, was Sie wirklich denken (“Eich scheint in dieser Phase seines Schaffens harten Drogen eher zugesprochen zu haben als noch in der früheren Phase, die immerhin noch durch gelegentliche gedankliche Klarheit gekennzeichnet war”), sondern Sie müssten das schreiben, was der Lehrer hören will. Ganz im Ernst.
Und so schreibt ein bemitleidenswerter Schüler folgenden hilfesuchenden Eintrag in einem Hausaufgabenforum: “Also soweit ich das verstanden habe, sucht das lyrische Ich den Sinn des Lebens, oder allgemein einfach Antworten. Dafür steht doch die blaue Feder, oder?”
“Das lyrische Ich sucht den Sinn des Lebens” – das ist die größte Plattitüde, die der schulische Sprachgebrauch zu bieten hat. Sie passt auf jedes Gedicht, ja, auf jedes noch so beschissen dahingesprühte Graffiti lässt sie sich beziehen. Aber genau das will der Pädagoge hören. Und die blaue Feder ist natürlich das Symbol für die Suche nach der Erkenntnis. Was denn auch sonst. Die Finsternis steht dementsprechend für das Nicht-Vorhandensein von Erkenntnis oder Erkennenwollen und der Schuh ist das Symbol für das ewig Voranschreitende, das Rotieren der Welt, die Zeit, das Leid, das Kleid und auch die Stagnation des Reallohnes deutscher Schustergesellen.
Liebe Schüler: Ich kann euch bei der Interpretation des Gedichts nicht helfen. Sagt am besten eurem Lehrer, dass ihr das Gedicht scheiße findet und dass ihr gerne Goethe besprechen würdet. Im Übrigen sei es euch scheißegal, dass Goethe gerade nicht im Lehrplan steht; bei Goethe wisse man wenigstens, dass er meschugge war und warum er es war und außerdem hat er nicht über Nichtigkeiten wie kollernde Eichelhäher geschrieben und ob ihr jetzt nicht vielleicht einfach nach Hause gehen könnt, das führe doch alles zu nichts.
Liebe Leser, die keine Schüler sind: Seien Sie froh, dass Sie sich mit Eichs Hähern nicht beschäftigen müssen. Ich bin es auch.
Unwort des Tages: Ungesehen liegt in der Finsternis die Feder vor meinen Schuh.
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17. März 2009 um 08:20 Uhr
Moin,
Zum “Kollern”:
Es scheint sich hier um eine Variante des “Kullern” zu handeln, welches in etwa “unrund rollen” heißt; oder “herumeiern” im Wortsinne (das würde ja auch zum Ei des Lebens, oder Kolumbus, oder Günthers passen).
Und heißt nicht auch das Kreischen eines Truthahns “Kollern”?
17. März 2009 um 10:25 Uhr
Hätte der Günther ein “normales” Gedicht geschrieben, würde sich wahrscheinlich niemand an ihn erinnern, aber so hatte er sogar die Ehre, “verunwortet” zu werden. :)
Zu “kollern” meint das Duden Universalwörterbuch übrigens:
1}kol|lern «sw. V.; hat» [wohl lautm.]: (bes. vom Truthahn) rollende, gurgelnde [kräftige] Laute ausstoßen: der Truthahn kollert.
2}kol|lern «sw. V.; hat» [zu 2Koller] (ugs. veraltend): einen 2Koller (1) haben.
3}kol|lern «sw. V.» [zu (ost)md. Koller = Kugel, (bes. schles.:) Rolle, Walze; Weiterbildung von: Kulle < mhd. kugele = Kugel] (landsch.): a) purzeln, rollen; kullern «ist»: Steine, Früchte kollern zu Boden;
b) «k. + sich» sich irgendwohin wälzen «hat»
(c) Dudenverlag
17. März 2009 um 12:30 Uhr
Bin ich froh, dass mein Abitur lediglich durch Tellkamps preisgekrönte Pseudolitteratur an Bildung einbüßen musste. Aber manche Lehrer versuchen ja, Gott sei Dank, auch ein Leben außerhalb der Rahmenrichtlinien zu führen. Denn, Zitat mein Deutschlehrer: Faust ist geil
17. März 2009 um 14:30 Uhr
Danke für eure Aufklärung über das Kollern. Das Verb gibt es also doch – mein Unverständnis resultierte also aus meiner eigenen Unmündigkeit, äh, Unvollkommenheit. Ich sollte mich also mal zur Weiterbildung in irgend eine Abendschule kollern.
@Jasmin: Wer zum Henker ist Tellkamps? Und Faust ist tatsächlich geil! ;-)
17. März 2009 um 16:40 Uhr
Uwe Tellkamp, ein Litterat, den die Welt nicht braucht. Schreibt im “stream of consciousness”-Stil. Sein “Werk” “Der Schlaf der Uhren” ist..nunja, sagen wir….überflüssig. Und wenn du ihn nicht kennst, dann ist das auch kein Bildungsdefizit. Lohnt sich, meiner Meinung nach, auch nicht, etwas von ihm zu lesen. Es sei denn, man steht auf Döblin und seinen “Berlin Alexanderplatz”, welcher aber noch wesentlich besser ist. Und zum Thema gute Litteratur: Faust/Goethe sowieso, dann Dostojewski und im Moment Puschkin. :)
17. März 2009 um 17:16 Uhr
Döblin haben wir mal im Deutsch-LK gemacht – es war sehr strange. Nicht meins. Dann werde ich mich mit Tellkamp wohl besser gar nicht erst befassen.
Naja, nicht, dass ich es vergehabt hätte, aber man hätte denken können, ich hätte es möglicherweise vorgehabt!
17. März 2009 um 19:11 Uhr
Gut, dass es nicht so ist :) Es spricht sowohl für vorhandenen Verstand, als auch Geschmack ;) (ich seh’s schon kommen, ich werde bestimmt mit Drohbriefen von Tellkamp/Döblin-Fanatikern überschwemmt, es gibt sie, irgendwo da draußen *AkteX Mellodei*)
25. März 2009 um 01:07 Uhr
@Jasmin:
“stream of consciousness”, das geht?
Aber “ein Litterat” macht nicht aua?
28. März 2009 um 18:46 Uhr
»Es sind zuverlässig in Deutschland mehr Dichter, als alle vier Weltteile überhaupt zu ihrer Wohlfahrt nötig haben.« sagte schon der kluge Lichtenberg, und gewiss mag das auch auf einen Herrn Eich zutreffen.
23. Februar 2010 um 16:19 Uhr
ich muss dazu n inneren monolog schreiben und raste mega aus. Du hast recht, er freut sich dass er nicht verstanden wird doch zu jedem Sprechenen gehört auch ein Zuhörer bzw. Leser. Das Gedicht is einfach scheiße
7. März 2010 um 12:04 Uhr
Hallo werte Freunde der Literatur,
haben vor kurzem das Gedicht um die netten Vögel ebenfalls behandelt. Ich muss mich jedoch positiv gegenüber dem Gedicht äußern, da meines Empfindens nach die Häherfeder, die nicht gefunden wird, aufgrund der Verblendung der Menschheit, ein passendes Bild ist. Außerdem wird sehr schön das mühsame Leben des Hähers mit dem des Menschen verglichen. Das “bittere Mehl, die Speise eines ganzen Tages” verdeutlicht dies.
Außerdem hackt der Häher “aus Ästen und Baumfrüchten” “tagsüber die Nacht” und wirft das Tuch, welches er dadurch gesponnen hat über das lyrische Ich, sodass für Jenes nie Tag wird.
Zusammenfassend lässt sich ergo sagen, dass dem Gedicht “Tage mit Hähern” trotz der auf den ersten Blick sinnlos erscheinenden Metapher und Symbolwahl ein tieferer Sinn zu Grunde liegt. ;)