Versuchen Sie mal, sich gedanklich ein wenig von Ihrem Selbst zu entfernen. Bitte nicht so weit, dass Sie dann irgendwelche Straftaten begehen, weil Ihr Verstand Ihren Körper womöglich nicht mehr unter Kontrolle hat. Aber denken Sie mal gelegentlich anders als gewöhnlich!
Sie werden sehen: Sie kommen auf erstaunliche Gedanken.
Das ist übrigens einer von diesen monokausalen Zusammenhängen, die so tun, als ob sie intelligent und neu wären, es aber nicht sind. Doch das nur am Rande.
Sie kommen also auf erstaunliche Gedanken, liebe Leser, wenn Sie stark (oder schwach, oder bekloppt) genug sind, es zuzulassen. Trauen Sie sich ruhig einmal, das von Gott gegebene grenzenlos geile Gefüge der Welt infrage zu stellen! Forschen Sie nach! Seien Sie neugierig! Fragen Sie sich in ungewöhnlichen Situationen einfach mal: “Warum?”
Sie könnten sich zum Beispiel gestern Abend gegen 23.55 Uhr gefragt haben: “Warum stehe ich hier mit einem Sektglas in der Hand und rede Humbug, nur damit die Zeit bis 0 Uhr überbrückt ist?”
Und dann: “Warum stoße ich an, umarme wildfremde Leute (wie sind die eigentlich hier hergekommen? Was wollen die hier?!) und brülle ‘Frohes Neues!’, obwohl doch der Tag morgen rein physikalisch und vom Weltenplan her gesehen genau so ist wie heute?”
Und dann: “Warum stehe ich in der Kälte, lasse mich von sündhaft teuren Feuerwerkskörpern einstinken, die ich selbst gekauft habe und verbrenne mir beim Anzünden ständig die Finger?”
Die frustrierende, aber erleuchtende Antwort muss lauten: Weil irgendein behämmerter mittelalterlicher Mönch zu der Erkenntnis kam, eine Datumsreform durchführen zu müssen und den abgehalfterten Papst von seiner Idee überzeugen konnte. Weil es üblich ist, am Jahresende wildfremde Leute einzuladen, sie durchzufüttern und so zu tun, als möge man sie. Weil es üblich ist, um 0 Uhr stinkende Feuerwerkskörper in den Himmel zu schießen.
Nebenbei bemerkt lassen sich so gut wie alle Probleme dieser Welt auf mittelalterliche Mönche zurückführen, denken Sie mal drüber nach. Aber überreagieren Sie nicht – schlagen Sie also nicht den nächsten Gregorian Choir zusammen, der bei Ihnen in der Nähe auftritt. Der kann nämlich in der Regel nichts dafür. Und strafbar ist es auch noch. Es sei denn, es ist ein Ausländer-Chor.
Kleiner Scherz am Rande. Haben Sie gemerkt? Das war ein “Hahaha- oweiowei…”-Witz. Einer, wo man erst lacht, dann aber merkt, dass es nicht üblich ist, dort zu lachen. Und politisch unkorrekt noch dazu.
Die absolute Spitze der politischen Korrektheit haben Sie übrigens dann erreicht, wenn Sie es schaffen, bei der Lektüre des obigen ausländerfeindlichen Witzes sofort böse zu gucken, ohne vorher zu lachen. Wenn Sie das können, sind Sie komplett im Einklang mit dem Üblichen. Stehen quasi kurz vor dem gesellschaftlichen Nirvana.
Und hatten gestern eine richtig beschissene Silvesterfeier.
Unwort des Tages: Warum?

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Dann kann man also davon ausgehen, dass deine Silvesterfeier nicht beschissen war, weil du gelacht hättest? ;) Ich hoffs zumindest mal… ^^
Was die fremden Leute betrifft, würde ich den Spieß mal umdrehen: Lade dich einfach selbst bei der nächstbesten (oder je nach beabsichtigtem oder zu erwartendem Verhalten: einer möglichst weit entfernten, zwecks Vermeidung des Wiedererkennens) Party ein. :D
(Wenn ich kurz klugscheißen darf: 1582 war kein Mittelalter mehr…)
@Konna: Natürlich war meine Silvesterfeier NICHT beschissen, wo denkst du hin…
@cimddwc: Ah, sich selbst einladen. Mal was Neues. Probiere ich mal aus, dieses Jahr.
Und jaaaaaaa, du hast Recht, was das Mittelalter angeht. Aber psssscht… ich mag lieber das Mittelalter schlechtreden als die Neuzeit.. ;-)
Fragt man sich nicht öfters mal: Warum habe ich das gemacht? Warum habe ich mich so entschieden? Diese Frage stellt sich doch jeder mal und meistens dann, wenn man mit der getroffenen Entscheidung nicht zufrieden ist. Einmal in sich selbst gehen, dass sollte auch jeder mal machen. Das mit Silvester, ist doch immer eine gute Gelegenheit sich mit Freunden zu treffen und einen Plausch zu halten. Ansonsten schiebt man des Öfteren doch einen Ausrede vor.
Ich glaube, dass es immer wieder einmal Entscheidungen gibt, die man vielleicht anders gemacht hätte im Nachhinein, aber ich finde es sehr gut, dass man sie nicht ändern kann. Denn blickt man vielleicht ein oder zwei Jahre danach noch mal darauf zurück, stelle ich zumindest sehr oft fest, dass ich die Entscheidung richtig getroffen habe, auch wenn es im ersten Moment nicht so ausgesehen hat. Aber ich glaube, dass jeder einmal im Leben zweifelt. Das ist ganz normal und nicht weiter schlimm.
Weisheit vom bezahlten Kommentierer. Danke, Rui, für die wärmenden Worte.
Historisches Bewußtsein sollte nur mit dem Warnhinweis verkauft werden, daß Rituale nach Aneignung weniger Spaß machen. Ob die Leute, die Rahmenpläne für Geschichtsunterricht schreiben, das bedenken?
Den Jahreswechsel mitten in den Winter zu legen, erfüllt nicht einmal eine sozialen Zweck. Gut, wenn es die Menschen wegen der Kälte sowieso eng zusammenhocken müssen, können sie auch gerne Jahreswechsel feiern.
Schön wäre es jedenfalls, wenn einem Bundeskanzler oder einer Bundeskanzlerin (und seinem oder ihrem historischem Bewußtsein), während er oder sie bei der Neujahrsansprache säße, einfiele, was hier für ein unverständlicher Zufall am Werk ist, und er oder sie den Einfall spontan dem versammelten Staatsvolk beizubringen versuchte.
Kann man das nicht einfach mal machen, dieses Jahr? Der Merkel (oder wer auch immer Ende des Jahres Kanzler ist) vorschlagen, das sganz spontan in die Rede einzubauen? Oder noch besser, den Bundestag beschließen lassen, dass hier jetzt der Äquatorialguineanische Kalender gilt oder so, mit dem Jahreswechsel vom 23. zum 24. August (in geraden Jahren) und vom 15. zum 16. Juni (in ungeraden Jahren)…
Das wäre doch mal entertaining.