Das Unwort

Unseriöse, unerhört unpolitische Ungereimtheiten

 
 
 
 

Echte Weihnachten gibt es nur mit Victors ukrainischen Kunsttannen!

Herzlichen Glückwunsch, es ist bald wieder Weihnachten. Gestern war es schon unfreundlich kalt, Aldi führt wieder Lebkuchen und Schokoweihnachtsmänner, die Fußgängerzone ist zu jeder Tageszeit überfüllt und jeder ist unfreundlich und gestresst. Dies alles sind deutliche Anzeichen dafür, dass das Christkind demnächst seine Xbox ausknipst, die Chips beiseite schiebt, die Killerspiele ausschaltet und uns mit seiner Anwesenheit beehrt. Ein weiteres Zeichen für die Vorweihnachtszeit findet sich in unser aller Spamordner: Da tummeln sich nun zusätzlich zu den üblichen Penisvergrößerungsmaschinen, Wunderpillen und Klappfahrrädern auch Kunsttannen.

Als ich die Mail in meinem Spamordner gesehen habe, war meine Neugierde geweckt. Wie kann man denn bitte per Spam für so etwas Gesellig-wohliges wie Kunsttannen Werbung machen? Das ist ja so, als ob ich im Fernsehen Werbung für Bestattungsunternehmen machen würde. Das passt einfach nicht.

Ein Victor Starck schreibt mir in wohl gewählten Worten und ganz ohne Rechtschreibfehler:

“Es dauert nicht mehr lange und Sie brauchen dringend Weihnachtsdeko. Insbesondere sollten Sie nicht vergessen, sich bei uns einen tollen Tannenbaum zu bestellen, der nicht gepflegt werden muss.”

Wie schön, dass Herr Starck Alliterationen anscheinend genau so mag wie ich. Aber sein Produkt als “toll” anzupreisen, wirkt reichlich lustlos.

“Wir liefern direkt zwischen 1,20 Meter und 3,90 Meter schon ab 39,-”, heißt es weiter. Ich frage mich nun ernsthaft, wer eine vier Meter große Kunsttanne braucht. Wenn man schon so behämmert ist, eine so große Tanne zu kaufen, dann könnte man wenigstens eine echte nehmen. Die kann man nämlich nach Weihnachten gründlich zersägen und verfeuern, während man für die Monster-Kunsttanne wohl einen Hangar als Lager mieten muss. Oder kann man die Dinger zusammenklappen?

Auf Herrn Starcks beworbener Homepage erwartet mich ein unglaublich schlechtes Design und genau elf Bilder von ein und derselben Kunsttanne.

Ich erfahre durch investigative Recherche, dass Victor Starck eigentlich Victor Vitti heißt und in der pittoresken Stadt Stryj in den dunkelsten Tiefen der Ukraine wohnt. Er hat jedoch eine tschechische Mailadresse. Die Spammail kam aber aus Russland – wie so gut wie alle Spammails.

Stolz prangt das neueste Angebot auf Victor Vittis erster Seite: “Ab Bestellung von 10 Tannen erhalten Sie 20% Rabatt!”

Also, wenn Sie lieber einen Weihnachtswald als einen Weihnachtsbaum hätten: Wenden Sie sich vertrauensvoll an Ihren Kunsttannenhändler aus dem Ostblock.

“Als Spezialist für innovative Kunsttannen liefern wir funktionelle Bäume für viele Gelegenheiten”, blubbert es mir auf der “Über uns”-Seite entgegen. EInen guten Texter kann sich her Vitti augenscheinlich nicht leisten. Oder aber er mag sein Plastikprodukt selbst nicht. Wirklich überzeugen kann dieser 08/15-Werbespruch jedenfalls nicht. Mit dem kann man nämlich für alles werben, auch für Gurkenschneider. Oder USB-Tassenwärmer.

Man muss nich natürlich auch fragen, wie viele Verwendungsmöglichkeiten es für eine Kunsttanne überhaupt gibt. Außer zu einem saisonalen Aufbewahrer von Weihnachtsschmuck taugt so ein Teil nämlich eigentlich zu nichts. Es ist zu nichts zu gebrauchen -  man kann darin nichts aufbewahren, es kann keinen Kaffee kochen, es hütet keine Kinder, es macht keine Kinder, es brennt nicht, es riecht nicht, es klingelt nicht, es spielt keine Filme, es kann nicht ins Internet, es putzt nicht, es furzt nicht, es bellt weder noch miaut es, noch sagt es “muh”. Es wird in seiner Langweiligkeit vielleicht nur von einer kaputten Stehlampe übertroffen, und die konnte immerhin mal was. Wenn die Kunsttanne also nicht groß, grün und sperrig wäre, würde man nicht einmal bemerken, dass man eine hat.

Man kann dieses Teil höchstens zu Weihnachten in die Ecke stellen, es mit Lametta zukleistern und dann einen möglichst großen Haufen Geschenke drunterlegen, damit keiner merkt, dass man eine ukrainische Kunsttanne gekauft hat.

Und das dann für 69 Euro zuzüglich Versand und Mehrwertsteuer? Ich behaupte, in diesem Falle ist der Mehrwertsteuerbetrag mehr Wert als das Produkt…

Seien Sie konservativ, lieber Leser. Gehen Sie in den Wald, schlagen Sie wild mit der Axt um sich, bestechen Sie den Förster, damit Sie nicht verknackt werden, und feiern Sie mit Ihrer Familie unter dem Tannenbaum. Dem echten. Mit Nadeln.

Wenn ihr Haus abfackelt, bin ich übrigens nicht schuld. Und wenn Ihre Frau sich wegen der vielen Nadeln von Ihnen trennt (denn vorsicht, die Biester werden jetzt aggressiv, und damit meine ich nicht die Nadeln!), auch nicht.

Unwort des Tages: Kunsttanne.

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