Das Unwort

Unseriöse, unerhört unpolitische Ungereimtheiten

 
 
 
 

Bildung ist ein prozessualer Begriff!!!

Die Universität ist ein Hort des Wissens. Doch nicht nur das – die Universität beherbergt auch große Traditionen. Große Ansprüche. Große Egos.

Besonders unter Geisteswissenschaftlern begegnet einem oft ein gewisser Habitus. Zum Beispiel die Tendenz zu Fremdwörtern. Habitus – ein Wort, das man beim Aldi nicht sagt. Und nicht mal bei Karstadt. Nur im Hörsaal, da ist es etwas gern Gesagtes. Nominalisierte Partizipien vermag das erstaunte Ohr ebenfalls oft wahrzunehmen. Auch grammatische Fachbegriffe und rhetorische Stilmittel wie beispielweise Personifikationen werden oft eingesetzt. Und so.

“Bildung ist ein prozessualer Begriff!”, rief Prof. Dr. Horatschek der schnarchenden Studentenschaft in ihrer Vorlesung über den englischen Bildungsroman des 19. Jahrhunderts mit zur Faust geballter Hand zu. Was sie damit genau meint, führte sie in fünf weniger faustballenden Powerpoint-Folien aus. Eine geschlagene Stunde lang.

Was aber nun ein prozessualer Begriff tatsächlich ist – keine Peilung. Ist aber auch nicht wichtig, denn das Adjektiv “prozessual” ist mir in freier Natur eigentlich noch nie begegnet. Aber es klingt richtig cool, Frau Horatschek, thumbs up!

Um dem Selbstanspruch der Geisteswissenschaften gerecht zu werden, brauchte die auf Deutsch gehaltene Anglistikvorlesung noch eine Prise imaginärer Eloquenz. Und so zitierte Prof. Dr. Horatschek dann auch hingebungsvoll des Herrn Lothar Fietz’ neueste Weisheit, die sich folgendermaßen liest:

“Die Voraussetzung von einheitlichen Kulturen sind erkenntnistheoretisch nicht relativierte oder problematisierte Ontologien, welche die Illusion objektiver Erkenntnis erzeugen, in der das problematische Verhältnis von Welt und Welterklärungsmodell verschwimmt oder bewußt verwischt wird. Ontologisierte Anschauungssysteme enthalten sich genauso wie die sie affirmativ umsetzende Literatur einer Erkenntnis und wahrheitstheoretischen Problematisierung eben jenes Verhältnisses und tragen so zu eine [sic] andauernde Reiffizierung und Stereotypisierung überholbarer Anschuungsmodelle bei.”

Es ist ja nun nicht so, dass man das auch einfacher sagen könnte, nicht wahr, Herr Fietz? Aber es gehört eben zum Habitus eines Herrn Fietz, die Texte so zu schreiben, dass man sie nur versteht, wenn man ähnlich gepolt ist wie er. Ich bin es nicht. Und der Rest meines Semesters auch nicht, wie ich dem Verhalten meiner Kommilitoninnen und Kommilitonen (sagen Sie das zehn Mal hintereinander!) entnehmen kann. Einige sägen fleißig Eichenholz (zwar besonders hart, brennt aber angenehm lange), andere diskutieren Fachfremdes, schreiben SMS oder lesen die Tagespresse. Letztere sind Schuld, dass man diese Vorlesung also doch als Bildungsveranstaltung bezeichnen kann.

Fietz ist so weise, so erhaben gar, dass für ihn selbst die Regeln der deutschen Grammatik nicht mehr zu gelten scheinen – nur Lothar Fietz darf “beitragen zu” mit dem Akkusativ konstruieren! Sonst keiner! Oder – weniger spektakulär, aber wahrscheinlicher: Prof. Horatscheks unterbezahlte Tippse hat sich beim Erstellen der Folie verschrieben.

In regelmäßigen Abständen fühlt sich Prof. Horatschek genötigt, aus der Rolle der eloquent Vortragenden in die Rolle der entnervt Ermahnenden zu fallen, indem sie den finstersten möglichen Blick aufsetzt, über ihre Brille hinweg in die Gesichter der Studenten schaut (zumindest in die Gesichter derjenigen, deren Köpfe nicht auf den Tischen ruhen) und blafft: “Das wird mir hier zu unruhig.”

Komischerweise sagt sie da nicht: “Studentische Gespräche – wiewohl auf fachlicher Basis gewünscht – die über einen gewissen Lärmpegel hinausgehen, der von jedem Lehrenden anders definierbar ist, können den reibungslosen Ablauf der Vorlesung durchaus effektiv stören und sind deshalb im Interesse der Bildung zu unterlassen”.

Möglicherweise muss der Student von heute auch einfach eine gewisse Menge an bewusstseinserweiternden Mitteln zu sich genommen haben, um dem wirren Gefasel der Wissenschaftler effektiv und nachhaltig folgen zu können. Es wäre wert, es auszuprobieren. Freiwillige vor.

Ich schließe mit folgendem erleuchtenden Zitat des beliebten weißen Weisen Ulrich Seeber, der einst sprach (oder schrieb): “Erst mit wachsender Innenlenkung wird das Selbst in den Mittelpunkt des Erlebens gerückt und erfährt sich vor dem Horizont wahlweiser Möglichkeiten seiner Existenzgestaltung.”

Weiße Bescheid.

Unwort des Tages: Reiffizierung überholbarer Anschauungsmodelle.

9 Kommentare zu “Bildung ist ein prozessualer Begriff!!!”

  1. 1
    Sebastian S.:

    Guckst Du auch hier:

    http://citronengras.de/von-der-intellektuellen-segregation/

  2. 2
    Hikari:

    Bin ich froh, dass alle meine Profs, Dozenten und Tutoren davon dermaßen abweichen :D Wir haben nur unsere archäologischen Fachbegriffe, um die man nunmal nicht drumherum kommt. Aber ansonsten sprechen die sowas von normal. Und machen ständig Witze, Vergleiche, Beispiele. In unseren Vorlesungen wird also sogar von fast allen zugehört und mitgeschrieben ;) Du hast das falsche Fach gewählt. Hehe.

  3. 3
    Basti:

    Ah, ich bin nicht allein. Danke, Sebastian, das beruhigt mich jetzt.

    Und ich hätte wirklich gedacht, dass in der Archäologie auch so gesprochen wird, Hikari. Immerhin muss man ja sowieso, wenn man das studieren will, gefühlte 150 Sprachen können, oder…?

  4. 4
    Hikari:

    Ich muss nur Englisch, Latein, Altgriechisch und Italienisch und/oder Französisch oder sowas können. *gg* Ansonsten reden die wirklich bei uns normales Deutsch. Nix mit hochgegriffenen Worten und so. Und auch die Bücher, die ich bisher in der Hand hatte, waren verständlich. Was nicht heißt, dass andere Wissenschaftler vllt. umständliche Bücher in der Arch. geschrieben haben. Aber unsere Profs halten sich (bisher) zumindest nicht an dieses Hochschul-Verhalten wie du es beschreibst ;)

  5. 5
    Chris:

    Boah, das sind ja mal Ausdrücke, Gott sei Dank waren unsere Profs auch nicht so drauf. Da sitzt du ja nur im Hörsaal und schreibst dir die hochtrabenden Worte auf, um sie später nachzuschlagen und zu erfahren, was dein Prof da eigentlich gewollt hat! Echt kein tolles Studium, aber ich glaube, du hast die falschen Professoren oder die falsche Uni, wie gesagt, bei uns ging es da auch lockerer zu.

  6. 6
    lexxa:

    Dein Beitrag gehört in die Uni-Zeitung. Auf alle Fälle! ;-) Danke fürs Unterhalten! Herrlich..

  7. 7
    Basti:

    Ich suche ohnehin noch so einen Text für die Uni-Zeitung… gar nicht mal so schlecht, die Idee. Danke, Lexxa. Du studierst nicht zufällig in Kiel, oder? :-)

  8. 8
    lexxa:

    Nein, leider nicht. Ich bin in Salzburg Daheim – das ich zwar liebe, als Uni-Stadt aber doch sehr klein und provinziell ist.. Hab aber nicht mehr lange ;-)
    Und ehrlich – etwas gekürzt wäre der Beitrag eine perfekte Glosse!

  9. 9
    Basti:

    Ja, ich mache mich da mal dran und reibe das meiner Redaktion unter die Nase…

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