Das Unwort

Unseriöse, unerhört unpolitische Ungereimtheiten

 
 
 
 

Wildgewordene Schaffnerin setzt harmloses Kind vor die Tür – Welt Online im Bilderwahn

Dass bei der Bahn sexuell frustrierte Menschen ihren Dienst schieben, haben Sie bestimmt auch schon öfter am eigenen Leibe erfahren müssen. Oder unlängst beim Lokführerstreik.

“Nein, das Ticket gilt nicht/nicht heute/nur an Feiertagen/manchmal/nicht mehr seit 18 Uhr/nicht hier/nur dort, aber nicht hier/nur dann, wenn…” oder “Sie sitzen hier falsch/richtig, aber…/zu laut/zu leise/zu schlecht gekleidet/mit Eis/mit Pommes/mit Kind…” sind nur einige Dinge, die die Engel in der schicken blauen Uniform uns armen zahlenden Fahrgästen an den Kopf werfen.

Danach werfen Sie uns eine Rechnung an selbigen und uns dann aus dem Zug. So weit, so gut.

Völlig entgleist ist jedoch neulich die Schaffnerin eines Regionalzuges in Mecklenburg-Vorpommern: Sie ließ des Abends ein 12-jähriges Mädchen mit einem Monstercello auf dem Rücken in den tiefsten Tiefen von Mecklenburg aussteigen, weil das Mädchen sich erdreistet hatte, sein Portemonnaie zu vergessen. Andere Fahrgäste, die für das Kind zahlen wollten, wurden schroff abgewiesen mit der Bemerkung, man solle doch die Amtshandlung nicht stören.

Das weinende Kind durfte nun fünf Kilometer durch die Dunkelheit zu Fuß nach Hause laufen.

Natüüüüürlich gibt es da bei der Bahn eine interne Regelung, die es dem Zugpersonal untersagt, Minderjährige aus dem Zug zu werfen. Die Schaffnerin konnte nur leider entweder nicht lesen oder war nicht willens oder nicht fähig, diese Regel zu befolgen. Schade für das Kind. Und für die Bahn. Die Geschichte macht nämlich eine ganz schlechte Presse…

Zum Beispiel bei Welt Online. Welt Online ist eines der beliebtesten Online-Nachrichtenangebote im deutschsprachigen Netz. Das ist mir unerklärlich, denn die Kollegen von Welt-Online sind sämtlich einem Virus verfallen, der nur auf Portalen im Internet grassiert: Der Bilder-Virus.

Für Portale wie Welt, Stern, Spiegel, Netzeitung und Konsorten sind Klicks bares Geld wert, denn je mehr Klicks gezählt werden, desto öfter werden die Werbebanner gesehen. Denkt man zumindest.

Und so tun die Verantwortlichen alles dafür, möglichst viele Klicks auf ihren Seiten zu generieren…

Das macht man am besten mit Bildergalerien. Denn jedes Bild gibt einen Klick. Bei Welt Online sind augenscheinlich die Praktikanten für die Galerien zuständig, und so prangen am rechten Rand einer jeden Seite stolz die Bildergalerien mit den schönsten Augen, Ohren, Hinterteilen, Brüsten und Nasenpiercings beliebiger Promis.

Der Bilderwahn geht so weit, dass selbst der Artikel über das arme 12-jährige Bahnopfer mit dem Cello “bebildert werden muss. Aber unbedingt!!!” (fiktives Zitat des Ressortleiters)

Was macht Praktikant also? Praktikant findet heraus, dass es keine Fotos des Opfers gibt. Ein Foto des Täters gibt es auch nicht (von Mehdorn gibt es zwar ‘ne Menge, aber er ist ja leider nicht persönlich für den Mist verantwortlich, den die pommersche Schaffnermeisterin da angestellt hat).

Praktikant geht also zu Google Earth und macht dort per Screenshot Fotos. So schafft er es, den Artikel mit vier komplett nichtssagenden Fotos zu bereichern:

Er markiert den Weg vom Bahnhof in ihr Heimatdorf. Schon mal ein Foto.

Dann: Eine Satellitenaufnahme des “Bahnhof[s] von Parkentin, wo das Mädchen aussteigen musste.

Das nächste pixelige Foto zeigt den einsamen Bahnsteig von Parkentin: “Der Bahnhof von Perkentin besteht nur aus einem einfachen Bahnsteig.” Danke, Welt Online, für diese Information. Wahrscheinlich darf sich der Praktikant jetzt in das Goldene Buch von Parkentin eintragen, weil er das Kaff in einem überregionalen Medium erwähnt hat. Außerdem bekommt er einen Kürbis und ein Teeservice geschenkt.

Die letzte Luftaufnahme informiert uns über den Zustand des Daches des Bad Doberaner Bahnhofs. Darunter steht geschrieben, und man spürt die Verzweiflung, mit der Prakikant X nach Worten ringt: “Das eigentliche Ziel war der größere Bahnhof in ihrem Heimatdorf Bad Doberan.”

Man könnte ja mal nachschauen, ob die Nasen von der Welt die zahlreichen Artikel über die Finanzkrise auch mit bunten Bildchen verschiedener Bankenhochhäuser illustrieren. Oder mit den besten Zitaten aus Politikerkreisen (“…alles wird gut…!“). Denn auch mit Worten lassen sich vortrefflich Bildergalerien generieren. Zum Beispiel hier.

Hoffentlich hat dieser Unsinn bald ein Ende…

Unwort des Tages: Die Fahrscheine bitte.

6 Kommentare zu “Wildgewordene Schaffnerin setzt harmloses Kind vor die Tür – Welt Online im Bilderwahn”

  1. 1
    jakob:

    Unvergessen bleibt der Abend, als eine Schaffnerin im Zug die Landespolizei angefordert hat, weil ein Schüler sein Ferienticket, aber nicht den passenden Schülerausweis bei sich trug. Da laufen Gestalten rum…

  2. 2
    Sebastian:

    Übrigens sexuelle Frustration und Bahn. Vorgestern lief eine Doku über einen objektophilen, der in eine Lok verknallt war. Er hat dann den Leuten von der Bahn erzählt, er ist Künstler und würde sich gerne mal eine Nacht “inspirieren” lassen. Was dann folgte war schrecklich. Ich konnte nicht umschalten, es war so unfassbar. Auch hier: Weniger Bilder wär mehr gewesen.

  3. 3
    Basti:

    @jakob: Wer bezahlt denn bitte den Einsatz der Landespolizei in diesem Falle? Die Bahn? Der Steuerzahler? Der Schüler? So ein Humbug…

    @Sebastian: Aaaaah, wie gut, dass ich das nicht gesehen habe. Man soll ja nicht über Leute lachen… sagt der Richtige, ich weiß. Aber von einem Fetisch für tonnenschwere Metallobjekte hab ich vorher noch nie gehört.

    Aaaaah… die Bilder in meinem Kopf… sie sind schrecklich… :P

  4. 4
    Konna:

    Das mit dem Lokliebhaber gibt es schon auf Youtube. Mal ein bisschen was für deine Bilder, Basti! ;)

    Und die Schaffnerin muss wohl echt einen Anfall geistiger Umnachtung gehabt haben. Wie kann man nur so ein Mensch sein? *kopfschüttel*

  5. 5
    romanmoeller:

    Du sprichst mir aus der Seele!

  6. 6
    Über den Blog-Rand geschaut #9 « Roman Möller ONLINE Blog:

    [...] ist nicht nur die inaktzeptable und inzwischen hinlänglich bekannte Entgleisung der Schaffnerin aufgefallen, sondern vielmehr auch die Tatsache, das Nachrichtenportale wie Welt Online die Gunst der [...]

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