
Andreas Baader (Moritz Bleibtreu) und Gudrun Ensslin (Johanna Wokalek)
Ein dunkler Pkw hält in einem Wald irgendwo im deutsch-französischen Grenzgebiet. Er wirbelt bunte Blätter auf, es ist Herbst. Sie holen einen gefesselten Hanns Martin Schleyer aus dem Kofferraum. Wer ihn erschießt, sehen wir nicht. Das letzte Bild ist ein fallender Schleyer. Keine Diskussionen, keine Politik, nur pure Gewalt.
Produzent und Drehbuchautor Bernd Eichinger und Regisseur Uli Edel erzählen in ihrem „Der Baader Meinhof Komplex“ die Geschichte der Rote-Armee-Fraktion (RAF) von ihrer Entstehung bis zum Ende des Deutschen Herbstes 1977. Zehn Jahre Zeitgeschichte in einem Film zu komprimieren und dabei noch für den durchschnittlichen Besucher verständlich zu bleiben, das ist ein hoch gestecktes Ziel.
Um alle großen Anschläge der RAF in seinem Film unterzubringen, bricht Eichinger mit den üblichen Regeln der Dramaturgie. Er erklärt nicht, er stellt nur dar. Er reiht Anschlag an Anschlag. Die Schauspieler haben kaum Zeit, ihre Rollen auszufüllen – sie bleiben meist Schemen, überlagert von der ungeheuerlichen Gewalt, vom Terror.
Die Besetzung liest sich wie das Who-is-who der deutschen Schauspielszene. Selbst kleine Rollen wie BKA-Präsident Horst Herold oder Petra Schelm sind mit Bruno Ganz und Alexandra Maria Lara hochkarätig besetzt. Moritz Bleibtreu als Baader ist ein grundlos Rasender, ein Macho, ein Unsympath. Gudrun Ensslin (Johanna Wokalek) ist von Anfang an nur Hass. Sie verkörpert die kompromisslose Entscheidung der RAF für die Gewalt.
Doch ebenso wie Baader für den Zuschauer als Charakter nicht greifbar wird, bleibt Ensslins Hass auf die Gesellschaft nicht nachvollziehbar. Das Drehbuch lässt den Terroristen keine Zeit, zu Menschen zu werden. Baader und Ensslin sind zu schnell Terroristen, um ihren Hass auf die Gesellschaft für den Zuschauer begreifbar machen zu können.
Eine Ausnahme bildet Martina Gedeck als Ulrike Meinhof. Ihr gibt Eichinger mehr Raum. Er zeigt Meinhof als eine Hineingezogene. Als eine Unbedarfte, die der Anziehungskraft und der Energie der Ensslin erliegt. Die schließlich ihre Kinder widerspruchslos weggibt und vollends dem Wahn der RAF verfällt. Die im Stammheimer Gefängnis am Konflikt mit Ensslin zerbricht. Die Wandlung von der bürgerlichen Journalistin über die Terroristin hin zur Selbstmörderin spielt Gedeck angenehm zurückgenommen und unaufgeregt – ihre Meinhof sticht aus der großen Menge der Figuren hervor.

Kein Erbarmen mit dem Betrachter: Schleyers Entführung
Eichinger bemüht sich ebenso wie in seinem Film „Der Untergang“, sachlich zu erzählen, wie es gewesen sein muss. Er versucht, so realistisch wie möglich zu sein. Selbst die Schüsse auf Buback und Schleyer sind genau abgezählt.
Dementsprechend verzichtet Regisseur Uli Edel auf ausgefallene Kamerafahrten. Selbst die Filmmusik hält sich meist auffällig zurück. „Der Baader Meinhof Komplex“ ist technisch und dramaturgisch unaufgeregt inszeniert.
Der Film krankt jedoch an seinem Ziel, alle wichtigen Ereignisse um die RAF von 1967 bis 1977 darzustellen. Es bleibt kaum Zeit für Erklärungen oder Hintergründe. Und so wird ein Zuschauer, der sich in der Materie nicht auskennt, der Handlung nur schwer folgen können.
Was den Film trotzdem zu einem beeindruckenden Erlebnis macht, ist seine Intensität. Ähnlich wie in Eichingers „Der Untergang“ kommt der Zuschauer nicht zur Ruhe, bleibt ihm nichts an Brutalität erspart. Die Morde an Dutschke und Buback sowie die Schießerei bei Schleyers Entführung werden aus nächster Nähe gezeigt. Doch die Gewalt verkommt nie zum Selbstzweck; Eichinger ergötzt sich nicht an seinen Actionsequenzen, wie es genretypische Regisseure gern tun.
Sein Film trägt zur RAF-Debatte durch eben jene Brutalität bei. Er zeigt in aller Härte die Taten der RAF und lässt somit keinen Platz mehr für einen Klassenkampf-Mythos. Die Ideologie der Terroristen lässt Eichinger aus. Um zu verstehen, was die RAF war, braucht es kein Hintergrundwissen um Klassenkampf-Theorien – diese Bilder sprechen für sich.
Das Schlusswort im „Baader Meinhof Komplex“ hat Brigitte Mohnhaupt, die nach dem Selbstmord der Stammheimer Häftlinge ihre Gefährten tonlos mahnt: „Hört auf, sie so zu sehen, wie sie nicht waren.“

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Toll geschriebene Filmkritik. Kannste! Mehr davon!