In zwölf Stunden von Kiel nach Berlin – eine Omnibus-Odyssee

Ich wollte nach Berlin. Mal raus aus Kiel – hier ist es zwar ganz schön, aber es zieht mich doch manchmal auch dorthin, wo es nicht ganz so, sagen wir, idyllisch ist wie hier. Nicht so, hmm, reduziert in der Vielfalt der Möglichkeiten.

Ich wollte Musik machen in Berlin. Mit einem Bass. Gleichzeitig bin ich Student, habe also kein Geld, was zwar übertrieben ist, der Wahrheit aber doch recht nahe kommt. Paradox, nicht wahr?

Ergo kann ich nicht mit der Bahn nach Berlin fahren, denn Bahnfahren ist teuer. Sparticket hin oder her.

Das Busunternehmen Autokraft (seines Zeichens Tochterunternehmen der Deutschen Bahn AG) bietet Studenten für unglaublich günstige 30 Euro eine Hin- und auch Rückfahrt von Kiel nach Berlin an. Fahrtzeit: sechs Stunden. So weit, so gut.

Ich als paranoider Musiker bin jedoch nicht bereit, mein Instrument in den Gepäckraum eines Reisebusses zu verfrachten.

Das Konfliktpotenzial habe ich, schlau wie ich bin, im Vorfeld erkannt und die Autokraft angerufen. Nachdem ich drei Minuten in der Warteschleife verbracht habe, dann beim Fahrtdienstleiter in Wellsee anrufen musste und mit ihm zehn Minuten lang ein erquickliches Gespräch führte, wusste ich: Ja, ich darf meinen Bass mit in den Fahrgastraum nehmen. Er wird den Fahrer informieren, sagt er.

„Wissen Sie Bescheid?“, frage ich den Fahrer dann beim Einsteigen und deute auf meinen Bass, den ich auf dem Rücken trage.

„Nö, is’ mir auch wurscht.“

„Ähm – ja. Ok. Ich nehm’ den dann mit in den Fahrgastraum, ja…?“

„Ja, ist mir wurscht.“ Er sieht aus, als ob es ihm tatsächlich wurscht wäre. Und alles andere auch.

Wie schön, dass ich so ausführlich mit der halben Autokraft-Belegschaft hier in Kiel telefoniert habe.

Bevor sich der Bus dazu durchringt, auf der Autobahn Berlin anzusteuern, macht er noch eine Sightseeing-Tour durch die schönsten, weil verlassensten Dörfer Ostholsteins und Lauenburgs. Zum Beispiel Breidenfelde. Warum es sich für ein Busunternehmen wie die Autokraft lohnt, dieses grandiose Dorf anzusteuern, ist mir ein Rätsel.

In Eutin steigt eine Horde Kinder zu. Fünfte Klasse, mit dem obligatorischen genervten Pädagogen im Schlepptau. Neben dem Mütze und kurze Hosen tragenden Pädagogen sind noch zwei der Kinder bemerkenswert: Der eine hat die schlechteste Frisur des Jahrhunderts – eine Vokuhila in Reinstform, Marke Wolle Petri in seinen schlimmsten Tagen.

Das zweite Kind ist bemerkenswert klein. An der Art, wie es spricht, meine ich zu erkennen, dass es möglicherweise einen türkischen Migrationshintergrund haben könnte.

Er hat schon beim Einsteigen Ohrstöpsel in den Gehörgängen und entfernt sie auch dann nicht, wenn er mit seinen Klassenkameraden spricht. Das tut er aber eigentlich auch nicht, denn kaum hat er hingesetzt, dreht er den mp3-Player auf gefühlte 150 Dezibel auf. Ich sitze nämlich etwa zwei Meter von ihm entfernt und kann immer noch sehr gut unterscheiden, ob der Knirps gerade deutschen oder englischen HipHop hört. Wohl wegen der Abwechslung…

Sobald er sich hingesetzt hat, beginnt er, wie irre mit dem Kopf vor und zurück zu wippen. Seine Hände ruhen dabei im Schoß. Das Ganze sieht aus, als ob er eine motorische Störung hätte; der Knirps hingegen denkt wohl, dass das unkontrollierte Wippen zum richtigen HipHop dazugehört. Das Kopfzucken hat übrigens nichts mit dem Rhythmus zu tun. Das kann ich ja wegen der angenehmen Akustik auch sehr gut beurteilen…

Bad Boy scheint seine Lieder gut auswendig zu kennen, denn er spricht leidenschaftlich einige Textbrocken mit.

Das Bild, das sich mir also bietet, ist folgendes: Ein etwa elfjähriger Wicht, der sich seine Kapuze übergezogen hat, wie bekloppt taktlos mit dem Kopf wippt und dabei tonlos vor sich hinbrabbelt:

„Halt dein Maul, du weißt gar nichts…haha! Junkie…komm lutsch’ mein’ Schwanz… hahaha! Halt dein Maul, du Penner…wer hat Angst vor’m schwarzen Mann…?!“

Es war natürlich eine äußerst erquickliche Busfahrt.

Schade nur, dass diese Busfahrt geschlagene zwölf Stunden gedauert hat. Denn mitten in der wüstesten Weite Mecklenburg-Vorpommerns blieben wir liegen: Unserem nigelnagelneuen Bus waren sämtliche Keilriemen davongeflogen. Und auch die Schrompflscheiben waren kaputt. Oder so ähnlich. Jedenfalls konnte und wollte der Bus keinen einzigen Schritt mehr tun – wir standen also auf dem Seitenstreifen. Fünf Stunden lang. Busse zogen kommentarlos an uns vorbei. Die Polizei kam und sprach, wir sollten vom Seitenstreifen gehen. Können vor lachen, Herr Wachtmeister…

Es kam nach zwei Stunden ein Techniker, herbeibeordert von der Autokraft. Warum er so lange gebraucht hat – niemand weiß es. Vielleicht musste er seinen Servicewagen erst noch zusammenschrauben. Jedenfalls stellte er nach einer halben Stunde weisen Herumdokterns fest: Geht nix. Und ging.

Bis die Nasen von der Autokraft es geschafft hatten, einen Ersatzbus zu organisieren, gingen weitere drei Stunden ins Land, in denen ich mir ein schönes mecklenburgisches Maisfeld betrachten sowie Windmühlen und Frostbeulen zählen durfte. Danke, liebe Autokraft.

Als ich dann in Berlin war, habe ich meine ganze Kraft zusammengenommen, bin an Angies Kanzlerinnenamt vorbei schnurstracks zum neuen Berliner Hauptbahnhof gegangen (Sie wissen schon, das Teil, das immer auseinanderfällt) und habe mir dort triumphal eine Zugfahrkarte für den Rückweg gekauft. Selten war mir der Preis so egal.

Unwort des Tages: Autokraft.

Geschrieben am 16. September 2008 in Unseriös

7 Kommentare zu „ In zwölf Stunden von Kiel nach Berlin – eine Omnibus-Odyssee

  1. jakob :

    you made my day… :)

  2. bosch :

    Irgendwie kommt mir das alles sehr bekannt vor.

  3. lexxa :

    Du hast gerade mein innigstes Mitleid – und das mein’ ich ehrlich und aus tiefstem Herzen.
    Kauf dir doch nächstes Mal ein Ticket nach Salzburg ;-)

  4. Pingback: … « welcome to my life

  5. Hikari :

    Ich bin erstaunt, dass es dann keine Probleme mit der Bahn gab :D Theoretisch hätte sich das ja fortsetzen müssen. Aber da schien wohl jemand gnädig mit dir zu sein ;)

  6. Tom :

    nice story :) Schöner Text :) ..

    Da hast ja ne schöne Fahrt gehabt..

    Was lernen wir dadraus :) AgroBerlin Songs auf dem Bass üben :), dann hättest mit den Kids, mit rocken können :) 6 Studnen lang den Ars***f****Song..

    Ich werd nächste Woche lieber gleich mit der DB heitzen.

  7. Basti :

    Gibt es AgroBerlin-Songs für den Bass? Wirkt in diesen Songs überhaupt ein Bass mit? Oder ein ähnlich konservatives Instrument? Falls ja, können wir ja darüber mal reden… :-)

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