Leben von 132 Euro im Monat?
Mit 132 Euro im Monat kann man prima leben, denken sich Wissenschaftler im schönen Chemnitz. Jedenfalls steht das in einer Studie, die diese weltfremden Individuen vor einiger Zeit veröffentlichten. Der große Aufschrei kommt jetzt erst, nachdem die Geschichte sich so langsam von der Lokalpresse hochgeschlafen hat und heute in FAZ und Welt zu finden war.
Der derzeitige Regelsatz für Hartz-IV-Empfänger liegt bei 351 Euro. Es würden allerdings bei einem von den Experten höchstselbst zusammengestellten Warenkorb auch 132 Euro ausreichen. Berücksichtigt seien dabei weder Zigaretten noch Alkohol – was ich vertretbar finde – dafür jedoch ein Mindestmaß an kultureller Teilhabe. Denn aus einem Geflecht von Gesetzen und Gerichtsurteilen ergebe sich, dass der Sozialhilferegelsatz das “soziokulturelle Existenzminimum” sichern soll. Welch schönes Wort.
Da soll mir mal einer erzählen, wie das mit 132 Tacken im Monat funktionieren soll. Ich persönlich finde 351 Euro genug, habe derzeit weniger zur Verfügung. Ich glaube auch, dass man von 132 Euro im Monat leben kann. Aber leben ist nicht alles. Der Mensch ist keine Maschine, für die man immer einen genau festgelegten Posten an Ausgaben braucht, damit sie läuft. Menschliche Bedürfnisse lassen sich verdammt schlecht berechnen. Und sie lassen sich definitiv nicht für 132 Euro im Monat befriedigen.
Die kulturelle Teilhabe, die die sogenannten Experten in ihre Berechnungen mit einbeziehen, sieht folgendermaßen aus – und das ist jetzt kein Witz, jedenfalls keiner, den ich mir ausgedacht habe: Ein Jahresabonnement der Stadtbibliothek für 12 Euro. Schwuppdiwupp – damit sind Bücher, Zeitungen und Internet gleich mal abgedeckt. Für nur einen Euro im Monat.
Wer so einen Stuss von sich gibt, hat doch von der Lebenswirklichkeit der unteren Mittelschicht keine Ahnung.
Wie soll denn das auch gehen, wenn ich mich als C3-Professor mit Ich-weiß-nicht-wie-viel-Tausend Euro netto im Monat hinsetze und versuche, einen Katalog von Bedürfnissen zusammenzustellen. Bedürfnisse, die für mich als Professor seit Jahrzehnten ständig befriedigt sind. “Ach, Internet kann man ja auch in der Bibliothek machen… bestimmt… denk ich mal…”
Worum es da geht, sind Menschen. Und nur mal angenommen, man würde tatsächlich nur 132 Euro zur Verfügung haben – man könnte sich außer dem Nötigsten zum Leben nichts mehr leisten. Und das ist nicht das Leben, das unsereiner führen will, oder doch?
EIn Beispiel kommt mir in den Sinn. Eine Geschichte, die mein Pastor mit während des Konfirmandenunterrichts erzählt hat. Ob sie wahr ist? Ich denke.
Es wurde ein Versuch gemacht. Eine Gruppe neugeborener Säuglinge trennte man von ihren Müttern. Sie wurden mit allem versorgt, was man zum Leben braucht. Sie wurden gewaschen, gewickelt, gut ernährt. Aber man gab ihnen keinerlei Zuneigung. Man sprach kein Wort mit Ihnen. Man gab ihnen keine Liebe.
DIese Säuglinge entwickelten sich im Vergleich zu normal behandelten Kindern deutlich schlechter. Sie Waren anfälliger für Krankheiten. Sie waren deutlich dünner. Sie schrien öfter und länger. Hätte man die Studie konsequent bis zum Ende durchgeführt – die Kinder wären gestorben.
Unwort des Tages: Existenzminimum.
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6. September 2008 um 00:48 Uhr
Also ich habe auch schon Monate mit unter 200 Euro einkommen gelebt und keine staatliche Hilfe in Anspruch genommen. Der Vorteil wäre vielleicht, dass sich die Menschen nicht in ihrer Sozialgeld-Welt einrichten würden, sondern versuchen würden da raus zu kommen.
6. September 2008 um 01:58 Uhr
Ich sehe täglich diese Leute, die von 132 im Monat leben müssen. Meistens sind es ältere. z.b. da hält die S-Bahn, es steigt eine alte Frau ein, nicht schäbbig, dezent angezogen – die könnte deine Großmutter sein – und zieht von mülleimer zu mülleimer, um sich die flaschen zu holen, die sie dann für den pfand zurück gibt.
6. September 2008 um 19:30 Uhr
Der soll mal einen Monat mit 132 Euro auskommen! Das Experiment ist doch nach drei Tagen beendet.
6. September 2008 um 23:05 Uhr
Das ganze stößt doch noch viel übler auf, wenn man sich überlegt wem die Bild in letzter Zeit sowieso ganz gerne hinterher ist (Bild-Serie Hartz IV-Abzocker). Dazu die Sozialfahnder auf Sat.1.. Leuten die sowieso am Boden sind noch Tritte zu verpassen kann auch nur der Bild in den Sinn kommen.
2€ für Kommunikation, 1€ für Unterhaltung, Kultur etc. …dass sich der Herr Professor schimpft ist der eigentliche Skandal!
Mal sehen wann die Politik auf den zug mit aufspringt und die Sozialleistungen nochmal kürzt….
7. September 2008 um 06:54 Uhr
132 Euro wäre eine gute Basis auch für Politikerpensionen.
16. Oktober 2008 um 22:45 Uhr
Dazu hab ich 2 Anmerkungen:
1. 350 Euro – viel oder wenig?
Da gibt es viele Leute, die arbeiten zT hart und denen bleiben keine 350 Euro im Monat!
Sprich welche Motivation hat denn der der 350 von Hartz4 zum Leben hat nen Job anzunehmen, wo ihm vielleicht bloß 250 übrig bleiben.
2. bitte schwarz
Jetzt lass den nur mal 2 Tage im Monat an der Tankstelle, Kiosk oder im Bistro aushelfen, oder etwas babysitten. dann kommt er auf 500-600 Euro zum Leben. Miete ist bezahlt, Telefon, Fernsehen, Strom auch.
Was muss da einer verdienen, dass er auf das Gleiche kommt?
Und der kann nicht jeden Tag ausschlafen.
Und der lebt teurer, weil er nicht die Zeit hat jeden Tag die Angebote zu suchen.
Der spart sich vielleicht nur den Strom für Talkshows.
Fazit: Es wird in der Presse oder von Politikern immer ein Beispiel gemacht, wo jeder sagt: Wie könnt ihr nur? Mutter mit 2 Kindern … oder jemand der Krank ist usw. Das wird dann verallgemeinert. Und das ist falsch.
Wem es zusteht der soll es kriegen.
Wer sich was dazuverdient, und das machen viele, der braucht nicht soviel Hilfe.
21. Oktober 2008 um 19:21 Uhr
@Sandra
Wer arbeitet und weniger als 350€ – mit vergleichbaren “Standard”-Kosten wie Hartz-IVer – auskommen muss, macht etwas falsch, denn er hat dann ein anrecht auf Unterstützung der arge, so dass er IMMER mehr Geld zur Verfügung hat als ein Hartz-IV Empfänger. Dass es überhaupt dreiste Arbeitsgeber gibt, die einen Stundenlohn jenseits von gut und böse zahlen, ist ein ganz anderes Thema und hat mit Hartz-IV nur sehr indirekt zu tun.
Strom und Telefon geht von den 350€ ab. Die sind NICHT schon bezahlt. Informiere dich bitte, bevor Du hier Stammtischparolen darbietest (sorry, dass ich so harsch reagiere). Wer SCHWARZ – egal ob neben Hartz-IV oder neben der Lohnsteuerkarte – arbeitet, ist ein Straftäter. Hartz-IVern wird dann der Satz KOMPLETT gestrichen, was ich auch OK finde, denn es ist Diebstahl am Geld der Allgemeinheit und gehört bestraft.
Wer etwas dazuverdient, bekommt auch Abzüge.
23. Oktober 2008 um 15:48 Uhr
Lass mal jemand 2200 verdienen – ist das zu wenig?
… macht 1380 netto, 600 Miete, 100 NK, 100 Heizung, 50 Strom, 30 Telefon, 100 Versicherungen, 50 Sprit hm – 350 Euro übrig.
Telefon GEZ kann man sich befreien lassen. Strom gibt es nen Sozialtarif. Verbrauch, da hast Du recht, musst Du selbst zahlen.
Aber wie Du siehst so weit weg bist Du da nicht vom H4.
Und Scharzarbeit zu ignorieren, und sagen “Das ist aber verboten!” ist auch ne Möglichkeit. Das ist sicher nicht die Regel, aber bestimmt auch nicht nur ne Ausnahme.
Ich denk mal, dass jeder der in einer schlechten Situation ist versucht das meiste rauszuholen. Und ich kann mir nicht vorstellen, dass einer der 1x die Woche Babysittet das angibt.
23. Oktober 2008 um 16:27 Uhr
Nicht so weit weg? Der Hartz-IVer bezahlt – deine Zahlen zugrunde legend – folgendes von seinen 350€. Und wo es den Sozialtarif für Strom gibt, müsstest Du mir erklären, in Hamburg gab es den vor 2 Jahren nicht.
350€ – 50 (Strom) – 30 (Telefon) – 100 (Versicherung) – 50 (Sprit FALLS man noch Steuer und Reparaturen etc. zahlen kann…)
Macht 350€ – 230€ = 120€.
Wobei eine Wohnung für 800€ “warm” auch nicht gerade die preiswerteste ist. Da fliegst Du sofort als Hartz-IVer raus.DAS zahlt die Arge nicht.Wenn dein Beispielarbeiter also eine Wohnung für 600€ (warm)findet, hat er auf einem Schlag 200 Euro mehr in der Tasche. Macht 550€ vs. 120€ – plus eventuell anfallendem Urlaubs und/oder Weihnachtsgeld/Überstunden etc.
Und vernachlässige NIEMALS das Gefühl unnütz zu sein, der Gesellschaft als Bittsteller auf der Tasche zu liegen und KEINE Perspektive zu haben.