Nirgends auf der Welt finden sich so viele Übersetzungsfehler wie auf Speisekarten. Das liegt wohl daran, dass jedes noch so kleine Restaurant eine Speisekarte für die zahlungskräftigen, aber lernresistenten ausländischen Gäste bereit halten will; freilich ohne Geld für einen kompetenten Übersetzer ausgeben zu wollen. Und dann schaut man eben im Wörterbuch nach, was denn Spaghetti auf Deutsch heißen könnte. Das Wörterbuch, das da dann “Kugelschreiber” angibt, möchte ich sehen… aber nur so kann ich mir die folgende Speisekarte eines Restaurants in Venedig erklären, die mit viel Liebe, aber ohne jegliche Sprachkompetenz auf Deutsch “übersetzt” wurde.
Es beginnt rabiat. Die Fleischkarte ist mit “Unser Fleisch” überschrieben – das hat schon fast religiöse Züge. “Oh Tourist, es ist, als ob du unser eigenes Fleisch äßest…”

Erfrischend ehrlich der zweite Eintrag auf der “Unser Fleisch!!!”-Karte: “Trockenes fleisch von schwein in pikante soBe”. Das Fehlen des Esszetts auf seiner Tastatur glich der Italiener elegant mit einem großen B aus – kaum zu unterscheiden, in der Tat. Das Menü lädt allerdings wegen des verkorksten Adjektivs nicht zwangsläufig zum Bestellen ein, es sei denn, man hat eine Vorliebe für staubige Schweinshaxe.
Carpaccio übersetzt der Italiener kreativ mit “rinderfilet das bett von rauke”. Was rauke nun genau ist, weiß außer dem Wörterbuch des italienischen Wirts nur noch Wikipedia: “verschiedene Pflanzenarten aus der Familie der Kreuzblütengewächse”. Biologieunterricht beim Italiener…
Leicht unappetitlich klingen auch die Gerichte “verrauchert brust von gans”, “Lasagne zum ofen” (warum denn zum Ofen???), “Filet zum gitterrost” (immerhin sehr eisenhaltig, nehme ich an) und “kleine braten von kastriertem lamm (abruzzese spezial)” (das sind so Wörter, die auf einer Speisekarte so gar nichts zu suchen haben, auch nicht, wenn es abruzzese spezial ist!).
In Italien muss man anscheinend aufpassen, dass man nicht von wildgewordenem Gemüse erschlagen und anschließend selbst in einem Pfannengreicht verwurstet wird. Immerhin gibt es “Klobe von Kartoffeln wild” (!) – was auch immer Klobe ist, es könnten Klöße sein?! – und, etwas weiter unten, die leckere “Leber zur Venezianerin mit polenta”. Venedig ist also eine der letzten Hochburgen des Kannibalismus in Europa, zusammen mit Rotenburg.
Biologisch fragwürdig erscheint mir das “Kalbsschnitzel von scwein zu gefallen”, aber das lässt sich vielleicht auf den typisch deutschen Mangel an Fantasie zurückführen. Nichts ist unmöglich, ganz besonders nicht in Italien, wie mir scheint.
Die Pastagerichte stellten den “Übersetzer” wohl vor größere Schwierigkeiten. Ich kann jedenfalls nur erraten, was mit “Kugelschreiber gorgonzola und du faserst von pferd aus” gemeint ist. Käseschreiber an Pferdeschwanz? Klingt nicht appetitlich.
Ich frage mich, in welchem Wörterbuch noch das deutsche Verb “ausfasern” aufgeführt wird, das uns in freier Natur nie wirklich begegnet. Und schon gar nicht auf einer Speisekarte. Das arme Pferd…
Eine besondere Spezialität, von der ich noch nie gehört habe, ist das appetitliche “Bandnudeln bratwurst und kaffeezichorie”. Zunächst einmal mutet die Kombination von Bandnudeln und Bratwurst etwas eigenartig an, ist aber vielleicht der Kombination von italienischen Idealisten mit teutonischen Touristen geschuldet. Letztere essen auch im Urlaub gerne Brwatwurst und Erstere wollen einfach nicht auf ihre Pasta verzichten…
Die Kaffeezichorie gibt es wirklich, ist also keine Verlegenheits-Worterfindung des italienischen Sprachbegabten wie etwa das ausfasernde Pferd oder die Venezianerleber. Ich bezweifele allerdings, dass das auch wirklich gemeint ist, denn: Die Kaffeezichorie ist eine hübsche, kleine Pflanze, die während der napoleonischen Kontinentalsperre als Kaffeeersatz verwendet wurde. Man nennt sie auch Wegwarte.
Ob sie gut zu Bratwurst mit Bandnudeln schmeckt? Ich weiß nicht…
Und dann ist das noch die italienische Vorliebe für eine zünftige “gemischte grillyparty”. An sich ja ganz sympatisch, nur unter der Rubrik “zweites teller” wirkt es doch etwas deplatziert. Klingt eher so nach Abendprogramm.
“Schneidet filet in sobe zu den Grasern” klingt wie eine schlechte Spam-Mail, scheint aber ein leckeres italienisches Gericht zu sein. Ich habe keine Ahnung, was man bekommt, wenn man es bestellt, aber es muss etwas mit Fleisch und grünem Gemüse zu tun haben. Und eigentlich reicht diese Information ja auch.
Vielleicht wäre die normale italienische Speisekarte doch informativer gewesen…?!
Oder man geht einfach französisch essen.
Unwort des Tages: du faserst von pferd aus.
(Foto von Mathias Hirth)

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Rauke ist meines Wissens Rucola, hinter der Kaffeezichorie müsste sich Chicoree verbergen, wenn mich nicht alles täuscht.
Aber egal: Ich habe meine Tastatur nassgelacht, und werde in mich gehen, etwas dagegen zu unternehmen, dass ich vom Pferd aus fasere.
Ahh, Chicoree! Danke für die Lösung dieses Rätsels. Ich habe mich wirklich gefragt, was es wohl ist… Aber Chicoree klingt logisch. Aber schmeckt das wohl mit Bratwurst und Bandnudeln?
:lol: :lol: :lol:
Vielleicht “Penne” -> engl. “pen” -> Kugelschreiber?
Ergänzung: geht auch ohne Umweg übers Englische, denn wie die Wikipedia meint:
Penne steht für:
* eine Form von italienischen Teigwaren, nach dem italienischen Wort für Schreibfedern
Man lernt nie aus…
Basti,
die Kombination von Bratwurst und Bandnudeln käme mit oder ohne Chicoree nicht auf meinen Teller!
“Kalbsschnitzel von scwein zu gefallen” und “Weiner schnitzel” allerdings auch nicht.
Den Gedankenbogen von Penne zu Kugelschreiber habe ich allerdings immer noch nicht nachvollzogen. Dass Penne an antike Schreibfedern erinnern: Gut, schräg abgeschnittene Röhrchen wie angespitzte Gänsekiele – soweit komme ich mit. Aber Kugelschreiber? Wollte man partout “modern” sein?
Also mich würde brennend interessieren, WAS du denn von dieser Karte bestellt hast!?!!
Das Versuchskaninchen.. :lol:
Schnell bei dict.leo.org nachgeschaut: Kugelschreiber = penne a sfera. (sfera=Kugel.) Ein zu oberflächlicher Blick ins Wörterbuch, wo der Übersetzer das “a sfera” nicht bemerkt hat?
Kann ich mir nicht vorstellen: Im Wörterbuch Italienisch-Deutsch stößt man doch zuerst auf Penne = Penne (Nudelsorte), Penne a sfera folgt doch später, und der Italiener muss doch wissen, ob er (in seiner Sprache) eine Nudel oder einen Kugelschreiber übersetzen will.
LOL, also ich kenne auch schon sehr merkwürdige Speisekarten, aber DAS übertrifft ja alles, was ich bisher gesehen habe. Sehr sehr schöner Artikel. :)
Lexxa, ich war (zum Glück) nicht derjenige, der das Foto geschossen hat. Ich hätte sonst wohl Hausverbot für alle Restaurants in ganz Norditalien bekommen, weil ich sooooo schallend gelacht hätte… ich neige dazu, besonders bei so sprachlichen Sachen hysterisch zu kichern. Das Foto kommt wie oben angegeben von Mathias Hirth, noch mal vielen Dank…
ICH FASERE VON PFERD AUS!! :-D
Dann hast du ja nochmal Glück gehabt! ;-)
Es ist zwar schon Jahre her, aber ich kann mich noch gut an ein Schild erinnern, das in einem Hotelzimmer in Dubai hing und Anweisungen geben sollte, wie ich mich im Falle eines Brandes zu verhalten hätte. Auf Englisch – möchte man meinen.
Denn den Anweisungen zufolge, hätte ich mich besser aus dem Fenster stürzen sollen, als dieses Ding weiter zu dechiffrieren. Leider habe ich davon kein Foto..
Ich frage mich nur wie es sein kann, dass in solchen Ländern, die doch eigentlich auf den Tourismus aufbauen, dass es dort nicht möglich ist, fähige Leute damit zu beauftragen, mir diverse Speisekarten oder sonstige Anleitungen anständig zu übersetzen. Und wenn ich mir dafür einen Touristen anheuer’, der beide Sprachen spricht – Hauptsache das Resultat stimmt! Oder?
:idea:
Meine Liebe, mir zieht es immer wieder die Socken aus, auch hierzulande!
Hier gibt es eine Menge Werbefirmen mit Migrationshintergrund, die nehmen echtes Geld für ihr sprachliches Totalversagen!
Und wenn man (diksret, versteht sich!) an sie herantritt, von wegen, da sei ein Lapsus unterlaufen, dann haben die aber ein Benehmen, dass man ganz schnell ganz sicher ist, es sei besser, sie ins Unglück laufen zu lassen.
Naja, ein Urlaub ohne erheiternde Speisekarte ist ja auch irgendwie doof, oder? Da fehlt dann doch das typische Flair… “Ich habe etwas bestellt, aber ich weiß nicht, was…”
Ich hätte gerne das Kalbsschnitzel, das vom Schwein fiel …
… und zum Dessert die Venezianerin aber bitte ohne Polenta.
Danke!
Also für mich hat das durchaus was mittelalterliches.
Sodann Scherge, schneidet filet in sobe zu den Grasern. Und spute Er sich!
Stimmt! Gute Idee. Jetzt, wo du es sagst… eigentlich auch gar keine schlechte Geschäftsidee! Nur schmecken darf es dann nicht wie im Mittelalter…