Sie kennen doch bestimmt den sprichwörtlichen inneren Schweinehund. Klingt wie so ein Wesen, das Ovids Metamorphosen entsprungen ist, nicht wahr?
Es gibt ja aber noch viel mehr Dinge und Wesen, die sich in uns befinden, als wir es je erahnen könnten. Da ist zum Beispiel noch die innere Stimme. Das ist die, die einen immer nervt mit so Gewissenskram und so Zeugs. Manche Leute können die ganz gut unterdrücken, die innere Stimme. Zum Beispiel Leute, die bei Siemens arbeiten.
Dann wohnt noch in jedem von uns ein Schalk, ein kleiner, nicht wahr? Der hat sich irgendwo zwischen Bauchspeicheldrüse und der unteren rechten Leberecke eine kleine gemütliche Höhle gebaut. Ich erspare Ihnen anatomische Konkretisierungen. Die Wahrnehmung des Schalks als in der Leber Wohnender erklärt auch die Tatsache, warum Alkoholisierte in einem bestimmten Stadium erschreckend humorlos sind: Da ist der Schalk schon unter der abbröckelnden Decke seiner Wohnung begraben worden…
Was wahrscheinlich auch alle von Ihnen besitzen, ist das innere Radio. Das ist ein bisschen so wie erotische Gedanken, nur viel penetranter. Nicht penetrierender. Und ja, da gibt es einen Unterschied. Schauen Sie mal nach (und lachen Sie dann gefälligst ob des erheiternden Wortspiels).
Erotische Gedanken poppen ja (und gleich noch ein Wortspiel, ich bin aber auch ein Schelm heute) immer mal wieder in unserem Hirn auf, ohne, dass wir sie gerufen hätten. Im Normalfall verschwinden sie dann auch schnell wieder, entweder aus Scham oder weil einen der Sitznachbar komisch anguckt. Das innere Radio dagegen weigert sich gelegentlich, zu verschwinden. Und schaltet zur Strafe um auf Endlosschleife.
Das nennt man dann Ohrwurm. Manchmal ist der ganz praktisch, zum Beispiel, wenn man auf den Bus wartet und den MP3-Player vergessen hat.
Meistens ist jedoch es sehr unpraktisch, weil sich mit der Musik Assoziationen verbinden und es bei so unfreiwilligen Ohrwürmern nicht wirklich möglich ist, den Titel selbst zu bestimmen. Ich saß neulich in der Universität und sollte dem einstündigen Referat einer Kommilitonin zum Thema Weiß-ich-nicht-mehr lauschen. Das war nur eingeschränkt möglich, da ich zusätzlich zum kontinuierlichen verbalen Input durch die Referentin noch eine Horde tanzender Iren im Kopf hatte, denn der Ohrwurm des Tages war “Riverdance”. Und zwar immer wieder dieselbe zehnsekündige Passage. Und dann versuchen Sie mal, einen interessierten Blick aufzusetzen, der professionell Ihr Entsetzen über die entrückten Iren verbirgt!
Ein beliebter Ohrwurm von mir ist auch “Guantanamera”, eines von diesen Buena Vista Social Club-Dingern. Das düdelt auch gern mal einen ganzen Tag lang in meinem Hirn rum… das geht morgens schon los, wenn der Wecker klingelt:
“Düdelidüt, Düdelidüt, Düdeli … krchz”
“Scheiße!”
Guantanamera, guajira Guantanamera… Guantanameeeeeeera…
- “SCHEISSE!!!”
Und dann hallen die greisen Stimmen kubanischer Weiser durch die langen Flure des Historischen Seminars… zumindest in meinem Kopf…
Sie hallen auch noch durch den überfüllten Hörsaal…
… durch den Einkaufsladen, in dem ich überteuerte Erdbeeren kaufe…
Guantanameeeeeeera…
… und sie verschwinden auch nicht, wenn ich mich des Nachts hinsetze und ein Unwort schreibe. Wie zum Beispiel jetzt.
Guajira Guantanamera heißt übrigens “Bäuerin aus Guantánamo”. Musikwissenschaftler würden jetzt in ihren Doktorarbeiten pathetisch hervorheben, welch unglaubliche Aktualität doch in diesem Lied stecke…
…
Guantanameros… prisioneros Guantanameros…. Guantanameeeeeeeeeeeeeeros…
Wenn Sie sich dabei ertappen, wie Sie dieses Lied (mit diesem Text!) laut singen, dann haben Sie den Beweis dafür, dass auch Sie ein inneres Radio haben.
Sorgen Sie mit kleinen, aber regelmäßigen Geschenken dafür, dass sich das Radio bei Ihnen wohl fühlt und Sie nicht bestraft. Denn es ist mächtig! Stellen Sie sich vor, Sie hätten während Ihres nächsten Bewerbungsgespräches (oder Heiratsantrages – statistisch gesehen macht man ja beides merhmals im Leben) das dringende Bedürfnis, laut “Dragosta Din Tei” zu singen…
Im Bewerbungsgespräch macht das in der Regel einen schlechten Eindruck. Übrigens nicht nur wegen der Liedauswahl.
Wenn die Person, der Sie gerade einen Antrag machen, die Liedauswahl voll toll findet, haben Sie eine schlechte Wahl getroffen. Was die Person betrifft.
Eine Möglichkeit, das innere Radio zu beglücken, ist, nur noch qualitativ hochwertige Musik zu hören. Aber das ist genau wie das Versprechen, nie wieder erotische Gedanken zu hegen, oder?
Unwort des Tages: Guantanamera.

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iOye como va!
Viiiiiieeelen Dank für diese Ohrwurm-Implantation…
Leider sind es meistens die unsäglichen Sommerhits, die man verzweifelt zu umgehen versucht, indem man sich im Keller verkriecht oder das Radio wegwirft, und die in einem unbedachten Moment doch Zugang zum Gehör finden und ihr Unwesen treiben. Sagt der, der zwei Tage “All Summer Long” im Ohr hatte. Da nützt die beste Musik nichts… *and we were smoking funny sings… lalalala… singing sweet home alabama all summer long*
Mein Unlied des Jahres 2007 war “Umbrella”. Von der guten Rihanna. Oder wie auch immer man die Dame schreibt.
Und als ich auf YouTube “An Preller” sehen durfte, war die Welt wieder in Ordnung. Ehrlich. Reinhören – es zahlt sich aus!!
:mrgreen:
Na, da hätte ich dir doch glatt die Umbrella-Version von empfohlen, die aber leider nicht mehr online ist. Trotzdem eine gute Band.
Und dann gibt es noch eine Umbrella-Version von Vanilla Sky, in der auch das Video ziemlich aufs Korn genommen wird. Ist auch nicht so schlimm wie das Original. :)
Zum Beitrag noch: Am schönsten ist es dann, wenn der Ohrwurm so
penetrierendpenetrant ist, dass man unweigerlich und unwillkürlich beginnt, laut zu singen. Das kennst du ja auch, nicht wahr, Basti? :PKonna, wie genial..
Als der Typ anfing sich mit dem Glätteisen durch die Haare zu fahren, lag ich unterm Tisch!
Thanx!!
Eigentlich wollte ich ja nur Basti zum wiederholt gelungenen Beitrag zu einem Unthema beglückwünschen, aber wenn hier schon umgedichtete Versionen von Ohrwürmern angeboten werden, dann sollte She was beautiful…. after so much beer nicht fehlen.
So, und nun gucke ich mir das Umbrella-Ding an, damit ich Guantavowinevoam-Dingsbums trotz Kaizers Orchestra-Untermalung wieder loskriege!
Ich kenne das natürlich auch mit den Guantanamo-artigen Ohrwürmern! Ich versuche mir solche Musik gar nicht mehr anzuhören. Man kann es schaffen, konsequent an den Charts vorbeizuhören, wenn man MTV und VIVA nicht schaut und kein Privatradio einschaltet.
Aber leicht ist es auch nicht … ;-)
Danke für die vielen Kommentare, ihr alle :-).
“An Preller” war ja wirklich komisch, auch wenn ich eigentlich diese typisch Jugendliche Schaut-mal-her-wie-besoffen-ich-bin-Komik nicht so doll finde… Aber dieses Lied ist definitiv eine Ausnahme :-).
Roman, das Tolle an MTV und VIVA ist: Sehr viel mit Charts haben die auch nicht mehr zu tun, weil es da kaum noch Musik gibt… man kommt also um die Charts selbst dann rum, wenn man diese Sender zufällig mal sehen sollte. Die sind eigentlich ohnehin mal einen Beitrag wert… man möge mich dran erinnern… ;-)
Ich weiß, was du meinst – halte da auch nicht so viel von, aber da ich mich als Salzburgerin den Bayern sehr angehörig fühle, fand ich die Nummer alleine schon wegen dem Dialekt sehr genial ;-)