O du Wissenschaft – Kommunikationsprobleme mit Medizinern
Wir alle tendieren ja dazu, vor uns hin zu leben, ohne groß nachzudenken. Auch wenn wir so große Gehirne haben und ja so fürchterlich verkopft sind: Die meiste Zeit des Tages tun wir andere Dinge als angestrengt nachzudenken. Es soll sogar Menschen geben, die nie angestrengt nachdenken…
Das ist auch ganz gut so, behaupte ich. Denn wenn Sie anfangen, nachzudenken und sich gar grundsätzliche philosophische Fragen zu stellen wie “Wer bin ich?” oder “Was soll ich?” oder schlimmer noch “Was kann ich?” (beliebter ist da schon die Frage “Wo bin ich?”, besonders nach Alkoholkonsum), dann kommen Sie ganz schnell dahinter, dass Sie auf viele dieser Fragen keine Antworten finden. Zum Beispiel: “Was ist Leben?” Keiner weiß es wirklich. Jeder hat vielleicht eine Erklärung, aber wissen tut es keiner.
Nun kann man sich aber auch noch ganz andere äußerst philosophische Fragen stellen und kommt dann zu interessanten, aber befremdlichen Erkenntnissen wie: Kommunikation ist unmöglich.
Um Ihnen das näherzubringen, liebe wissenschaftsbegeisterte Leser, zitiere ich aus einem gar erquicklichen Referat, das der berühmte Philosoph Dr. Felix Kucher anlässlich des europäischen Tags der Sprachen am 26. September im Diözesanhaus in Klagenfurt hielt (Download des Referatstextes hier): “Es ist unmöglich, sich
mitzuteilen. Der Sophist Gorgias, ein Zeitgenosse des Sokrates, stellte als radikaler Skeptiker
die berühmten Thesen auf:
1. Nichts existiert.
2. Wenn etwas existierte, könnte man es nicht erkennen.
3. Wenn man es erkennen könnte, könnte man es nicht mitteilen.“
Ein bekloppter alter Grieche, könnten Sie nun sagen. Aber nein, sage ich, schauen Sie doch, erkennen Sie doch (“Wobei auch Erkenntnis nicht möglich ist, weil es ja keine Realität gibt!”, ertönt da Kants schrille Stimme mit ostpreußischem Akzent aus dem Grabe).
Erkennen Sie, dass das keine alte griechische Sicht der Dinge ist, sondern dass auch moderne Menschen wie Niklas Luhmann (und an seinem Namen erkennen Sie, wie modern er ist) Erdrückendes über die Kommunikation feststellen:
“,, (…) Menschen können nicht kommunizieren, nicht einmal ihre Gehirne können
kommunizieren, nicht einmal das Bewusstsein kann kommunizieren. Nur die Kommunikation kann kommunizieren.” (Luhmann in seinem Buch “Soziologische Aufklärung”, zitiert nach Dr. Felix Kucher)
Luhmann bringt den besten Beweis für die antike These des Gorgias, finden Sie nicht?
Wissenschaft ist so, liebe Leser. Falls Sie es noch nicht wussten: Der Wissenschaftler gibt sich – von einem etwas lotterhaften Aussehen einmal abgesehen – nur dadurch zu erkennen, dass er auf eine auf Außenstehende weltfremd wirkende Weise wiederholt widrige Wahrheiten verkündet. Möglichst verpackt in Fremdwörter.
In einer philosophischen Bildbeschreibung in der Wikipedia heißt es dann auch beinahe lyrisch: “Die beiden Hunde veritas und falsitas jagen den Hasen problema, die Logik eilt mit dem Schwert syllogismus bewaffnet hinterher.”
Wer einen Hund mit dem Namen “Veritas” findet, kriegt von mir einen Preis in Form eines Schokohasen, der wie heißt?
…
Genau.
Sowieso hat ja jede Branche ihre Eigenheiten.
Mein Geschichtsdozent verkündete heute: “Die Gegenwart ist die Ausnahme.” Das muss man natürlich so sehen, wenn man Historiker ist. Kann man aber auch mal anzweifeln. Wäre dann aber eine philosophische Frage, und ich kann Kants Geschrei nicht mehr ertragen, deswegen lasse ich das an dieser Stelle mal sein…
Kommunikationsprobleme in Komibination mit Wissenschafts-Sprech begegnen Ihnen übrigens immer dann besonders häufig, wenn Sie das Pech haben, sich mit einem Mediziner unterhalten zu müssen. Dieses Pech habe ich deswegen besonders häufig, weil geschätzte 30% meines Bekanntenkreises im medizinischen Bereich arbeiten.
Nehmen wir aus diesen 30% einmal ein Fallbeil Fallbeispiel heraus.
Ich bat die emsige Medizinstudentin Ina D. schon vor einiger Zeit, mir lustige Wörter aus dem hochinteressanten Bereich der Humanmedizin zu senden. Ich hatte nämlich mitbekommen, dass es dort von Nasen nur so wimmelt. Denn die Mediziner kennen nicht nur wie wir Normalos die großen Nasen, kleinen Nasen, dicken Nasen und die Haken- und Adlernasen sowie Knubbel- und Kartoffelnasen, oh nein! In der Medizin gibt es noch ganz viele andere Nasen: Proteinasen, Collagenasen, Urokinasen, Abbokinasen und viele mehr. Und, nicht zu vergessen, die Phosphorylasekinase.
Beliebt und bekannt auch das Nipplesharing, das tatsächlich das meint, was Sie gerade versuchen, nicht zu denken. Falls also jemand von Ihnen aus irgendwelchen Gründen nur eine Brustwarze haben sollte, dann gehen Sie zu Ihrem Hausarzt und sagen: “Ich würde gerne Nippelsharing machen – wären Sie so nett?”
Exzessives Nipplesharing ist allerdings ungesund für die Psyche, wie das Beispiel des Bond-Bösewichts Scaramanga beweist. Weil er eine dritte Brustwarze hatte, lief er vor Frust und Scham stets mit einem goldenen Colt durch die Gegend.
Ina D. war so nett, mir nicht nur Dinge über Nasen zu beichten, sondern auch ausführlich zu berichten, warum es denn in der Medizin so viele Nasen gibt und was das denn alles zu bedeuten hätte. Selbstverständlich habe ich nichts davon verstanden und kann es Ihnen demzufolge auch nicht wiedergeben.
Lassen Sie mich Ihnen jedoch noch mitteilen: Da ist noch die Hypoxanthinguaninphosphoribosyltransferase. Klingt wie “Guten Morgen, schnall die Heizung an!” auf Marsianisch, ist aber ein durchaus gebräuchlicher Begriff unter Medizinern, scheint mir. Frau D. jedenfalls erklärte mir die Hypoxanthinguaninphosphoribosyltransferase so:
“Das ist ein Enzym, was Purinnucleotide synthetisiert.”
Ich habe mir da schon gedacht, dass Sie Unwissende das nicht verstehen, und habe dann noch mal nachgehakt: “Ähh und jetzt bitte auf Deutsch…”
“Naja, herstellt halt.”
“…”
“Oder meinst du die Purinnucleotide?”
“Ja!”
“Ja also Thymin und das andere macht das blah … Ne, das macht es nicht, es stellt ATP und GTP her…”
“???”
“Es ist schwierig, das zu erklären… Guck’ doch einfach bei Wikipedia… !”
Wikipedia als Kommunikationskiller. Das ist mal ein Thema für eine philosophische Arbeit… Herr Kant…?!
Wir kamen dann noch über den Begriff der Neoblase, was wohl eine künstliche Blase ist, die aus dem Darm hergestellt wird (“Da muss man dann aber aufpassen, dass sie sich nicht selbst verdaut…”), auf den gar heimeligen ['pautsch]. Ich schreibe das deshalb in Lautschrift, weil ich mir nicht vorstellen kann, wie das in der Realität – RUHE, KANT! – aussieht…
Der/die/das ['pautsch] soll wohl auch eine besondere Neoblase sein. Vielleicht sogar eine, die sich nicht verdaut, wer weiß das schon.
Memo an mich selbst: Versuche nie, einen Mediziner einen medizinischen Begriff erklären zu lassen. Es führt zu Kommunikationsstörungen.
Unwort des Tages: Nipplesharing.
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31. Mai 2008 um 11:38 Uhr
Also dat mit den Purinen hätt ich dir auch erklären können :-) Zumindest früher mal, als ich für die Biochemie-Vordiplomsprüfung gelernt habe. Aber heute guck ich auch bei Wikipedia nach!
Ein Hoch auf die Wissenschaftskommunikation!
1. Juni 2008 um 12:35 Uhr
Ich glaub die machen das absichtlich. So nach dem Motto warum einfach wenn es auch kompliziert geht.
Meine Kiddies machen auch immer Geheimsprachen und Schriften, wenn sie nicht wollen dass ich sie verstehe :)
2. Juni 2008 um 15:16 Uhr
Ja, was soll ich dazu sagen. Heute in der Vorlesung hatten wir “Baby-take-home-Rate”. So ganz begriffen habe ich das nicht, aber es hat wohl was damit zu tun, dass die Mediziner sich darüber streiten, ob eine Krampfader am Hodensack bei Kinderwunsch entfernt werden sollte oder nicht.
“Kleine” Erklärung: Die Krampfader entwickelt sich ja wegen eines venösen Blutstaus. Dieser Blutstau hat zur Folge, dass die Temperatur im Hoden ansteigt. Dass führt dazu, dass die Spermienproduktion schlechter wird. Der Hoden hats nämlich gerne kühler als der Rest des Mannes, deshalb sitz er ja auch außerhalb… Wie dem auch sei: Durch die Entfernung der Krampfader verbessert sich die Spermienproduktion, weils ja wieder kühler wird. Ob Mann dadurch auch als Folge fruchtbarer ist bzw. mehr/besser Kinder zeugen kann ist der Streitpunkt.
2. Juni 2008 um 16:28 Uhr
Womit man sich beschäftigen muss, wenn man Humanmediziner wird… erschreckend…