“Die Jungfrau-Energie will wissen, was abläuft.” Leben Sie nach dem Mond!
Der Blick des Mathematikers ist gnadenlos fest und genau. Er erfasst das Wichtigste innerhalb von zweieinhalb Nanosekunden. Der Blick des Astrologen dagegen ist verklärt, die Augen sind leicht gen Himmel verdreht. Er erfasst das Wichtigste, wenn überhaupt, nur dann, wenn man es ihm intravenös verabreicht. Und auch dann nur widerstrebend.
Auch wenn man angesichts von DSDS, dem Adventsfest der Volksmusik, Boris Beckers Memoiren und “Richterin Barbara Salesch” den Niedergang unserer Kultur befürchten muss, muss man der Spezies Mensch eines lassen: Sie ist kreativ. Verdammt kreativ.
Sie bringt es zum Beispiel fertig, und das hat sie allen anderen Tieren voraus, für Dinge, die zunächst unerklärbar scheinen, unterhaltsame, weil an den Haaren herbeigezogene Erklärungen zu ersinnen. Dazu gehören zum Beispiel so Erscheinungen wie Religionen.
Ein anderes Tier, egal welches, nimmt die Existenz dieser Welt mit Freuden hin. Es kümmert sich nicht um die Frage, “Warum?!” und “Seit wann?!” und, ganz wichtig, “Für wen?!” es die Erde gibt, sondern es lebt einfach sein Leben ganz leise und unauffällig vor sich hin.
Der Mensch denkt sich hanebüchene Erklärungen aus: Da gibt es dann große fette Männer mit wallenden Bärten, die aus dem Nichts Welten erschaffen und nach ihrem Ebenbild kleine Wesen dort hinaufsetzen, nur um sie dann aufzuschneiden, eine Rippe herauszureißen und noch mehr kleine Wesen zu schaffen, auf dass sie den anderen kleinen Wesen das Leben schwer machen, die ganze Spezies dann mit einer gigantischen Flut zu ersäufen, nur, um dann wieder von vorne anzufangen und diesen vertrauenswürdigen kleinen Wesen den eigenen Sohn hinunterzuschicken, auf dass sie sich an ihm verlustieren können.
Unterhaltsam, das, aber hanebüchen. Muss man doch mal so sagen.
Jedenfalls ist es nicht nachweisbarer als die Idee von einem mittelhohen Berg in Mittelgriechenland, auf dem eine Horde menschlicher Spielkinder mit göttlichen Fähigkeiten sitzt und das Schicksal der Menschheit einer Daily Soap gleich für eine unglaublich gute Unterhaltungssendung hält.
Mal weg von der Religion. Schon ziemlich lange beschäftigen sich die Menschen aus irgendwelchen Gründen mit den zwei großen Kreisen, die sich am Himmel festgekrallt haben, nämlich dem kleinen Gelben und dem großen Weißen.
Beschäftigen wir uns mit dem großen Weißen – dem Mond. Der hat eine unglaubliche Kraft, wissen die Menschen. Der bewegt zum Beispiel das Wasser, oh mein Gott.
Und anstatt diesen simplen Fakt als Gegebenheit anzunehmen, wie es jedes normale Tier täte, kommen die Menschen daher und denken sich ein ganzes System aus von Dingen, die der Mond hier auf der Erde bewegt. Nicht nur das Wasser, oh nein, auch noch alles andere, was es hier gibt. Tiere. Pflanzen. Saatkörner. Zahnsteine. Gallensteine. Klosteine.
Eingebettet in die Pseudowissenschaft der Astrologie nennt sich dieses Phänomen der Mondkalender. Denn der Mond, so macht uns der Kalender endlich mal klar, hat einen immensen Einfluss auf unser tägliches Leben.
Wenn man also so gar nicht mehr weiß, was man machen soll (oder wenn einem die Prophezeiung der Tarotkarten nicht gefällt), so fragt man den Mond um Rat.
Für heute zum Beispiel empfiehlt mir mondhandy.de, eine der Siebenhundertzweiundsiebzigtausend Seiten, die Google bei dem Suchwort “Mondkalender” ausspuckt, den Rasen zu säen. Denn “Rasen, der an Feuchtigkeitstagen oder im Zeichen des Löwen oder der Jungfrau gesät wurde, entwickelt sich besonders gut.” Ich fände es zwar ein wenig unpassend, Anfang Dezember Rasen zu säen, aber ich bin ja auch kein Gärtner Astrologe. Die Konkurrenzseite kernastro.de weiß da besser bescheid: Ich solle doch besser bei zunehmendem Mond Rasen säen.
Angenommen, ich wollte nun tatsächlich Rasen säen, hätte ich ein ziemliches Problem: Der Mond scheint in dieser Frage eine geteilte Meinung zu haben.
Weiter im Text. Bei abnehmendem Mond, sagt mondhandy.de, könne man gut und gründlich Schuhe reinigen und Dauerwellen machen. Danke, kein Bedarf. Weiterhin steht geschrieben: “Pflegen Sie Ihre Haut. Besonders leicht lässt sich die Hornhaut bei abnehmendem Mond entfernen.” Welch schöner Hinweis. Ich habe natürlich stante pede meinen Hornhauthobel herausgeholt und mir hier an meinem Schreibtisch die Hornhaut von den Füßen geschabt. Immerhin steht der Mond schon ganz klar am Himmel…
Mondkalender-online.de rät mir heute zu einer Operation in der Brustregion. Oder auch an den Geschlechtsorganen. Außerdem sei ein guter Tag, um Warzen zu entfernen. Man könne des weiteren wunderbar Deckenbeton einziehen und den Dachstuhl ausbauen. Ich könnte mir vorstellen, dass mein Vermieter damit nicht so ganz einverstanden ist, aber bitteschön – wer will sich schon mit dem Mond anlegen? Wir kennen ja alle diese ganzen grausligen Geschichten… Mars Attacks… Independence Day... Also schnell zum Baumarkt, Deckenbeton und einen Dachstuhl-Bausatz kaufen und den Termin beim Chirurgen klarmachen.
Stutzig werden könnte der intelligente Mensch bei folgender Weisheit aus dem Hause kernastro.de : “Waschen und Putzen, die Gegenstände werden jetzt schneller sauber.” Denken Sie dran, lieber Leser, der Mond hilft Ihnen heute beim Hausputz!!!!
Weiterhin heißt es dort: “Die Jungfrau-Energie will wissen, was abläuft.” Yeah! Das ist ja mal voll der krasse Slang. Was für ein geiler Sound, man. Die Jungfrau-Energie… ist ja mal voll der Hammer.
Ich kann ja mal meinen Alt-68er-Onkel fragen, der kann mir bestimmt ne Menge über die Jungfrau-Energie erzählen…
Wenn man keine Jungfrau mehr ist, hat man auch keine Energie mehr, ich sage es euch, liebe jungen LeserInnen. Da hat der Mond schon recht! Da ist dann einfach die Luft raus.
Die sieben Weisen von goastro.de erklären mir in der Rubrik “Liebe”, dass heute ein guter Tag sei, meinen Arbeitsplatz aufzuräumen. “So geht Ihnen die Arbeit leichter von der Hand und Sie können sich aufs Wesentliche konzentrieren. Der Mond unterstützt Sie jetzt dabei.” Das ist wirklich sehr nett vom Mond, dass er so hilfsbereit ist.
Die sieben Weisen von goastro.de haben wohl zuviel Jungfrau-Energie intus, denn was das mit Liebe zu tun hat, ist mir schleierhaft. Aber wahrscheinlich bin ich auch zu verblendet. Und Widder noch dazu, also grässlich ungestüm und impulsiv…
Ganz im Ernst, ich hatte schon einmal ein Erlebnis, bei dem ich fast vom (noch marginal vorhandenen – Gott steh mir bei!!!, ich weiß, liebe Zeugen, ihr werdet für mich beten) Glauben abgefallen wäre.
Es begab sich zu einer Zeit, dass ein höchst astrologisches Wesen im Hause meiner Eltern zu Besuch war, mit dem ich – obwohl damals noch lange nicht erwachsen und noch unwissend und unschuldig, die Jungfrau-Energie war also besonders stark in mir – partout nicht zurechtkam. Denn dieses weibliche Wesen, nennen wir es Gabi, war nicht von dieser Welt. Zumindest nicht in ihren Gedanken. Sie kam nicht umhin, alles und jeden nach seinem Sternzeichen zu fragen und gleich darauf tiefgreifende Rückschlüsse über das Wesen dieses Individuums zu ziehen. Sie war quasi die Inkarnation interstellarer Weisheit, die sich in ihr so intensiv wie noch niemals in der ganzen Erdgeschichte zuvor gebündelt hatte – jedenfalls glaubte sie das.
Dank ihr weiß ich nun, dass ich ein Widder bin, ungestüm, impulsiv und unwissend, und dass ich doch wegen eben jener Ungestümität für meine zahlreichen Fehler eigentlich gar nichts könne.
Es war zwar nett von der Prophetin Gabi, mir dieses Wissen mitzuteilen, jedoch äußerte ich tiefgreifende, weil tiefgründige Zweifel an ihrer Sachkompetenz, was sie wiederum sanft mit dem Hinweis abtat, ich sei ja ein Widder, ich könne das wegen meiner Ungestümität (dieses Wort benutzte sie nicht, denn ich habe es soeben erfunden) ja nicht verstehen.
Vielleicht, liebe Freunde der jungfräulichen Energie, vielleicht bin ich durch dieses Erlebnis ein wenig, sagen wir, voreingenommen geworden gegenüber den zahlreichen Inkarnationen der interstellaren Weisheit und tue ihnen ein böses Unrecht.
Deswegen sage ich Ihnen, nein, ich flehe Sie förmlich an, beim Teutates: Machen Sie sich selbst ein Bild, liebe Freunde. Gehen Sie hinaus und leben Sie nach dem Mondkalender.
Wenn dann jemand auf Sie zukommt und sagt: “Mann, Ihre Frisur sieht ja scheiße aus!”, oder “Mann, Sie stinken ja wie ein Marsmensch!” oder “Mann, wieso haben Sie keine Zähne?”, dann können Sie ganz locker und befreit, erfüllt von Weisheit und im Einklang mit dem Mond, Ihnen selbst und allen Kräften der Sterne sagen: “Der Mond sagt, ich darf erst nächstes Jahr wieder zum Friseur!” oder “Der Mond sagt, ich darf erst nächste Woche wieder duschen!” oder “Ber Momb hab bewagt, baff gefbern ein guber Bag pfum Pfähne-pfiehen war!”.
Sie werden ein schönes Leben haben, liebe Astrologen, aber es wird ein einsames Leben sein.
Unwort des Tages: Der Mond ist aufgegangen.
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3. Dezember 2007 um 16:05 Uhr
Wunderbar recherchiert und in köstliche Worte verpackt! Jetzt müsste ich nur noch wissen, wie es diese Woche für einen Widder beim Zahnarzt aussieht?!?!
6. Dezember 2007 um 11:55 Uhr
Ich kann nicht mehr!! Alle anderen neben mir (in bin in einer Bücherei…) fühlen sich sicherlich schon gestört… Aber ich kann nicht mehr, oh man, ich kann nicht mehr aufhören zu lachen!!!
18. Juni 2008 um 17:02 Uhr
[...] einfach alle Leute sich ihn zum Freund machen und hanebüchene Deutungen außen vor lassen? Wie Basti in seiner ausführlichen Mondkalender-Analyse (Lesebefehl!) letzten Dezember geschrieben hat: …muss man der Spezies Mensch eines lassen: [...]