Popsong oder Orgasmus – manchmal gar nicht so leicht zu unterscheiden

Kommt es Ihnen, wenn Sie Radio hören, auch manchmal so vor, als würden Sie ein wildfremdes Pärchen beim Geschlechtsakt belauschen?

Ich gestehe, ich fühle mich gestört von solcherlei verbalen Ejakulationen in Form von Interjektionen (letzteres hat nichts mit Drogen zu tun, sondern ist der grammatikalische Begriff für Ausrufe wie “Ha!” und “Holla!” etc.).

Im Zuge der totalen Amerikanisierung unserer Musiklandschaft hielt auch die amerikanische Art zu singen Einzug. Und das macht sich eben nicht nur in der Sprache bemerkbar, sondern auch in der Art und Weise, wie Lücken gefüllt werden. Das können Lücken verschiedenster Art sein: Lücken im Text, Lücken in der Logik, Lücken in der Performance, Lücken in den Zahnreihen…

In den Studios der großen Plattenfirmen denkt man anscheinend, dass sogar der schwachsinnigste Text besser klingt, wenn man ihn mit ein paar wahlweise orgastischen (“Sexy!!”) oder organisiert wahllosen Lauten schmückt.

Wir machen den Feldversuch. Ich habe für etwa 30 Sekungen gebrainstormt¹ und einen Liedtext geschrieben, der eine für das Mainstream-Chart-Pop-Genre typische message transportiert (nämlich keine):

I’m so in love with you
I’ll make your dreams come true
You know what I will do
There’s so much we’ve been through

Wie Sie sehen, sehen Sie nichts. Keine Aussage, keine Stilmittel, kein Sinn, keine Kunst, nichts.

Wenn Sie diesen Zustand von einem Text aber nun genretypisch pimpen, dann ergibt sich folgendes, überwältigendes Ergebnis:

I’m so in love with you, Uhuuu-aa-ahaa…
I’ll make your dreams come true, Uhaaa-uu-uhuu…
You know what I will do, Jääähijähijää…
There’s so much we’ve been through, ähää-ähää-ähää

Nun gut, das sieht vielleicht derartig ausgeschrieben ein wenig affig aus, aber wenn Sie das einfach mal austesten, werden Sie feststellen, dass es tatsächlich besser klingt. Vielleicht, weil man nun nicht mehr so viel vom Text versteht.

Sowieso steigern sich ja alle Pop-Songs, ob nun Balladen oder nicht (Popstars-on-stage-und-DSDS-Definition von Ballade: Alles, was langsam ist… music for runaways) , am Ende in eine Art Sirenengesang (natürlich gewollt – Rückgriff auf Homers Odyssee). Und so hören wir im großen Finale von vielen songs, die uns im Radio und im Fernsehen aufgetischt werden, wahrlich erschreckende menschliche Stimmen, die teils kreischend, teils überschnappend und selten kontrolliert unsinnige Vokalwürste in unsere Ohren brüllen: “Uohuohuohuo!!” ist dabei ebenso vertreten wie “Ijääähijää-ää!!” oder “Ahaaa!!!”. Häufige Gäste auch die ausdrucksstarken Wörter “Uaaa!” (auch: “Uoooo…”) und “Ohooooh….” sowie das Pärchen “nooooo…” und “yeaaaaah…” (beliebig und ohne Rücksicht auf den Liedtext einsetzbar).

Es kommt mir gelegentlich so vor, als ob kein amerikanischer oder pseudo-amerikanischer song mehr ohne ein effektheischendes Ende auskommt. Am besten singt man am Ende den ganzen Refrain sowieso noch mal eine Oktave höher. Oder auch zwei. Egal, ob man’s nun kann oder nicht.

Es ist mir schleierhaft, welchem Zweck dieser Kreischwettbewerb dienen soll. Also bei einem Lied über irische Klageweiber oder bei einer Vertonung von Naturereignissen wie Wirbelstürmen oder so, da kann ich das ja noch verstehen. Oder eben bei einer Audioaufnahme von Homers Odyssee (Sie wissen schon, die Szene mit den Sirenen und An-den-Mast-binden und so).

Aber bei einem ganz normalen Lied, das verzweifelt versucht, sich in unserem Hirn festzusetzen, um dort zu einem Ohrwurm zu werden (was bei dem kompletten Verzicht auf kreative Melodien sehr schwierig ist) und uns dazu zu bringen, möglichst oft die Tournee des Künstlers zu besuchen? Ich wage zu behaupten, dass orgastische Kreischeinlagen wie diese eher kontraproduktiv sind.

Da kriegt man nun wirklich Angst um seine Ohren. Und um unsere Zivilisation. Was sollen denn die Marsmenschen von uns denken, wenn sie hier demnächst landen? “Die Kommunikation der homines sapientes sapientes findet hauptsächlich oberhalb eines Lärmpegels von 120 dB statt.” , wird dann eines Tages in der Enzyklopädia Marsiana stehen.

Wollen wir das????????????
Unwort des Tages: “Uoo-huo-huooo….!”

¹ ersatzweise: ich habe Brain gestormt; ich habe Storm gebraint; ich habe gestormbraint; ich, Brain, habe Storm ge; ich, Storm, habe Brain ge; oder auch (unkreativ): ich habe kurz nachgedacht

Geschrieben am 17. November 2007 in Unseriös, Unübersehbar

15 Kommentare zu „ Popsong oder Orgasmus – manchmal gar nicht so leicht zu unterscheiden

  1. Wie immer glänzend erkannt und analysiert. Ich, der schon lange mehr kein Top40-Radio hört, halte einen Popsong und einen Orgasmus allerdings für grundverschieden in der Wirkung, auch wenn die Akustik nicht selten eine gewisse Grundähnlichkeit aufweist.

    Besonder schlimm ist dies bei amerikanischen Hip-Hop-Pop-Vermischungen, die den Markt überschwemmen und deren trendsetzende Wirkung genau zu dem führt, was du da beschreibst.

    Nun muß man bei aller Kritik aber noch sagen, das man es als Akustikkünstler heutzutage nicht leicht hat – alles was die heute machen ist früher in veränderter Form schonmal dagewesen. Aber man könnte zumindest einmal etwas länger nachdenken, was man da eigentlich singt. Oder man macht es musikalisch zumindest etwas qualitativ hochwertiger.

    Ich will als treffendes Beispiel zu früher mal die “Steve Miller Band” ins Spiel bringen. Kennste die? Jeder Song hat eine Schrulle. In “Take The Money And Run” singt Miller ständig “Uhh uhhh, Uhhh uhhh” (genau das, was du zu recht bemängelst), in “Abracadabra” traut sich Miller allen Ernstes zu singen: “Abra-Abracadabra – I Wanna Reach Out And Grab Ya” – er hat sogar einen Song im Repertoire, der heisst: “Shu Ba Da Du Ma Ma Ma Ma”. Im Normalfall würde ich solch öberflächlichen Mist nicht ausstehen können. Was aber die “Steve Miller Band” zum Beispiel von “Rihanna” (ein derzeitiges Paradebeispiel dessen, was du beschreibst) unterscheidet: die Musik ist handgemacht, man hört jedes Instrument heraus. Miller ist ein Gitarrengott. Rihanna ist nur optisch eine Sensation, geht mir aber mit ihrer Stimme schon nach kurzer Zeit auf den Geist. Deswegen nenne ich auch bei Musik immer Beispiele älteren Datums (ich hatte mal die “Doobie Brothers” erwähnt!), die ich heutiger Musik in jedem Falle vorziehen würde – von ein paar Indie-Bands mal abgesehen.

    PS: Hast du den Vierzeiler schonmal den großen Plattenfirmen angeboten? Das hört sich nach einem sicheren Nummer1-Hit an! ;-)

  2. konna :

    Ella-Ella-Eh-Eh-Eh! :mrgreen:
    Super geschrieben und total richtig erkannt. Darum höre ich auch kein Pop. :)

  3. Basti :

    @Roman Nein, die Steve Miller Band kenne ich nicht – aber du hast Recht, solcherlei Ausrufe gibt es ja auch nicht erst seit gestern, das hat schon wirklich Tradition. Und gehört ja auch in einem bestimmten Maße zur Popmusik dazu. In Abbas “Money Money Money” ist ja das wunderschöne Wörtchen “Ahaaaaa…” auch vertreten. Und von Police gibbet ein Lied mit dem aussagekräftigen Titel “De Do Do Do De Da Da Da”. Aber dieses Lied hat tatsächlich eine Aussage, nämlich ziemlich genau die, die ich mit meinem Artikel auch treffe. Also: Sinnvoll.
    Vergleichen wir das mit Banaroos Single-Erfolg “Dubi dam dam”, dann stellen wir fest: Letzteres hat eigentlich keinen Sinn.

    Natürlich gibt es in dieser Augrumentation Lücken, aber die mag der geneigte Leser selbst herausfinden. Geistige Arbeit.

    @Konna Aaaah (!) ja, Ella-Ella… uh-uhuuu-uh-uhuuuu… I remember that song. Damit fing alles an *lol*
    Du hörst kein Pop, ok. Aber bist du damit vor solchen Sachen automatisch gefeit??? Ich wäre mir da nicht so sicher…

  4. konna :

    Nein, sicher nicht. Ich höre ja unter anderem The Offspring, da gibts auch des öfteren mal ein “whoohoo” oder so ähnlich. Aber bei den meisten Sachen, die ich höre, gibt es sowas nicht, ha! ;)

  5. Basti :

    Ach, “whooohooo” hab ich gar nicht mit eingebaut in den Artikel – hättste das mal früher gesagt!! :P

  6. Sehr schöner und treffender Artikel (hu, ich finde die Buchstaben schlecht, da ich Tränen in den Augen habe…)
    Die erfundenen Zeilen sind sicherlich von irgendeinem schlauen Menschen (M. Jackson) irgendwie urheberrechtlich geschützt. Wenn nicht, sollte man sowas ernsthaft in Erwägung ziehen, denn das kommt ja wirklich in jedem zweiten Charts-Song vor.

    Doch möchte meinen (und hoffen), dass du von der Steve Miller Band schon gehört hast (The Joker, Wide River, Fly Like An Eagle?!?).

  7. @JuliaL49: Na klar – hat er alles schon gehört! Zu den durchaus im Radio gespielten Nummern “The Joker”, “Wide River” (weniger, da nicht so populär), “Fly Like An Eagle” möchte ich noch das angesprochene “Abracadabra” und “Rock’n Me” hinzufügen – das sind alles Titel, die jeder kennt.

    @Basti: Such mal “The Joker” bei YouTube – dann wirst du schnell wissen, worum es geht. Die Nummer war Ende der 80er in einem Jeanswerbespot für die gleichnamige Firma und schaffte es von dort erneut in die Charts. Kennst du! Bestimmt!

  8. konna :

    Und falls du das Original nicht kennst, dann kennst du bestimmt eine der Coverversionen, entweder von Fatboy Slim oder von Fettes Brot (“The Grosser”).

    Kennt man aber wirklich, wenn vielleicht nicht vom Namen her. ;)

  9. konna :

    Übrigens: In der Fatboy Slim Version kommen im Video ganz viele kleine süße Kätzchen vor. :D

  10. Basti :

    Okay, The Joker kenne ich natürlich. So ein typisches Lied, was man so kennt, aber weder weiß wie es heißt, noch von wem es ist… aber das mit dem eagle… das muss mir irgendwie entgangen sein.

    Ich bin ja so ein Banause :-)

  11. Manuel :

    Also ich finde diesen Orgasmus Text und die Aussage des Autors sehr Schwachsinnig (ehrlich gesagt)!!!-…und grenzt für mich an Neid!

    Genau das macht Musik aus und KUNST. Wenn eine Beyonce daher läuft und da anfängt zu “kreischen” (hier sogenannt), dann bekomm ich und noch ein paar Millionen Menschen eine Gänsehaut. Das ist Musik. Emotionen weitergeben zu können.
    Sehr geehrte Autoren und so^^
    erklärt mir doch mal, wie ein Film aufgebaut ist hä? :-)
    GENAU SO
    Ein guter Song fängt an und MUSS sich entwickeln, sonst wirds ja immer schlechter. Deswegen heißt hier das Motto: Das beste kommt zum Schluss!!!
    Das “Geschrei” ist/sind treffen von von Tönen, die nur die wenigsten treffen können. Daher kommen da dann auch immer die Ohhhs und Ahhs aus dem Publikum.
    Ich bin selbst Sänger und höre mir jede Musik an. Nicht weil ich jede Musik mag, sondern um mich weiter zu entwickeln. Und ehrlich gesagt ist heavy metal und so`n Gothik Geschrei das einzige, was mir und der mehrheit der Menschheit in den Ohren wehtut.
    Danke fürs lesen….würd mich freun, wenn ihr antwortet :D

  12. Basti :

    Zunächst mal stelle ich fest, dass ich auf die Fähigkeit des Kreischens in schwindelerregender Tonhöhe nicht neidisch bin… warum auch. Meine kleinen Schwestern schreien genug. Und zwar komplett unerwartet, im Gegensatz zu Beyoncé.

    Ich glaube, es liegt bei dir ein Missverständnis von Kunst vor. Beziehungsweise von Musik, vielleicht sogar. Ein Song ist ja nicht deswegen gut, weil er langsam anfängt, dann langsam eskaliert und schließlich in einem Getöse aus Geschrei und E-Gitarre endet, das gnädigerweise ausgefadet wird oder gar mollig endet. Vielleicht denkst du nur, dass ein guter Song genau so aufgebaut sein muss – das könnte von einer Überdosis Bohlen-produzierter Songs stammen. Denk mal an diese ganzen alten Klassiker, die man auf diesen Oldie-Sendern hört. Die waren früher richtig in. Und da haben die Leute nicht am Ende drei Oktaven höher gesungen, damit man jetzt auch merkt, dass es das große Finale ist.
    Damit will ich nicht sagen, dass alles so sein soll wie früher. Ich mag auch keine Oldies und kenne maximal 10 Lieder von den Beatles (irgendwer wird mich jetzt beschimpfen, ich habe es im Gefühl…). Aber ich finde es ziemlich schwachsinnig, dass in diesen ganzen 08/15-Liedern von heute immer dasselbe gesungen wird und es auf immer dieselbe Weise in Geschrei ausartet.
    Es mag technisch schwierig sein, so zu schreien wie Beyoncé und ihre Klone. Das stelle ich auch gar nicht in Abrede. Nur brauchen tut es doch keiner. Es hört sich nicht schön an und aussagen tut es außer oberflächlichem Schmerz oder Verzweiflung auch nicht viel. Das ist so wie in einem schlechten Theaterstück oder in einer Daily Soap. Wenn ein Darsteller schon sagen muss “Ohh, es geht mir ja so schlecht!”, dann hat er was falsch gemacht. Denn man sollte es ihm ansehen, dass es ihm schlecht geht, dass ist nämlich sein Job.

    Es freut mich für dich, wenn du Gänsehaut dabei bekommst, dafür ist Musik ja da. Aber erlaube mir, zu sagen, dass ich davon eher massiven Ausschlag als nur Gänsehaut bekomme. Und Kunst sieht für mich anders aus. Und hört sich vor allem anders an. Denn wer mit seinem Lied wirklich etwas aussagen will, der braucht überhaupt nicht schreien, damit man ihm zuhört.

  13. Ich glaube übrigens zu wissem, wer der hoch singende Manuel ist, der oben kommentierte:

    http://www.youtube.com/watch?v=Rd2pfSNF3aY

    (Ja, das ist Anke Engelke, die da steht.)

  14. Knight :

    Und schon wieder ein Artikel der mich interessiert, ich sollte wirklich öfters hier vorbeischauen. Ich stimme dir absolut zu, was heute in den Charts landet ist leider alles andere als Musik. Am besten ist es wohl man vertraut noch immer seinem eigenen Geschmack und wählt die richtigen, leier eher unbekannteren, Radiosender – oder man greift einfach bei verschiedenen Stimmungen zur gerade passenden CD.

    Ach ja, kennst du eigentlich das Lied “Dubi dam dam” von … ich glaube Banaroo? Der Song hat auch einen sehr intelligenten Text ;-)

  15. Basti :

    Wenn ich mich recht entsinne, ging der Text dieses Liedes ungefähr so: “Dubi dam dam da dubidaba dibi dam, dubi dam dam daduuubidibi dam!” und handelte im übrigen von einer Begegnung mit einem Alien.
    Ja, definitiv einer der Tiefpunkte… leider nur einer…

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