Vielen Dank, dass Sie versucht haben, mit der Deutschen Bahn zu reisen

Es ist ja schon ziemlich schwierig, sich in diesen Wochen nicht mit der Deutschen Bahn an sich und insbesondere mit den permanent streikenden Zugführerinnen und Zugführern zu beschäftigen. Zumindest in Form von Tagesschau oder Tageszeitung.

Richtig unangenehm wird es aber erst, wenn man dann tatsächlich mal mit der Bahn reisen muss.

Und es hat mich heute getroffen. Ich musste nach Eutin zu einem Termin.  Reimt sich, ist aber trotzdem wahr. Da ich kein Auto besitze (was nicht an Al “Rettet-die-Welt” Gore liegt, sondern an meiner erschreckenden Geldknappheit), bin ich auf öffentliche Verkehrmittel angewiesen. Nun ist die Strecke Kiel-Eutin mit dem Bus zwar zu bewältigen, dies dauert in der Regel jedoch etwa zwei Stunden. Und da ich kein Busfahrfetischist bin, sondern einfach nur von A nach B möchte, muss ich wohl oder übel die Bahn nehmen.

Da fährt laut Plan jede Stunde ein Zug von Kiel nach Lübeck, der unter anderem in Eutin halten soll. Das passiert in der Regel auch erschreckend pünktlich, zumindest sind mir auf dieser Strecke selten größere Verspätungen untergekommen. Und heute, an einem Tag, wo niemand streikt, wird es ja wohl auch so sein, hoffte ich.

Pustekuchen.

Erstes Hindernis beim Bahnfahren ist immer das Erwerben von Fahrkarten. Man möchte meinen, dass die Deutsche Bahn AG daran interessiert ist, möglichst viele Fahrkarten zu verkaufen und deswegen jeden Kunden freundlich und mit offenen Armen empfängt, um ihm im Rahmen eines persönlichen Lebensberatungsgesprächs bei Kaffee und Kuchen eine Fahrkarte zu verkaufen.

Die Realität sieht, warum auch immer, anders aus. Da stehen auf unseren Bahnhöfen große graue Kästen, die uns die Fahrkarten verkaufen sollen, und versprühen den Charme von Sozialwohnungen. Und genau wie die Bewohner von letzteren nehmen sie auch gerne Geld, aber bevorzugt in kleinen Scheinen.

Sprich: Wenn der Kunde es wagt, nur einen 20-Euro-Schein mit sich zu führen, kann er den Erwerb seiner Fahrkarte getrost gleich wieder vergessen, denn er wird nur ein stummes, aber hämisches Kichern des Automaten ernten.

Ich marschiere also weg vom hämisch lachenden Automaten hin zur obligatorischen Bahnhofscroissanterie.

“Könnten Sie mir bitte den 20er kleinmachen?”

“Nein, kann ich nicht.”

Ich muss ein wenig eigentümlich dreingeschaut haben, denn die Fachfrau für Croissantveräußerungen weist mir gnadenvoll den Weg zu “dem Türken bei Sultan’s”, der mache das doch bestimmt.

Ich frage nicht, warum Frollein es nicht selbst tun will, und begebe mich zum “Türken bei Sultan’s”, der mir freundlich und problemlos meinen Riesenschein in handliche Papierfetzen wechselt.

Der Automat ist’s zufrieden und schluckt gerade genüsslich mein mühsam ertauschtes Geld, da nähert sich von rechts eine bebrillte Gestalt, gekleidet in eine rot-gelbe Regenjacke.

“Fährst du nach Lübeck??”

Das sind ist einer der Mitfahrjäger, die an jedem größeren Bahnhof auf Menschen lauern, die für weniger als den normalen Fahrpreis an ihrem Schleswig-Holstein-Ticket partizipieren wollen. So kommen alle Beteiligten deutlich günstiger von A nach B – mit dem Nachteil, dass man, sobald man einen Fahrkartenautomaten auch nur zu lange anschaut, sofort von einer Horde bebrillter Regenjackenträger bedrängt wird.

“Nach Eutin.”

Als mein Verhandlungspartner herausfindet, dass ich Student bin und zudem auch noch eine Bahncard habe und mir der Fahrkartenautomat daher schon von ganz alleine ein unschlagbar günstiges Preisangebot unterbreitet, wird er verlegen.

Ich, ehemaliger Pädagogik-Student und hingebungsvoller Samariter, springe ihm zur Seite.

“Sieht so aus, als ob es für dich günstiger wäre, wenn du mich nicht mitnimmst, nicht wahr?”, frage ich und grinse ihn kumpelhaft an.

Er druckst herum.

Ich wende mich wieder dem Automaten zu, der noch mehr Geld will.

Die Regenjacke spricht nun: “Ja also man weiß es nicht, wenn du willst, kannst du ja bei mir trotzdem auch mitfahren, es kann ja für dich günstiger werden trotzdem noch, wenn ich sonst keinen mitnehmen kann später oder so. Also wenn du auf Zeit pokern willst, kannst du ja bei mir mitfahren oder so.”

Ich versuche, das Gesagte zu verstehen, scheitere jedoch und wünsche der Regenjacke eine gute Fahrt. Ich ergattere vom gierigen Automaten mein unverschämt günstiges Ticket und mache mich auf den Weg zum Bahnsteig.

Planmäßige Abfahrtszeit meines Zuges ist 14.44 Uhr. Just zu jener Zeit meldet sich die holde, automatisierte Bahnhofssprecherin zu Wort: “Ding-däng-dong. Meine Damen und Herren auf Gleis eins. Wegen Verzögerungen im Betriebsablauf verzögert sich die Abfahrt Ihres Zuges um etwa zwei Minuten. Wir bitten um Ihr Verständnis.”

Das ist doch keine Ansage wert, denke ich mir und wende mich wieder dem stumpfen Starren in jene Richtung zu, in der ich den Zug erwarte. E.T. meldet sich jedoch nach nicht einmal einer Minute erneut: “Ding-däng-dong. Meine Damen und Herren auf Gleis eins. Wegen Verzögerungen im Betriebsablauf verzögert sich die Abfahrt Ihres Zuges um etwa fünf Minuten. Wir bitten um Ihr Verständnis.”

Aha.

Langsam wird mir ziemlich kalt, es ist meinem subjektiven Empfinden nach der kälteste Tag in diesem Herbst und ich stehe schon eine Viertelstunde auf Gleis 1, zusammen mit etwa 75 Leidensgenossen.

Zehn Minuten lang passiert nichts. Es ist inzwischen 15 Uhr. Da meldet sich das Alien erneut zu Wort: “Ding-däng-dong. Meine Damen und Herren auf Gleis eins. Wegen Verzögerungen im Betriebsablauf verzögert sich die Abfahrt Ihres Zuges um etwa zehn Minuten. Wir bitten um Ihr Verständnis.”

E.T. kann augenscheinlich nicht zählen oder bedient sich einer anderen, nicht-erdlichen Zeitrechnung. Die zehn Minuten sind schon längst um.

Da kommt ein Zug. Es ist aber der falsche, erklärt uns wortgewandt E.T.s Schwester, die es aber tatsächlich zu geben scheint, denn ihre Betonung der Zahlen klingt im Gegensatz zu E.T.  sehr natürlich:

“Meine Damen und Herren auf Gleis eins fährt ein Regionalbahn aus Preetz bitte steigen Sie dort nicht ein in wenigen Minuten wird für Sie hinter dem Triebwagen dieses Zuges bereitgestellt verspäteter Regionalexpress nach Bad Kleinen vielen Dank für Ihr Verständnis”

Man hört ihr die Probleme in der Zeichensetzung jedoch förmlich an.

Ich und meine Leidensgenossen wandern also hinter den Zug aus Preetz, der die Bezeichnung “Zug” eigentlich kaum verdient, denn es sind eher zwei zufällig aneinander geklebte Waggons, die in gemächlichem Tempo in den Kieler Hauptbahnhof eintrudeln. Eine Handvoll Menschen steigt aus. Und wir dürfen nicht einsteigen. Ist aber egal, hineinpassen würden wir ohnehin nicht alle.

Es geschieht wieder eine ganze Weile lang nichts, wenn man vom langsamen Gefrieren meiner Zehen absieht. E.T. meldet sich gelegentlich zu Wort und verkündet in gewohnt abgehackter Manier die Verspätung unseres Zuges um 10 (ja, noch einmal!), 15, 20 und 25 Minuten, aber man solle doch Verständnis haben.

Natürlich habe ich Verständnis. Ich platze fast schon vor lauter Verständnis. Am liebsten würde ich mein Verständnis in die große graue Bahnhofshalle schreien.

Kein Wunder, dass der Streik der Lokführer nichts bringt, wenn man einen Streik-Tag nicht von einem streikfreien Tag unterscheiden kann…

Um 15.20 Uhr fährt dann endlich mein Zug ein. Um 15.30 Uhr fahre ich los, mit ziemlich genau einer dreiviertel Stunde Verspätung (E.T.-Zeitrechnung: 25 Minuten).

Ich komme also mit einer dreiviertel Stunde Verspätung in Eutin an. Und habe dafür auch noch knapp fünf Euro bezahlt. One way.

Zum Glück kam der Zug auf der Rückfahrt pünktlich, sonst wäre ich wahrscheinlich auf dem Eutiner Provinzbahnhof ausgerastet.

Unwort des Tages: Die Bahn kommt.

Geschrieben am 13. November 2007 in Unseriös

11 Kommentare zu „ Vielen Dank, dass Sie versucht haben, mit der Deutschen Bahn zu reisen

  1. Jenni :

    Ich konnt mir das grad so bildlich vorstellen. Ich liieebe den Kieler Bahnhof :) Und die Bahn im allgemeinen sowieso. Wieder mal herrlich beschrieben. mir frieren glatt die Zehen. Als wär ich dabeigewesen ^^

  2. Alex :

    “…mit bus und bahn, mit bus und bahn…” *träller* ja ja, die bahn kommt – oder auch nicht! herrlich beschrieben, basti. konnte es mir ebenfalls sehr gut vorstellen. so als alt-ex-kieler – wo der bahnhof noch eine baustelle war -.- und ich nebenbei im cap gearbeitet hatte.

  3. “Die Bahn kommt – meistens zu spät!”

    Das mit dem Fahrkartenautomat musste ich am eigenen Leibe erfahren – erst kürzlich. Da war ich ja unterwegs nach München. Am Anfang stand eine Zugfahrt von Schwerin nach Hamburg. Ich sollte ein vorbestelltes Ticket im Fahrkartenautomaten lösen, bin aber elendig gescheitert. Im Zug sagt der Kontrolleur: “Ok. Das müssen sie dann auf der Rückfahrt machen. Sie müssen am Automaten diesen Aktionscode eintippen!” (und zeigt auf einen Code auf meinem Zettel, der die Bestellung nachweist). Dann auf der Rückfahrt drücke ich wie wild unter entsetzlichem Zeitdruck am Automaten rum und entdecke durch Zufall, das ich auf “Bahn-Tix” hätte drücken müssen, um eine Vorbestellung auszudrucken (ist ja logisch – da hätte jeder drauf kommen können!). Der Kontrolleur hat mir natürlich den falschen Code zur Eingabe genannt. Ich finde auf dem Zettel noch einen anderen, der passt. Dann renne ich zum mir zuvor versprochenenen Gleis (Hamburg Hbf.) und stelle fest, das dort nur ein Zug aus Stuttgart steht, in dem man nicht einsteigen soll. Was nun? In fünf Minuten fährt mein Zug (laut Plan). Zurück zur Übersichtstafel gehetzt – das Gleis haben die geändert. Schnell zurück zum nun korrekten Gleis – eingestiegen. Dann fuhr die Bahn auch schon los. In der Bahn saß neben mir dann auch noch ein verkaterter Kunde (in mehrfacher Hinsicht ein Kunde!), der offensichtlich die überdimensionierte Rotweinflasche unter seinem Sitz kurz zuvor leer gemacht hatte. Dem Kontrolleur in dieser Bahn ist das ziemlich egal!

    Leute: so macht das einfach keinen Spaß! Die müssen sich so über das miese Image der Bahn wirklich nicht wundern.

  4. Pingback: Bahn-Streik - langsam habe ich keine Lust mehr!! « Roman Möller ONLINE Blog

  5. Basti :

    Ohgott, Roman…

    Ich bin aber beruhigt, zu erfahren, dass ich nicht der einzige bin, der mit den Dingern auf Kriegsfuß steht.

  6. Am schönsten finde ich immer diese “Begründung” “wegen einer Verzögerung im Betriebsablauf” – was bitte ist denn das für ein “Grund”?

    Andererseits will ich gar nicht wissen warum ein Zug zu spät kommt – ich will, dass er pünktlich kommt.

    Fahrkarten kaufe ich allerdings immer im Internet, ich würde gar nicht mehr zum Bahnhof fahren, ohne schon eine Fahrkarte in der Tasche zu haben. Wegen der vielen Probleme, auf dem Bahnhof eine Fahrkarte zu bekommen, kann man eigentlich nur Züge schaffen, die Verspätung haben…

  7. Basti :

    “Verzögerungen im Betriebsablauf” wird doch auch als Synonym für “Schienensäuberung nach Suizid” verwendet, oder bin ich da falsch informiert?

    Ach ja, Fahrkarten kann man ja auch im Internet kaufen!!! Da sollte man mal drauf kommen. Aber da braucht man doch bestimmt irgendwelche Kreditkarten oder solche Krankheiten, oder? … Hab ich nicht….

  8. Muß man das Ticket nicht dann auch am Automaten ausdrucken lassen? Mein Arbeitgeber hat die Tickets auch im Internet geordert und bei mir war es so.

    “Verzögerungen im Betriebsablauf” – das kann alles bedeuten: der Schaffner ist auf einer Bananenschale ausgerutscht, der Lokführer muß nochmal auf’s Klo oder eben auch Schienensäuberung nach Suizid. Aber letzteres wäre doch in den Nachrichten gewesen!!! ;-)

  9. Superauthentisch geschrieben!

    Die Bahn schreit wirklich nach Satire – ich möchte die Werbung sehen, wie schön man mit der Bahn nie im Stau steht, vermischt mit der Bahnansagen, die man immer in Hbf hört: “Planmässigerabfahrt (irgendwann in der Vergangenheit)…”, “Verzögert um 10 Minuten….”, “fährt nicht, wegen Betriebsfremder Person auf dem Schienen….”,

    dann wird ausgezoomt und man sieht die Schienenersatzverkehr, überfüllt und im Stau stecken.

  10. fuwo :

    Es ist etwas komisch. Du hast einen 20 EUR-Schein in “kleine Scheine” tauschen lassen. Von Münzen ist bei dir keine Rede. Komisch ist dann nur folgender Satz:

    “Ich wende mich wieder dem Automaten zu, der noch mehr Geld will.”

    Das Ticket sollte “knapp fünf Euro” gekostet haben. Wie kann der Automat dann noch mehr Geld haben wollen. Bei mir ist da nach einem Schein Schluss – Oder gibt es in Kiel auch 1 EUR – und 2 EUR-Scheine ….?? Die Geschichte ist mindesten so schlecht durchdacht, wie die Fahrpläne der Bahn ….

  11. Tami :

    @fuwo:

    Was hälst Du davon: mein Ticket kostet bspw. 4,20 .. ich will aber nicht die achtzig cent in kleinen Teilen wieder haben, sondern eine große Münze. Also werfe ich ein zwanzig cent Stück in den Automaten. [hier findet die Unterbrechung statt] Der ist damit aber nicht zufrieden und will noch die anderen vier Euro. -> “Ich wende mich wieder dem Automaten zu, der noch mehr Geld will.”

    ;)

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