O book, where are thou? – Eine Bibliotheks-Odyssee
Da sag noch mal einer, studieren sei nicht gefährlich.
Ich ahnungsloser kleiner Student, in meinem Wesen friedfertig und niemandem etwas Böses wollend, bin heute in die Bibliothek gegangen. Und zwar nicht irgendeine Bibliothek, o nein, sondern in die Fachbibliothek für Anglistik an unserer Universität. Die Fachbibliothek für Anglistik gibt es eigentlich gar nicht, sondern sie besteht vielmehr aus einem Flickenteppich an wahllos auf einen riesigen, mehrstöckigen Raum verteilten Regalen. Dazwischen mischen sich Regale mit Büchern aus zahlreichen anderen Fächern. Amerikanistik, zum Beispiel. Kanadistik. Französisch. Katalanisch. Rumänisch. Weiß der Geier was sonst noch alles.
Ich bahne mir also meinen Weg vorbei an der geifernden Bibliothekswächterin, die meinen Bibliotheksausweis als Pfand bei sich behält (denn ich könnte ja mit einem Arm voller kostbarer Bücher aus dem Fenster springen).
Gut vorbereitet, wie ich als Erstsemester nun mal bin, weiß ich auch schon die Signatur des von mir gesuchten Buches: Sie lautet 001 MEY Eng. Herzlichen Glückwunsch.
Nachdem ich den mehrstöckigen Raum also betreten habe, sehe ich als erstes zu meiner Linken ein paar Regale mit offenkundig englischen Büchern, die nach Jahrhunderten geordnet sind. Das bringt mir nicht viel, weil ich ja nur die Signatur meines Buches weiß, aber nicht, in welchem Jahrhundert der Autor gelebt hat. Ich gehe unbeirrt weiter. Und finde eine Treppe tiefer einen gar illustren Haufen von Regalen mit Aufschriften wie “800″ oder “427.1″. Das ist doch schon mal schön, hier scheint es nach Nummern geordnet zu sein. Ich suche also die Nummer 001. Die gibt es natürlich nicht. Dafür scheint es die Nummern 800 bis 899 umso öfter zu geben.
Ich gehe noch eine Treppe tiefer. “American Fiction”, heißt es da auf den Regalen, die sich mir monströs entgegenrecken. Ja weiß denn ich, ob es American Fiction ist, was ich suche??? Ich weiß doch nur die Signatur!
Noch eine Treppe tiefer. Das Licht ist schummrig, ich sehe eine große, hagere Gestalt, die in einem Abstand von etwa 30 Zentimetern vor einem großen Regal steht und bewegungslos auf eine bestimmte Stelle dieses Regals starrt. Ich biege panisch nach links und befinde mich in einem Haufen von Linguistikbüchern. Mit einer gar kryptischen Signatur. Auch hier nichts von 001 zu sehen. Zumal es kein linguistisches Werk ist, das ich suche. Glaube ich. Ich gehe wieder auf den Hauptgang zurück. Der hagere Kerl steht immer noch dort und starrt das Regal an. Er hat sich nicht bewegt.
Ob das einer dieser grusligen Lehramtsstudenten ist, die ihr Erstes Staatsexamen nicht geschafft haben und nun dazu verdammt sind, auf ewig ein Leben in der Uni zu fristen? Schnell gehe ich geradeaus weiter, in der Hoffnung, vielleicht einen hell erleuchteten, wohl temperierten Raum zu finden, über dem in großer, gut lesbarer Schrift ein Schild mit der der Nummer 001 prangt.
Fehlanzeige. Es wird noch dunkler. Es riecht muffig. Ich sehe einen kleinen, vergilbten Zettel, auf dem “Lichtschalter” steht. Haha, sehr witzig.
Ich schaue auf die Regale – alles mir unbekannte Signaturen – und außerdem scheint es um alte deutsche Literatur zu gehen. Also die andere Richtung. Es wird nicht heller. Es muffelt immer noch. Die Signaturen werden kryptischer, die Bücher auch – ich stoße auf ein eingestaubtes, altes Buch mit braunem Einband. Es scheint wohl auf Sanskrit zu sein, denn egal, wie ich es auch drehe, die Schrift darin sieht immer so aus, als würde ich es falsch herum halten.
Ich stelle es schnell wieder zurück und eile weiter. Ich gelange in einen hell erleuchteten Raum, der wohltemperiert ist. Das ist schon mal gut. Nur leider hat sich dort die portugiesische Literatur versammelt. Mit Sekundärlitatur.
Brauche ich nicht. Ich entdecke nach hektischer Suche eine kleine Treppe, die ich kurz entschlossen auch benutze. Ich bin auf einmal im obersten Stockwerk. Blicke mich verstohlen um… vielleicht ist hier ja die Signatur 001? Doch alles, was ich sehen kann, sind Regale über Regale mit französischen Büchern. Das muss man sich mal vorstellen. Da stehe ich zwischen 20 000 französischen Büchern, die irgendwie alle grün eingebunden sind, zumindest kommt es mir so vor, und suche ein kümmerliches kleines englisches Machwerk. Mit einer Signatur. Aber hier bin ich wohl falsch. Die Franzosen an den Arbeitstischen gucken mich schon ganz entsetzt an.
Ich schleiche mich weiter. An weißen Regalen mit obskuren Nummern vorbei. Vorbei an emsig arbeitenden Menschen, die die Bücher über katalanische Suffixe und galizische Adverbien anscheinend äußerst inspirierend finden. Ich ekele mich ein wenig. Und ergreife die Flucht.
Wieder nach unten. Englische Bücher – o Heimat! – jedoch geordnet nach Jahrhunderten. Hier war ich doch schon mal! Naja, vielleicht habe ich die 001 ja nur übersehen.
Pustekuchen. Ich gehe denselben Weg noch mal ab (spare mir allerdings die Ausflüge zur Linguistik und in die anderen Gruselkammern). 800, 427.1 – 4, 820, 801, 820 (nochmal?), 810, 870. Mit Mathematik haben sie’s hier nicht so. Aber kein Wunder, das ist ja auch eine romanistische Bibliothek.
Als ich nun zum dritten mal bei Shakespeare (“16. Jahrhundert!” grinst mir das Schild am Regal stolz entgegen) angekommen bin, sehe ich den Plan. Der Bibliotheksplan. Die Rettung. Der deus ex machina. Alles wird gut.
Ich stürze dem Plan entgegen (möglichst ohne Geräusch, schließlich bin ich ja in einer Bibliothek). Ich sehe: Viele Striche (das sind die Regale), noch mehr Striche (das sind die Treppenstufen), noch mehr Striche (das sind noch mehr Regale) und einige Zahlen. Bei der Amerikanistik stehen gar keine Zahlen. Die geben anscheinend sogar zu, dass sie keine Ordnung in ihrer Bibliothek haben.
Ansonsten finde ich die schon bekannten Nummern – stets um die 800 herum.
Panik kommt in mir auf. Ich entschließe mich, um Hilfe zu schreien – doch halt, du bist ja in einer Bibliothek. Ich schaue mich also hilfesuchend um. Es ist kaum jemand zu sehen – nur aus dem oberen Stockwerk schauen ein paar Franzosen, die an ihren Arbeitstischen sitzen, missbilligend und mit gerümpfter Nase auf mich Verlassenen hinab.
Mir reichts. Ich gehe jetzt professionelle Hilfe holen. Ich marschiere festen Schrittes ins obere Stockwerk, denn da wohnen die freundlichen Mitarbeiterinnen der Bibliothek, das weiß ich (nur zufällig). Ich flehe um Hilfe. Ich schildere meine verfahrene Situation. Ich setze meinen Hundeblick auf.
Und tatsächlich, ich werde erhört. Blondie und ich machen uns auf den Weg, das Buch mit der hehren Signatur 001 MEY Eng zu suchen.
Um es kurz zu machen: Wir finden es nicht.
“Ist ja komisch, dass das hier nicht ist…”
“Ach ja…?!”
“Ich bin ja auch erst seit September hier…”
“Argh!”
“Was?”
“Nichts, nichts…”
Ich widerstehe dem Drang, mit meinem Kopf gegen das Regal “American Fiction” zu hämmern.
Wir finden immerhin das Regal “070″. Das ist dem Ziel zwar schon näher, als ich war und in meinem Leben jemals gekommen wäre, nur wirklich weiter bringt es mich nicht.
Nun ist es Blondie zu viel. Sie beschließt mit fester Stimme: ” Ich frage jetzt Frau Wrmblmzmbl.” (Den Namen der Bibliothekswächterin habe ich bis heute nicht verstanden, obwohl ich ihn schon öfter gehört habe).
Frau Wrmblzmbl schaut Blondie amüsiert an. Und als Blondie fragt: “Wissen Sie, wo 001 ist?”, da sagt sie schlicht: “Ja.”
Und deutet auf den Zeitschriftenraum, 5 Meter Luftlinie von ihrem Schreibtisch entfernt.
Blondie zeigt mir noch schnell den Zeitschriftenraum und entschwindet wieder. Ich bin nun allein mit einer Horde englischer Zeitschriften in einem gut beleuchteten, wohl temperierten Raum. Jedes Buch hier trägt die Signatur 001 (die Zeitschriften sind mit einem dicken “Z” gebrandmarkt)… es ist ein bisschen wie im Himmel… sehr friedlich… nur das leise Summen und Surren der Neonleuchten…
Ich schnappe mir Buch 001 MEY Eng (English and American Literatures) und frage mich, wieso Bücher mit der Signatur 001 im Zeitschriftenraum stehen. Aber das versteht wohl nur Frau Wrmblzmbl.
Unwort des Tages: Deutsche Ordnung.
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8. November 2007 um 00:57 Uhr
Herrlich, Basti vielen vielen Dank für diesen Beitrag! Ich dachte immer das geht nur mir so und fühle mich gerade sehr verstanden :)
Da freu ich mich doch glatt auf Freitag, wenn ich mich im gleichen Ordnungssystem auf die Suche nach meinen Büchern über Paulus machen darf. Aber dank dir weiß ich ja jetzt, dass ich im Zweifelsfall nur Frau Wrmblzml fragen muss :)
8. November 2007 um 00:59 Uhr
*rofl* sehr geil ge-/beschrieben! ich hab tränen gelacht!!! am besten gefällt mir der dialog mit blondie und das ende mit “…jedes buch hier trägt die signatur 001″
*muhahaa* ich kann nicht mehr, vor lachen! durch deinen videocast kann ich mir dich in dieser situation auch so herrlich vorstellen.
8. November 2007 um 01:16 Uhr
Ach Basti, du bist und bleibst einfach auf eine verpeilte Art genial! ;)
Und ja, das soll ein Kompliment sein! Und nein, ich finde mich in den Bibliotheken auch nicht besser zurecht. ^^
10. November 2007 um 22:55 Uhr
Sensationell geschrieben! Große Klasse! Schade, das ich nur die Stadtbibliothek bei mir kenne. Gut – ich war mal in der Landesbibliothek, da war alles schon eine Spur akademischer. Da trifft man dann Grünen-Abgeordnete, die nach NABU-Statistiken suchen und so… ;-))
3. September 2008 um 09:22 Uhr
Sehr schön geschrieben – während meiner deutschen Uni-Tage habe ich meine Freizeit damit verbracht, einfach in die Bibliothek zu stöbern. Man findet mehr, wenn man ohne festes Ziel lossucht.
3. September 2008 um 12:20 Uhr
Aber wenn man dann ein festes Ziel hat, kann man ja nicht so tun, als ob man kein festes Ziel hätte, weil man ja dann ein festes Ziel hat!
Ich nehme mir auch immer vor, mal einfach so in die Bibliothek zu gehen… und mal zu gucken, was mir so über den Weg läuft. Weil man das ja mal macht, als Schreiberling. Aber bis jetzt hat mich immer eine unbekannte Macht davon abgehalten…
3. September 2008 um 16:14 Uhr
Jedenfalls etwas Archetypisches an der Idee, Basti (und das könnte jede von uns sein) sucht und sucht nach dem Buch, welches er nie findet.
(Im Linkfeld habe ich ein alte Post von mir kopiert – auch über ein Buch, welches ich nie bekam….)
7. Dezember 2008 um 22:22 Uhr
Es muss:
O book, where art thou
heißen.
7. Dezember 2008 um 22:50 Uhr
Richtig.
Ähh. War voll mit Absicht, ähm. Dahinter versteckt sich eine große künstlerische Aussage. Die ähm, ist aber nicht für jeden sichtbar.
Weiße Bescheid.
Jedenfalls werde ich es nicht mehr ändern :-)