Der Herr Beck hat eine Erleuchtung.
Der Herr Beck hatte eine Idee. Die SPD, deren Chef der Herr Beck ist, liegt nämlich zur Zeit in einem historischen Umfragetief. Ob das an Angela Merkels unerwartet lustigem Regierungsstil oder an der Tatsache liegt, dass die Deutschen nach 16 Jahren Kohl einfach keinen Dicken mehr als Kanzler wollen, sei dahingestellt. Um aus diesem Umfragetief wieder herauszukommen, braucht die SPD ein ganz tolles Thema. Zum Beispiel den Mindestlohn. Der ist aber inzwischen auch ein bisschen durchgekaut, schließlich geistert er schon lange durch Politik und Medien und macht die CDU ganz wuschig. Etwas Neues musste her, dachte sich der Herr Beck, und da hatte er die Idee:
Die Wehrpflicht. Die muss weg.
Als die SPD mit der CDU in Koalitionsverhandlungen stand, da waren die Genossen noch anderer Meinung. Schließlich waren da die Umfragewerte auch nicht so schlecht wie jetzt. Im Koalitionsvertrag steht dann auch nichts von einer Abschaffung der Wehrpflicht. Denn das wäre ja auch mit der militanten, Verzeihung, mit der das Vaterland tapfer verteidigenden CDU nicht zu machen gewesen.
Natürlich spricht Herr Beck jetzt auch nicht von einer Abschaffung der Wehrpflicht, denn das wäre ja dann auch ein offener Bruch des Koalitionsvertrages. Und das geht ja nun gar nicht. Nein, der Herr Beck hat aus den Tiefen seines Körpers den Sinn für die Diplomatie ausgegraben und plädiert nun öffentlichkeitswirksam für eine freiwillige Wehrpflicht. Und das geht so: Es sollen nur noch diejenigen Wehrfähigen eingezogen werden, die das auch wollen. Der Rest kann tun und lassen, was er will. Der Vorteil: Es bedarf keiner Verfassungsänderung.
Die Bevölkerung findet’s gut, sagen die Umfragen. Die Bundeswehr nicht, sagt der Bundeswehrverband. Das habe nichts mit Wehrgerechtigkeit zu tun, heißt es da.
Dass das derzeitige System so weit von Wehrgerechtigkeit entfernt ist wie Herr Beck von einer Karriere als Balletttänzerin, verschweigt man dort natürlich. Ganz ganz ganz ganz vorsichtige, weil offizielle Schätzungen besagen, dass derzeit 50% der Wehrfähigen (exclusive Kriegsdienstverweigerer, wohlgemerkt) eingezogen werden. Man darf davon ausgehen, dass es tatsächlich deutlich weniger sind. Denn Wehrdienst kostet Geld. Und zwar eine Menge. Wer also von Anfang an weiß, dass er Zivildienst machen will und das der Bundeswehr bei der Musterung auch sagt, der wird eingezogen und muss Zivildienst machen. Die anderen habe eine große Chance, entweder gleich ausgemustert zu werden oder von der Bundeswehr nach der Musterung nie wieder zu hören. So geht das schon seit Jahren, und von Jahr zu Jahr werden prozentual gesehen weniger junge Männer eingezogen. Wehrgerechtigkeit ist also schon seit Jahrzehnten eine Utopie, die nichtsdestotrotz immer wieder zur Verteidigung der Wehrpflicht angeführt wurde und wird.
Becks Vorschlag schlug bei der CDU ein wie eine Bombe, man pocht dort reflexartig auf den Koalitionsvertrag. Was da drin steht, müsse ja gelten.
Der Wehrbeauftragte des Bundestages, ein Mensch mit dem lustig-arktischen Namen Reinhold Robbe, spricht sich ebenfalls für eine Beibehaltung der Wehrpflicht aus: Alles andere sei doch zu teuer. Das zeigten ja Erfahrungen in anderen Ländern wie Italien, Frankreich und Spanien (an dieser Stelle wird ausnahmsweise mal nicht Finnland als Beispiel genannt – kein Wunder, es ist sind ja auch Negativbeispiele…). Und sowieso: “Millionen von Männern haben Wehrdienst geleistet. Ich finde, der Wehrdienst ist der Kitt des gesellschaftlichen Solidarsystems.”¹
Schade, dass ich in der Presse keine Begründung für diesen letzten Satz finden kann, sie würde mich ernsthaft interessieren. Ich frage mich, was die Gesellschaft davon hat, wenn einige junge Männer, statt ins Berufsleben einzusteigen, Gehorsam und Geballer beigebracht bekommen. Vielleicht mit einem kleinen Seitenblick auf die Killerspiel-Diskussion wage ich mal zu behaupten: Es könnte sogar kontraproduktiv sein.
Die Wehrpflicht ist ein Auslaufmodell. Ein teures, unsinniges Auslaufmodell, das unnötigerweise einige junge Männer 9 Monate ihres Lebens kostet. Diese Erkenntnis hat sich schon in vielen Staaten dieser Erde ausgebreitet – nur bei uns wissen es mal wieder nur die Menschen auf der Straße, nicht aber die Menschen auf den gemütlichen blauen Stühlen im Bundestag. Mal sehen, wie lange es dauert, bis die das auch erkennen.
Vielleicht klappt’s ja wirklich und Herr Beck geht mit diesem seinem Vorschlag in den Bundestagswahlkampf 2009. Das tut er aber nur dann, wenn die SPD dann immer noch schlechte Umfragewerte hat. Denn darum geht’s. Es geht ja nicht etwa um die Gerechtigkeit.
Unwort des Tages: Gehorsam.
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¹ zitiert nach faz.net
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26. August 2007 um 03:06 Uhr
Also ich finde schon lange, dass die Wehrpflicht abgeschafft werden muss. Erstens behindert es die Leute, die studieren oder eine Ausbildung machen wollen und zweitens könnte eine Freiwilligen-Armee a) viel besser ausgebildet und sein b) einige Arbeitsplätze bringen. Aber nein, die Konservativen Kräfte der Regierung halten bedingungslos an der Wehrpflicht fest. Aber so lange wird sich das Modell glaub ich nicht mehr halten können. Warten wir es ab, was anderes können wir bei der Politik in unserem Land eh nicht machen.
27. August 2007 um 08:57 Uhr
das ist leider mal wieder nur all zu wahr. Schade, dass die Erkenntnis der Politiker, sollte sie dann überhaupt noch kommen, eindeutig zu spät für die Leute kommen, denen die Wehpflicht das Leben, ich sags jetzt mal vorsichtig, ruiniert hat. Gibts glaub ich auch nicht wenige.
27. August 2007 um 18:11 Uhr
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