Das Unwort

Unseriöse, unerhört unpolitische Ungereimtheiten

 
 
 
 

In den Fängen der Langsamkeit

Deutschlands einzige Wanderdüne befindet sich ganz im Norden unserer föderalen Bundesrepublik, und zwar in List auf Sylt. Für mich als investigativen Journalisten stellt sich nun die bewegende Frage: Wie ist diese arme Wanderdüne, die einzige ihrer Art weit und breit, eigentlich dort hingekommen? Sie wird ja wahrscheinlich nicht durchs Meer gewandert sein.

Ist sie mit dem Zug gefahren? Hat sie auch ordnungsgemäß bezahlt? Hat sie ein Rückfahrticket gelöst? Hat der Zug extra zwei Wochen auf sie gewartet, bis sie endlich eingestiegen war?

Das Schicksal einer Wanderdüne muss ein grausames sein – die einzige ihrer Art, von Freunden und Familie verlassen (ein Vorgang, der für Wanderdünen doppelt belastend ist, da es etwa zweieinhalb Jahre dauert, bis eine Wanderdüne außer Sichtweite ist), tagtäglich von Touristenfüßen getreten und von wildgewordenen Inselmöwen zugeschissen, in der ständigen Angst vor der nächsten Sturmflut… Es ist nämlich noch nie einer Wanderdüne gelungen, vor einer Sturmflut zu fliehen!

Wanderdünen sind wegen ihrer Leibesfülle auch meist zur Untätigkeit verdammt. Da kann man nicht mal eben abends ins Kino gehen oder so. Oder was essen. Oder shoppen (das ja sowieso nicht, die Produktpalette für Wanderdünen ist schließlich ziemlich beschränkt). Und selbst wenn sich die Wanderdüne dazu entschließen sollte, etwas Kreatives zu unternehmen – die Anreise dauert Ewigkeiten. Außerdem sind die Sylter sowieso isoliert, weil auf die Bahn angewiesen.

Sylter Normalos haben immerhin noch die Möglichkeit, sich nachts heimlich über den Hindenburgdamm davonzustehlen. Das würde nur eine wunderlich-wagemutige Wanderdüne wagen, weil es ja ein großes Risiko ist – dem Sylter Sandhaufen sagt man jedoch in dieser Hinsicht nicht allzu viel Mut nach.

Was macht also das Leben dieser Wanderdüne aus? Was plant sie für ihre Zukunft? Wohin führt sie ihr Weg, langsam, aber stetig? Wahrscheinlich weiß sie es selbst nicht. Oder sie will es nicht sagen.

Ein Interview hat sie jedenfalls abgelehnt.

Unwort des Tages: Langsamkeit.

Keine Kommentare zu “In den Fängen der Langsamkeit”

  1. 1
    romanmoeller:

    Wahrlich wahre Worte, deren offene und tabulose Aussprache längst überfällig war. Lang lebe die Wanderdüne …

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Unsinner

Bastian Kruse hat am gleichen Tag Geburtstag wie Martin Walser, Steve McQueen, Roland Koch und Nena. Geboren ist er im Gegensatz zu Vorigen im Jahre 1986 in den unendlich flachen Weiten Schleswig-Holsteins. Diese Weiten hat er bisher auch noch niemals für längere Zeit verlassen, und so wird er beim Anblick eines Berges jedes Mal von der Panik erfüllt, der Himmel könnte ihm auf den Kopf fallen.
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