Das Unwort

Unseriöse, unerhört unpolitische Ungereimtheiten

 
 
 
 

Kundenservice als Euphemismus

Erinnern wir uns an die gute alte Zeit, in der die Telefonzellen noch gelb, das Telefon noch mit Wählscheibe ausgestattet, die Telekom noch nicht existent und die Postkästen noch vorhanden waren. Da gab es in jedem Kaff ein gelbes Häuschen, in dem freundliche, kompetente, kleine, gelbe Männchen saßen und unsere Briefe entgegennahmen, uns Briefmarken verkauften und unsere Pakete wegschickten.

Und nun wagen wir den Zeitsprung in den Juni 2007:

Die Telefonzellen sind, falls vorhanden, schon längst lila, stark dezimiert und inzwischen sowieso an den meisten Stellen durch simple kleine Säulen mit Hörern dran ersetzt worden, die aussehen wie ein mutierter Straßenbegrenzungspfahl mit Mumps. Wer sich bei Regen in einer Telefonzelle unterstellen will, muss dafür erst Deutschland verlassen. Und wer telefonieren will, muss sich zuerst eine tragbare Lärmschutzwand organisieren.

Die Telefone besitzen heutzutage auch keine Wählscheiben mehr, sondern sind – o Wunder! – mit winzigen Knöpfchen ausgestattet, die man nur dann überhaupt findet, wenn man 120% Sehkraft hat. Fielmann sei Dank. Außerdem – große Medizin! – sind derlei Geräte inzwischen portable, das heißt, dass sie nicht mehr ortsgebunden in der Wohnung herumstehen, sondern komplett kabellos sind und die Strahlung eines mittelgroßen Atomreaktors verbreiten. Schlecht für die Potenz.

Zur Telekom sage ich an dieser Stelle nichts. Volksverhetzung ist schließlich strafbar.

Die letzten Postkästen hat die Deutsche-Post-World-Net-DHL-”Wir sind gelb und geil”-AG irgendwann letztes Jahr oder auch im Jahr davor, ich weiß es nicht mehr, (mein Gott, bin ich alt…) in einem beispiellosen Massaker gnadenlos abgeschlachtet – 50 000 Postkästen sollen dieser Gewaltaktion unabhängigen Berichten zufolge zum Opfer gefallen sein! Weitere werden vermisst… Wer also in Deutschland einen Brief verschicken will, der geht am besten ins Ausland und wirft ihn dort in den Postkasten.

Wer aber in Deutschland ein Paket verschicken oder auch nur abholen will, der hat eine Tortur vor sich…

  1. Aufgabe eins: Finden Sie die nächste Postfiliale! Schon ziemlich schwierig, immerhin werden von den Dingern ja ständig welche geschlossen…
  2. Aufgabe zwei: Finden Sie die Öffnungszeiten der Postfiliale heraus und versuchen Sie, zu genau diesen Zeiten dort zu sein! Das ist schon sehr schwierig, denn die Öffnungszeiten besonders kleiner Postfilialen lesen sich etwa so: Öffnungszeiten Mo-Fr 10-11.45 und 14.45-17 Uhr. Mi nachm. geschl. Man möchte weinen, wenn man das liest, traut sich aber nicht, aus Angst, eingeliefert zu werden.
  3. Aufgabe drei: Versuchen Sie, ohne Tobsuchtsanfälle und mit einer Wartezeit von weniger als 30 Minuten Ihr Paket der Postangestellen oder dem Postangestellten zu übergeben bzw. Ihr Paket abzuholen! (Umgehen Sie dabei die Beamtinnen und Beamten, die sind gefährlich!) Dies ist quasi unmöglich.

Am heutigen Tage habe ich versucht, eine simple Warensendung aus der Gefangenschaft der Hauptpost in Kiel zu befreien. An obiger Aufgabenstellung wäre ich gescheitert, weil ich geschlagene 30 Minuten damit zugebracht habe, das Innere der Postfiliale auf das Genaueste zu studieren. Unfreiwillig. Auf Deutsch: Ich stand in der Warteschlange. Eine halbe Stunde lang. Und dabei wollte ich kein Geld, ich wollte keine Liebe, ich wollte kein Aktienpaket der Post kaufen, ich wollte nicht die Deutsche Post AG insgesamt kaufen, ich wollte nur eine fucking Warensendung abholen. Auch, wenn der geneigte Leser es mir vielleicht nicht glaubt: Ich blieb die gesamten 35 Minuten meines Aufenthaltes im Postgebäude sehr ruhig. Ich war die Ruhe in Person. Auch dann, als mir der Postangestellte mit einer Ja-das-ist-aber-nun-Ihre-Schuld-Mimik erzählte, er könne sich auch nicht erklären, warum die vierteljährlichen Briefe der Firma Thomann nicht ankommen, war ich ganz ruhig. Ich beging keine Straftat. Ich ging einfach nach draußen. Auch an der Frau, die am Eingang des Postgebäudes Obdachlosenmagazine verkaufen möchte und dabei militant jeden grüßt, ging ich einfach nur vorbei – zugegebenermaßen grußlos.

    Ich verschweige an dieser Stelle meine Erfahrungen auf einem klitzekleinen Postamt in einem klitzekleinen Dorf, wo ich ein monströses Paket aufgeben und mir eben dieses bestätigen lassen wollte. Ich beschreibe nicht die Diskussion, die ich mit dem Postangestellten führen musste, in der es um das Für und Wider des Ausfüllens bestimmter Zettel ging.

    Ich begnüge mich mit folgendem, gut gemeintem Rat: Versuchen Sie nicht, der Deutschen Post einen Hauch von Kundenservice zu entlocken. Sie werden es bitter bereuen. Bleiben Sie lieber zu Hause und warten Sie geduldig auf das Ende des Briefmonopols. Nur noch 210 Tage.

    Unwort des Tages: gelb.

    Keine Kommentare zu “Kundenservice als Euphemismus”

    1. 1
      romanmoeller:

      Sehr schöner Bericht muss ich sagen. So einen Beef hatte ich mit der Post zum Glück noch nicht. Aber erst vor kurzem habe ich mich zumindest sehr gewundert. Da ersteigere ich bei Ebay eine LP, hat mit Versandkosten knapp 5€ gekostet. Man überweist ja in solchem Falle an den Verkäufer und gut. Nach den obligatorischen 3 – 5 Werktagen dann ein Zettel (orange), ich möge mir doch mein Paket von der örtlichen Poststelle abholen (die ich von voherigen Aktionen ganz ähnlicher Art schon kannte und so leichter hinfand) und noch 2,25€ Nachporto bezahlen.

      Gehe also erstmal an den Schalter, lege Perso und den Zettel hin – eine Dame kramt im Hintergrung umher und konsultiert sich mit einer anderen. Dann kommt sie nach vorne, gibt mir das Päckchen und meint: “Das Nachporto müssen sie aber nicht bezahlen, da haben wir uns wohl geirrt!” Schwein gehabt – aber wie passiert sowas?

    2. 2
      Basti:

      Tja, die Post hats eben nicht so mit dem Service – der Bahn gibts da übrigens ähnlich… habe da heute schon wieder eine Geschichte gehört, da schlackern einem die Ohren. Das ist schon wieder Stoff für mindestens zehn Blog-Einträge :-).
      Ach bei dir sind die Post-Zettel orange? Hierzulande isses ein schickes blau…

    3. 3
      romanmoeller:

      Orange bei Selbstabholung in der Filiale und blau, wenn bei Nachbar abgegeben. Das dürfte bei euch auch so sein, oder?

      PS: Die Bahn ist auch so ein Thema für sich. Freue mich auf die Geschichte, die vermutlich als Kommentar reine Verschwendung wäre.

    4. 4
      Basti:

      Nee, mein Abholschein gestern war blau. Komischerweise. Die Nachbar-Abhol-Sachen sind auch blau, stimmt… naja, nicht drüber nachdenken…
      Hm vielleicht mach ich aus der Bahn-Sache tatsächlich noch nen Eintrag, mal sehen. :-)

    5. 5
      Über den Blog-Rand geschaut! #1 « Roman Möller ONLINE Blog:

      [...] interessant geschriebene Berichte, stets mit politischem Anstrich. Die bisherigen Highlights: => Kundenservice als Euphemismus => Sind Sie mit ihrer Penisgröße zufrieden? => Are You Ready To Laugh? ‘Cause [...]

    6. 6
      Jenni:

      hihi. Manchmal hab ich das Gefühl das man bei der Post auch nur gut behandelt wird, wenn man da für Geldtransfer sorgt. Bin vor zwei Jahren den Fängen der Spasskasse (soviel Spaß für wenig Geld) entronnen und seitdem Postbankkunde. Macht aber schon Spaß, wenn ich vor der Arbeit kurz Geld holen will und dabei gleich zwei Leuten mit Paketen leider mitteilen muss, dass die Post erst um zwei wieder aufmacht. Naja, vorrausgesetzt der Automat funktioniert. wenn nicht, dann ist allerdings eher hinlegen und sterben angesagt, auf Hilfe warten bringt eh nix ;)

    7. 7
      Basti:

      Ja wenn man denen das Geld mitbringt, dann ist die Behandlung natürlich gleich einne andere, logo. Aber so als normaler Kunde…?! :P

      Momentan bin ich mit meiner lokalen Spaßkasse recht zufrieden, muss ich sagen. Und selbst wenn nicht, würde ich wahrscheinlich eher nicht zur Postbank wechseln, weil ich keinen monatlichen Geldeingang von mindestens achtzigtausend Euro habe…

    8. 8
      Jenni:

      Als wenn, hab ich doch auch ned :)

    9. 9
      Basti:

      Ich hab’s mir schon fast gedacht… aber die Postbank wirbt doch immer mit einem gebührenfreien* Girokonto! :P

      *ab einem monatlichen Geldeingang von 1250 €

    10. 10
      Jenni:

      hihi, nicht so lange man so klein und unschuldig ist wie ich ;) nein, da gibts son “Jugend – Girokonto”

    11. 11
      Basti:

      Jau, das stimmt wohl. Haben viele Banken… meistens, bis man 27 ist oder so. nicht wahr? Is bei der Spaßkasse genauso.

    12. 12
      Jenni:

      Joa, irgendwie so… ich glaub bis 25… bin mir grad nicht ganz sicher :)

    13. 13
      Von gutem Kundenservice « Gedankendeponie:

      [...] ich es nur für recht und billig angesehen, dies hier einmal zu würdigen, wo man doch so viele negative Beispiele kennt. Vielen Dank [...]

    14. 14
      Von gutem Kundenservice | Gedankendeponie:

      [...] ich es nur für recht und billig angesehen, dies hier einmal zu würdigen, wo man doch so viele negative Beispiele kennt. Vielen Dank [...]

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